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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-15 · Heft 29 (15.7.1904) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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mieten, die nicht vorher um die Erlaubnis eingekommen sind, in genannten Kreisen wohnen zu dürfen." Bis jetzt konnten die Juden Rußlands nach Finnland in die Sommerfrische fahren. Woher plötzlich dieses Verbot? Ist vielleicht der Mörder des Generalgouverneurs von Finnland ein Jude gewesen? Das ist doch nicht der Fall, sein Vater war Senator und Gouverneur, und Juden können in Rußland bekanntlich keine Staatsstellungen bekleiden. Aber natürlich sind für russische Tschinowniks auch ' an diesem Morde die Juden irgendwie schuld. Anders läßt sich dieser Befehl nicht erklären. Daß er erfolgt ist zu einer Zeit, wo viele Söhne der Juden ihr Leben für Rußland in Ostasien opfern, ist das Erhebendste an der Sache. Auch nachstehender unerhörter Vorfall ist für russische Verhältnisse so recht, bezeichnend. Der „Breslauer Zeitung" wird unter Angabe sämtlicher Namen und Details berichtet: „Ein junger russischer Jude, der zurzeit seiner Militärpflicht genügt, ging mit seinem Regiment nach dem ostasiatischen Kriegsschauplatz. Die Eltern erhielten mehrfach Briefe, indessen seit einigen Wochen blieb jede Nachricht aus. Begreiflicherweise befanden sich die Eltern in Angst und Sorge. Vor wenigen Tagen wurde der Vater auf das Polizeirevier berufen und ihm mitgeteilt, daß ein Telegramm, seinen Sohn betreffend, vorliege, daß man es ihm aber erst gegen Zahlung von 20 Rubeln aushändigen werde. Der arme Mann war nicht in dem Besitz des verlangten Geldes. Alle Bitten des geängstigten, in höchster Sorge befindlichen Vaters halfen nichts; er mußte wieder Weggehen, und es gelang ihm nur mit Mühe und Not, in größter Hast die verlangte Summe aufzutreiben, die er dann dem Polizeikommissar übergab. Hierauf empfing er das Telegramm. Es war vom Generalkommando und enthielt die Nachricht, daß sein Sohn — gefallen sei. * Die Abrechnung des Kischinewer Komitees ist nach sehr langem Zögern endlich erschienen. Der Grund für diese ungewöhnliche Verzögerung war für alle Welt ein offenes Geheimnis, das -so unangenehm es für uns Juden auch ist, dennoch an dieser Stelle dem großen jüdischen Publikum enthüllt werden muß. Gleich nach dem furchtbaren Krawall haben nämlich die jüdischen'Millionäre in Kischinew, ergriffen von dem über die Gemeinde plötzlich hereingebrochenen entsetzlichen Elend, vielleicht auch von Dank gegen die Vorsehung erfüllt, die sie davor geschützt hat, selber ein Opfer der Katastrophe zu werden, sehr große Beträge zur Unterstützung der Opfer des Krawalls gezeichnet. Aus Dank für diese Freigebigkeit wurden nun diese Herren an die Spitze des von der Regierung genehmigten Hilfskomitees gestellt. Kaum jedoch war der erste Schrecken überwunden, als es vielen Komiteemitgliedern schon leid tat, solche große Summen versprochen zu haben, und sie suchten nun unter allen möglichen Vorwänden sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Die Tatsache ist so traurig, daß die übrigen Komiteemitglieder, darunter der edle Dr. Mutschnik, sich schämten, vor die große Oeffentlichkeit zu treten, bevor nicht wenigstens ein großer Teil der von den Komiteemitgliedern gezeichneten Beträge eingezahlt worden ist. Dieses ist nun endlich geschehen. Von den 100 000 Rubeln, welche die Herren vom Komitee gezeichnet haben, sind mit Ach und Krach 54 000 eingezahlt worden, und so konnte man schließlich unter voller Darlegung der Ursachen der Verzögerung zur endgültigen Rechenschaftslegung schreiten. Leider hat die Zensur es verhindert, das vom Komitee mit vieler Mühe und großer Sorgfalt gesamnrelte vollständige Material über die Opfer der Katastrophe im Berichte zu veröffentlichen, so daß die Oeffentlichkeit über den ganzen Umfang der Kischinewer Greuel erst in einer spätern Zukunft unterrichtet werden wird. Im ganzen hat das Kischinewer Komitee aus 728 Plätzen 1 010 343,30 Rubel erhalten. Die Spenden liefen aus sämtlichen Erdteilen ein, die größte Beteiligung wies jedoch naturgemäß Rußland se.lber auf, wo nicht weniger als 663 Städte und Städtchen sich mit größeren und kleineren Beiträgen au der Sammlung beteiligt