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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-15 · Heft 29 (15.7.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. So. 29. Berlin, 15. Juli 1904. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig philixxson. Alle Zusendungen für. Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Theodor tzrr?l Berlin, 12. Juli. er Begründer des Zionismus und das Haupt der Zionisten, Dr. Theodor Herzl, ist gestorben. Wird ihm . sein bekanntestes Geisteskind, die Idee des zionistischen Staates, in absehbarer Zeit nachfolgend Diese Frage schwebt sicher auf Vielen Lippen. Man mag über den Zionismus denken, wie man will, man kann wohl begreifen, daß ein Mann wie Herzl in unserer Zeit des Antisemitismus auf die seltsame Idee des Zionismus, eines jüdischen Zukunftsstaates, kommen konnte. Entspricht ja nichts so sehr dem jüdischen Herzen und Gemüt, wie das Wort, das die Megillah der Königin Esther in den Mund legt: „Wie kann ich Zusehen dem Nebel, das mein Volk treffen würde; und wie kann ich zusehen, daß mein Geschlecht umkomme?" In der Redaktion eines Weltblattes, in der Stadt der Schönerer und Lueger konnte Herzl mehr noch von den antisemitischen Unterströmungen bemerken, als Außenstehende, und die schon genug sahen. Als treuer Jude fühlte er die Keulenschläge, die der antisemitische Plebs seinen Stammes- und Glaubensgenossen mit brutaler Grausamkeit versetzte, als gebildeter Mann und Dichter empfand er vielleicht noch schmerzlicher die feineren Nadelstiche der Salonantisemiten, die zur gebildeten Welt sich zählen und gezählt werden. Wie diesem ewigen Jammer, diesen immer wieder sich erneuernden Ahasverqualen ein Ende, ein wirkliches, endgiltiges Ende machen? Das war die Frage, die sich viele gebildete Juden vorlegten. Nur ein Dichter, der in einem großen Getriebe auch viel von hoher Politik hörte, konnte sie so lösen zu können glauben, wie Herzl. Hätte er so fleißig über dem Strich wie unter dem Strich geschrieben, er wäre sicher vor den sich auftürmenden Schwierigkeiten zurückgeschreckt, er hätte rechtzeitig es ausgegeben, die Quadratur des Kreises zu finden. Als Dichter aber, der auf dem Theater und in Romanen heimischer als in der wirklichen Welt war, schritt er mit träumerischer Sicherheit über die Schwierigkeiten hinweg, weil er sie eben gar nicht sah. So wenig der Wanderer, der von fern die glühenden Alpengipfel sieht, eine Ahnung hat von den Abgründen, die sich auftun, von den Gefahren, die zu überwinden sind, so wenig machte der Vater des Zionismus sich im Anfang eine Vorstellung von den zahlreichen und verschiedenartigen Schwierigkeiten finanzieller, politischer, religiöser Natur, die der Begründung seines zionistischen Staates im Wege standen. Als aber die Idee einmal in seinem Dichterhirn ausgeblitzt, war er selbst geblendetvon ihrer außerordentlichen Größe und blendenden Eigenart. Der Esra, nein der Moses seines Volkes zu sein! Noch mehr selbst! Denn, was war der Auszug der Kinder Israel aus dem gerade von Plagen aller Art heimgesuchten Aegypten, verglichen mit dem Auszug von hundert Sprachen redenden, hundert verschiedenen Kulturen und Kulturstufen angehörenden, mit zum Teil tausendjährigen Banden an die verschiedensten Länder gebundenen, Tausende von Meilen von einander entfernten, durch Weltmeere und noch mehr fast durch ihre verschiedene Art zu glauben, zu denken, zu leben von einander getrennten, modernst gebildeten und vorsündflutlich rückständigen Juden aus allen Richtungen der Windrose? Das war nicht mehr das Werk eines Esra, nicht das eines Mose, das war das Werk eines Messiah. Wohl begreiflich, daß Herzl, ganz geblendet.von dem Glanze dieser Mission, da er schon die bei den Juden selbst liegenden Schwierigkeiten nicht sah, erst recht nicht die zahlreichen anderen, von den Juden ganz unabhängigen, nicht gesehen hat. Und nicht nur geblendet war er, er war auch unzugänglich allen Warnungen und Warnungen. Er wurde nicht stutzig, als die orthodoxen sowohl wie die reformierten Rabbiner überall sich von der Sache abwandten; er wurde nicht einmal mißtrauisch, als die Antisemiten ihm applaudierten. Er ließ sich genug sein an der Zustimmung der armen russischen Juden, die jedem überall hin gefolgt wären, weil ihre Not gar so groß ist; er hörte freudig den Beifall der studierenden Jugend, nicht bedenkend, daß diese nur eben so einpfindlich war, wie er selbst und genau so uneingedenk des Dichterwortes: Leicht bei einander wohnen die Gedanken, — doch hart im Raume stoßen sich die Dinge. Die Juden in den wirklichen Kulturstaaten wollten im großen ganzen nichts von dem neuen ihnen zugedachten Staate wissen, weil sie sich eins fühlten mit den Völkern, unter welchen sie lebten, deren Geschichte und Literatur sie kannten, die sie zum Teil selbst mitgemacht. Mit der Zeit hatten sie die Denk- und Lebensweise, die Sitten und Gebräuche dieser Völker angenommen, und mit ihren Stammesgenossen verband sie nur noch der Glaube an einen einzigen und ewigen Gott und an die Mission des Judentums, die Abstammung und die -Erinnerung an einstige Verfolgungen und die Möglichkeit neuer. So wollten sie denn bleiben in den Ländern, für Welche sie geblutet, in welchen sie gearbeitet, gelernt, geliebt nnd gelitten, die nun ihre wirkliche Heimat geworden. j Aber wir sagen ja an unseren Festen: im nächsten Jahre >.M Jerusalem! Wir denken ja an Zion und wünschen, daß es in neuer Pracht erstehe? Das ist nur ein idealer Traum. Das Jerusalem, in das wir wollen, ist das Gottesreich, da .Lamm und Wolf zusammen weiden, und die Waffen des Krieges

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