Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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ÄWXv;V r'--: "•:;r’;'■'^r:f: -::^f-^^^:v';‘3 in Friedensinstrumente werden verwandelt werden, das Zeitalter, das Jesajah in prophetischer Vision gesehen, das wir aber immer noch ersehnen, und um das wir täglich zu Gott bitten. Wir Juden kennen nur noch ein geistiges Zion, nicht das des Königs David und nicht das des modernen Zionismus. Aber wenn wir auch mit den Zielen seines Begründers uns nicht einverstanden erklären konnten und können, dem Manne, der so Großes gedacht und erstrebt, der mit heiligem Eifer, den keine Mühe bleichte, für die Wiederbelebung des jüdischen Geistes arbeitete und schaffte, geziemt von allen Seiten volle Hochachtung und wärmste Anerkennung, ein treues Gedenken! In magnis voluisse sat est. rÄM Dir Woche. Berlin, 12. Juli. Ueber die durch den Tod des Führers innerhalb des Zionismus geschaffene Situation äußert sich einer der Führer der Bewegung in folgender Weise: „Herzl war bis zu seinem letzten Atemzuge unbestrittener Führer der zionistischen Partei, und nicht um die Führerschaft, sondern um ganz spezielle Fragen hatte es sich bei den seltensten und immer geschlichteten Meinungsverschiedenheiten in der Partei gehandelt. Die größte und erregteste Diskussion im Zionismus hat die sogenannte Ostafrika-Frage erweckt. Das Uganda-Projekt war nicht im Schoße des Zionismus entstanden, sondern von der englischen Regierung angeregt worden. Der Plan, auf afrikanischem Boden ein jüdisches, vollkommen autonomes Staatssystem zu gründen, war nach den traurigen Ereignissen in Rumänien und Rußland von der englischen Regierung den Zionisten unter gleichzeitiger Anbietung des betreffenden Territorium vorgelegt worden, wobei die englische Negierung natürlich nicht daran dachte, sich des Landes rundweg zu entäußern. Auf dem sechsten Zionistenkongreß wurde das Projekt diskutiert und mit Zweidrittelmajorität zum weiteren Studium empfohlen. Die Anti-Ugandisten rekrutierten sich hauptsächlich ans den russischen Delegierten, während die meisten Zionisten aller anderen Länder prinzipiell das Projekt der objektiven Prüfung empfahlen, wobei aber auch die letzteren einstimmig erklärten, daß die Erwerbung Palästinas als öffentlich rechtliche Heimstätte der Juden das Endziel des Zionismus bleibe. Als Gründe gegen das Projekt wurde der Wortlaut des Programms der Partei und die tausendjährige Sehnsucht der Juden nach ihrer alten Heimat angeführt. Als Gründe für. die Prüfung des Projekts hatte man den Respekt vor der liberalen englischen Regierung, die Würde der eigenen Partei, die ein Projekt nicht ungeprüft ablehnen dürfe, sowie das Elend der Juden in den östlichen Ländern Europas angeführt, wo das Volk zu Tausenden dem Elend preisgegeben ist oder eine planlose Auswanderungsbewegung mit unzureichenden Hilfsmitteln besteht. Schließlich machte man für das Projekt noch die politische Erziehung in einem autonomen politischen Gemeinwesen geltend. Bei der Tagung des weiteren Aktionskomitees wurden die Gegensätze ausgeglichen, dem Dr. Herzl einstimmig das Vertrauen votiert und der Beschluß des sechsten Zionistenkongresses bestätigt, wonach zur Prüfung des zu besiedelnden Gebietes eine Kommission von wissenschaftlich gebildeten Fachmännern an Ort und Stelle entsendet werden sollte. Seitdem wurde übrigens im englischen Parlament von der Regierung die Erklärung abgegeben, daß das Anerbieten von seiten Englands trotz des dilatorischen Kongreßbeschlusses nicht zurückgenymmen worden sei. Eine andere Gruppierung, die aber mit dem Auftauchen der Ostafrika-Frage in den Hintergrund getreten ist, war durch die Bildung der „demokratischen" Fraktion einerseits, andererseits durch das Anwachsen der orthodoxen Gruppe gegeben, zwischen welchen beiden die überwiegende Mehrheit jener Zionisten stand, die im Anschlüsse an das Aktionskomitee die Frage der inneren Organisation