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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-15 · Heft 29 (15.7.1904) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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wird diese durch Besuche von erwachsenen. Verwandten erzielt, oder aber dadurch, daß aus der Nachbargemeinde einige Männer aushilfsweise herüberkommen, teils zu diesem Zwecke speziell oder aber, um selbst des Genusses einer Religionsandacht teilhaftig zu werden. Die meisten dieser ca. 50 Gemeinden besitzen eine eigene Synagoge, der beste Beweis dafür, daß früher an diesen Orten mehr Juden wohnten, da diese meist ziemlich alt und die wenigen heute an den kleinen Orten wohnenden Juden weder aus eigenen Mitteln ein Gotteshaus würden bauen können und nur mit großen Opfern das vorhandene erhalten können. Andererseits auch beweist dies, daß das Land industriell nicht in dem Maße mancher anderer Länder sich vorwärts entwickelt hat, denn der Jude, das ist eine bekannte Tatsache, zieht infolge seiner kaufmännischen und sonstigen Veranlagung gern nach Orten, in denen Handel und Industrie blühen, geht aber fort von dort, sobald diese anfangen zu stagnieren oder rückwärts zu gehen. Vermögende israelitische Gemeinden sind mir hier nicht bekannt. Ist es doch selbst der größten dieser, der in Rostock, einer Stadt mit 55 000 Menschen und über 80 Juden, erst vor einigen Jahren möglich geworden, sich eine eigene Synagoge zu bauen und zwar auch nur erst infolge eines Legats eines alten reichen und frommen Junggesellen, der zu diesem Zwecke der . Röstocker Gemeinde ein Kapital von, wenn ich -nicht irre, 80 000 Mark vermachte. Dafür ist aber auch der jüdische Tempel in Rostock ein wahres Prachtstück, wenigstens was äußere Ausstattung und praktische Einteilung rc. betrifft. Selbst eine Orgel besitzt dieses Gotteshaus, den neuzeitlichen Ansichten sich unpassend, daß ein Gottesdienst mit Orgelbegleitung bei Gesängen erhebender wirkt, als rulr der einfache, häufig recht problematische Gesang allein. Was ich an der Synagoge zu tadeln habe, ist die schlechte Akustik. Von einigermaßen größeren Städten und dementsprechend Gemeinden kommen nur noch in Betracht Schwerin mit 39000 und Güstow mit 17 000 Einwohnern. Leider besitzt das ganze Land nur einen einzigen Rabbiner, den Landesrabbiner, der natürlich seinen Wohnort in der Residenzstadt Schwerin hat und somit am besten dort für das Judentum wirken kann. Viel vorteilhafter freilich wäre es für dieses, wenn es zu ermöglichen wäre, daß noch ein zweiter, auch akademisch gebildeter Rabbiner engagiert würde und zwar in Rostock, der einzigen Landesuniversität. Gerade hier wäre diesem am besten Gelegenheit gegeben, durch feinen Konnex mit den städtischen wie Landes- und Universitätsbehörden zur Geltung zu bringen, welche Stellung und Achtung die jüdische Religionsgenossenschaft verdient. Hier gerade doppelt, weil speziell die Rostocker Bürgerschaft, teils durch die Universitätsverhältnisse und teils als größte Handelsstadt des Landes in religiöser Beziehung sehr objektiv und frei denkt. Den besten Beweis hierfür lieferte die . oben erwähnte Einweihung der Synagoge, zu der die sämtlichen Behörden Repräsentanten sandten. Da ich gerade bei diesem Punkte angelangt bin, sei es mir gestattet, einige Bemerkungen, die nicht direkt zum Thema gehören, einzuflechten. Die Juden im allgemeinen sind, das ist Tatsache, mildtätig und wohltuend und helfen sich gegenseitig, soweit sie können. Die im Verhältnis zur Gesamtzahl .der Juden im Deutschen Reiche große Anzahl milder Stiftungen jedweder Art spricht hierfür am besten. Nur wenige aber gibt es, die den Zweck verfolgen, Stipendien zu vergeben an junge Leute, die sich der jüdischen Theologie widmen