haben. Ferner haben im ganzen 22 jüdische und nichtjüdische Zeitungen Sammelstellen eröffnet, jedoch war das Ergebnis der Sammlungen in den russischen Zeitungen ganz minimal, da die Christen in Rußland mit sehr wenigen rühmlichen Ausnahmen sich nicht im geringsten bewogen fühlten, die von ihren Glaubensgenossen in Kischinew verübten Schandtaten durch Spenden auch nur einigermaßen wieder gut zu machen. Eine einzige Ausnahme machte die russische „Nowosti". Dieses liberale Blatt vertritt zwar nichts, weniger als jüdische Interessen, da sich jedoch seine Leser meist aus Juden rekrutieren, so brachte es nicht weniger als 42 000 Rubel für die Opfer der Kischinewer Katastrophe auf. Noch mehr als die „Nowosti" hat der rein jüdische Interessen vertretende und ausschließlich von Juden gelesene russische „Wosschod" geleistet. Die jetzt von Herrn v. Plehwe für die Dauer von 6 Monaten unterdrückte Wochenschrift hat über 50 549 Rubel gesammelt. Es folgte die hebräische „Hazesirah" mit 20 534, der in Jargon erscheinende, von den Aermsten der Armen gelesene „Fraind" mit 12 000, der inzwischen eingegangene „Hameliz" mit 9 925, der „Hazofeh" mit 8 985 und der inzwischen gleichfalls eingegangene „Hasman" mit 1831 Rubel. Im ganzen haben die verschiedensten Zeitungen 157 594,62 Rubel gesammelt, dazu kamen die andern Spenden ohne nähere Bestimmung ixr Betrage von 820 525 Rubel, so daß für die Unterstützung der Opfer des Krawalls 978119,63 Rubel --- 2 102 957,20 Mark eingelaufen sind. Dazu kamen spezielle Spenden und Einnahmen im Betrage von 32 223,67 Rubel und zwar waren davon bestimmt: Für die Hinterbliebenen der Ermordeten 7 009, für ein Kinderhospital 9 997, zur Errichtung von genossenschaftlich betriebenen Werkstätten 5 559, anoyme Spenden 6 454 und Zinsen 4 143 Rnbel. Das Komitee glaubte ursprünglich, schon im Herbst 1903 sich auflösen zu können, da man hoffen durfte, daß nach Einbringung der Ernte sich die ökonomische Lage der Juden wesentlich bessern werde. Aber die Ernte hat die aus sie gesetzte Hoffnungen nicht erfüllt und die Zahl der Notleidenden hat zugenommen, statt abzunehmen. Dazu kam noch, daß die durch den Krawall eingeschüchterten Juden keine Courage hatten, sich in dauernden Geschäften zu engagieren, die Geschäftsstockung artete zu einer veritabelen Krisis aus, und das. Resultat war, daß das Komitee, außer den direkt vom Krawalle betroffenen Juden, es sehr bald mit Hunderten von jüdischen Familien zu tun bekam, welche durch den Krawall indirekt brotlos wurden. Aus diesem Grunde sah es sich gezwungen, seine Tätigkeit zu verlängern und so lange in Aktion zu bleiben, bis die Spenden ganz und' gar auszubleiben begannen. Am 25. .Januar 1904 hat das Komitee seine letzte Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, sich aufzulösen und den in seinem Besitze sich noch befindenden Restbetrag von 11.036 Rubel dem Vereine zur Unterstützung von Ortsarmen zu überweisen. Während seiner neunmonatlichen Tätigkeit (vom 15. April 1903 bis 25. Januar 1904) hat das Komitee 809 vom Krawall unmittelbar betroffene Familien unterstützt und 6805 Familien, welche indirekt durch die auf die Krawalle gefolgte Geschäftsstockung in Not geraten sind, gefördert. Für die erste Kategorie wurden 533 573, für die zweite 156 072 Rubel verausgabt. Eine große Summe wurde für die Witwen und Waisen der ermordeten' Juden verwendet, so daß alle Spender für Kischinew das beruhigende Bewußtsein haben dürfen, daß wenigstens für die Hinterbliebenen der heiligen Märtyrer von Kischinew ausreichend gesorgt worden ist, indem für sie nicht weniger als 100 200 Rubel verwendet wurden. Ferner sind veraus-- gabt worden: für Emigrationszwecke 15 390, Aerztehonorar rc. 3041, für Rechtsbeistand 14 700, Unterhaltung des Bureaus 4041, für die Volksküche 23 057 und zur Unterstützung verschiedener Bildungsanstalten 16 748 Rubel. Endlich hat die Beerdigung der vom Pöbel geschändeten Thorarollen 581 Rubel gekostet. Nach Abzug der für verschiedene spezielle Zwecke gespendeten 31 904 Rubel verblieb noch ein Restbetrag von 110 035,88 Rubel, von dem 50 000 der J. C. A. zur Errichtung einer großen jüdischen Kolonie im GouvernementBessarabien und 50 000 Rubel dem Odessaer Komitee für Kolonisation Palästinas

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