des Zionismus hinausschieben wollte bis zu dem Zeitpunkt, da die Verwirklichung unseres Zieles näher stünde. Während der Zionismus im Prinzip den politischen Fragen der einzelnen Länder sich durchaus fern hielt, hatte die sogenannte demokratische Fraktion — unter Wahrung dieses Prinzips — die Gegenwartsarbeit mehr in. den Vordergrund gerückt wissen wollen, das ist -im Osten soziale Hilfswerke und überall, insbesondere im Westen, künstlerische und kulturellpolitische Erziehung des Volkes. In diesem Bestreben wurde die Fraktion vom Aktionskomitee, insbesondere von Dr. Herzl, unterstützt. Die Meinungsverschiedenheit bestand eigentlich nur darin, ob diese selbstverständlichen Bestrebungen einen eigenen Programmpünkt der Partei bilden sollten, was dem Zionismus, der eine große staatenbildende Bewegung sein soll, fast den Stempel einer Wohltätigkeitsaktion oder einer Bevormundung ausdrücken würde. Herzl hatte zu Lebzeiten viele Mitarbeiter gehabt, die zum größten Teil in seine Pläne und in den Stand des Zionismus eingeweiht waren. An der Spitze der Partei steht das engere Aktionskomitee in Wien, bestehend aus fünf Mitgliedern, dem Herzl Vorstand, dann das weitere Aktionskomitee, bestehend aus ungefähr fünfzig Mitgliedern aus allen Ländern, wo Juden wohnen. Dazu kommt die jüdische Kolonialbank mit dem Hauptsitz in London, die sich an die Organisation des Zionismus, insbesondere an -sein oberstes Zentralorgan, den Kongreß, anlehnt. Wem die Führung der Partei übertragen werden wird, ob einem einzelnen oder einem Direktorium, kann man natürlich noch nicht sagen. Jedenfalls ist da der Wille der Partei beziehungsweise, seine Sympathien und sein Instinkt entscheidend. Ebenso läßt sich nicht sagen, wann der nächste Kongreß stattfinden wird, da trotz der Krankheit Herzls sein Tod für uns überraschend kam und die Vorarbeiten und Wahlen für den Kongreß (der letzte Kongreß in Basel hatte 1200 Mandate und ca. 600 Mandatsträger) längere Zeit in Anspruch nehmen. Höchst wahrscheinlich ist, daß in allernächster Zeit das weitere Aktionskomitee zusammentreten wird, um eventuell vorläufig ein Provisorium zu schaffen." * , Es steht fo ziemlich fest, daß das englische Fremdengesetz in dieser Session nicht zum Abschluß gelangen wird. Die Opposition ist fest entschlossen, dem Gesetzentwurf den Garaus' zu machen, indem sie die Verhandlungen in der Kommission möglichst ausdehnt. Diese sitzt dreimal wöchentlich, und nach der ersten Woche sind erst 2 Vs Zeilen des Gesetzes zur Besprechung und Annahme gelangt, wahrend der ganze Gesetzentwurf die Länge von 235 Zeilen hat. Die Regierungsblätter bezeichnen das Verhalten der oppositionellen Mitglieder als Obstruktion) wissen aber kein. Mittel, dieser ein Ende zu machen, da das große Komitee fast mehr Mitglieder zählt, als heute an den Verhandlungen des Unterhauses teilzunehmen pflegen, und da jedes dieser Mitglieder das Recht hat, zu dem Gesetzentwurf zu sprechen. In der letzten Sitzung handelte es sich um die Frage, ob der Gesetzentwurf geeignet sei, das Spionagesystem zu begünstigen oder nicht. Die liberalen Blätter behaupten, daß der Vorschlag der Regierung dahin gehe, auf jedem Schiff Leute anzustellen, die während der Reise mit den Einwanderern in Verkehr zu treten versuchen sollen, um über deren Pläne und Vorleben auf unverdächtige Weise Auskunft zu erhalten. Der Home Sekretary wies diese Behauptung mit großer Entschiedenheit zurück, aber die Liberalen bleiben dabei, daß das Einziehen von Erkundigungen über die Einwanderer durch Passagiere nichts weiter als eine Spionage sei. * Aus Rußland wird dem „Berliner Tageblatt" geschrieben: Der Gouverneur von Wiborg (Finnland) hat, wie die Zeitung „Prawo" mitteilt, folgenden Erlaß veröffentlicht: „Hiermit untersage ich allen Villenbesitzern der Kreise Raiwolo, Terioka, Kiwinehe, Muala, Nowokirke und Wiborg unter Androhung einer Strafe von 100 Mark, ihre Landhäuser an solche Juden zu ver-