wollen. Ich glaube sicher, daß, wenn nach dieser Richtung hin mehr danach hingestrebt würde, daß auch Mittelstädte sich einen akademisch gebildeten Rabbiner engagieren können, würde und müßte das Judentum unendlich gewinnen. Nicht bloß nach außen hin wäre dies der Fall, und mit Rücksicht auf andere Religionsgemeinschaften, die selbstredend eine Gemeinde ohne Prediger nicht für gleichberechtigt oder voll ansehen, auch für den jüdischen Nachwuchs selbst wäre dies ein unschätzbarer Vorteil. Der Religionsunterricht, jetzt meist notdürftig geleitet von sogenannten Lehrern oder Vorbetern, die,' wenn auch im Ritus und der Religionslehre so gut ausgebildet, wie nur möglich, sind und bleiben nieinals die Lehrkraft, die der Jugend schon nicht nur das Beten und die Zeremonien beibringen sollen, sondern auch ihnen die sinngemäße Erläuterung geben müssen und ihnen die Achtung schon von vornherein einprägen sollen, die sie, wie jeder, vor sich selbst, vor anderen und speziell vor ihrer eigenen Religion haben sollen. Gerade in dem Fehlen an gebildeten, religiösen Erziehern, der Jugend liege wohl zum großen Teil der Grund, daß der Jude sich nicht der Stellung bewußt ist, die einzunehmen er in einem zivilisierten und mit religiösen und bürgerlichen Freiheiten ausgestatteten Staate berechtigt ist. Vielleicht gibt diese Anregung ein wenig Anlaß dazu, daß nach dieser Richtung hin mehr für das Judentum getan werde. Die Friedhöfe der, wie erwähnt, meist kleinen Orte sind fast durchweg recht gut gepflegt und sehr geräumig, so daß die meisten wohl erst in Jahrhunderten gefüllt sein mögen. Daß diese gut in Ordnung gehalten werden, ist bei der bekannten Pietät der Israeliten nur erklärlich. Eine große Anzahl dieser letzten Ruhestätten sind teils von den Gemeinden, teils vorn Lande den jüdischen Gemeinden gratis übergeben worden. Gerade dieser Zug muß die Juden dieses kleinen Ländchens nur angenehm berühren, als bester Beweis der Achtung und Fürsorge der Landesregierung, wovon wir weiter unten bei Besprechung der Gemeindeversammlungen einen noch weiteren sehen werden. Daß die Friedhöfe häufig auf hohem sandigen Terrain liegen, ist vom ökonomischen Standpunkt leicht erklärlich, weniger natürlich von: rationellen. Der Zweck der Beerdigung der körperlichen Hülle eines Wesens ist, wie schon der Name dies ausdrückt, die Verwesung. Diese aber tritt aus hohem sandigen Boden nicht ein, so daß meiner Ueberzeugung nach, ähnlich wie bei den Aegyptern durch künstliche Einbalsamierung, hier vielfach Mumifizierung vor sich gehen wird, und die alten jüdischen Friedhöfe in späterer Zeit eine antiquarische Fundgrube früherer Gebräuche (Kleidungen fallen ja bei den Juden weg) zu werden versprechen. Freilich wird wohl das Umgraben und Nutzbarmachen alter jüdischer Kirchhöfe auch später auf manche Schwierigkeiten stoßen, da diese ja nach israelitischem Ritus unantastbar sind. Was nun die jüdischen Gemeinden an sich betrifft und ihre Tätigkeit, so ist diese vielfach eine ganz verschiedene. Jeder derselben ist von der Regierung ein Patron in Gestalt des jeweiligen Bürgermeisters beigegeben, außer dem sie sich, je nach Größe und Ansichten ein oder mehrere Vorstandsmitglieder wählt und zwar bei den größeren Gemeinden die ■ am passendsten erscheinenden, in den kleinern meist, dem früheren jüdischen Gebrauch entsprechend, den an Jahren ältesten. Die Versammlungen selbst werden in ganz verschiedenere Weise abgehalten. Da, wie oben erwähnt, die Gemeinden meist ohne direktes Vermögen, handelt es sich naturgemäß fast ' nur um die Aufbringung der Mittel zur Unterhaltung der Synagoge und der Hypothekenzinsen, vielleicht auch noch Abgaben an das Landesrabbinat, Bezahlung eines Religions-

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