Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-08 · Heft 28 (8.7.1904) · p. Seite 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
Seite 336 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228610--60944-3274740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 336 - Anerkeitnung der Schmackhaftigkeit der Speisen durch Schnätzen mit der Zunge und lachten ausgelassen und übermütig, wenns die Frau einem von ihnen zurief: „Verschwärzter Mamser,' warum machschte ke Broche?" -- Der Menschßnstrom schwoll immer mehr an und ergoß sich ftutenartig um die in den schmalen Seitengäßchen auf- " gestapelten Hausen von Seefischen, grünen Heringen- Oliven^ Backwaren, Feigen, Datteln und Apfelsinen, die zum Verschütten der übelriechenden Amstel ausgereicht hätten, während an den Buden mit Schnitt- und Galanteriewaren, Büchern, Anti-' quitäten, Posamentier- und Luxusartikelnnur wenig Käufer sich blicken ließen. — Nur mit Mühe und Not, nicht ohne Gefahr, unter einen Straßenbahnwagen zn geraten, schob und drückte ich mich vorwärts durch das fürchterliche Gewühl der auf und ab hastenden Massen, die heute aus den entlegensten Stadtteilen in der Joden-Breetstraat sich zusammensanden. Das wunderte mich auch nicht weiter. Es war ja heute Purim, Israels altehrwürdiger Freudentag, der, wie überall, auch hier, und vielleicht hier erst recht, besonders von den Wohlhabenden und Reichen festlich begangen wird. Doch auch die Bewohner des Judenviertels, für welche dieser Täg, wie es mir schien, weniger ein Fest als ein mühsamer Arbeitstag war, ließen es sich nicht nehmen, das Andenken der schönen Esther und ihres greisen Oheims in üblicher lustiger Weise zu feiern. Zwar sah ich auf der Straße keine Masken, dafür aber in den Schaufenstern große bunte Plakate mit der Ankündigung von Purimbällen und Volksbelustigungen. Um nun das Leben und Treiben der emsigen Gassebewohner auch auf dem Parkett des Tanzsaales kennen zu lernen, besuchte ich abends einen solchen Ball, dessen Teilnehmer, insbesondere die „Damen", die noch vor wenigen Stunden in schmierigen Gewändern an den Karren und Buden standen und mit lauter Stimme ihre Waren seilboten, einen sehr vorteilhaften Eindruck machten. Ich weiß zwar nicht, ob ein von Luxus und äußerer Pracht verwöhntes Auge an diesen Damen der Judengasse etwas Sehens- und Bewundernswertes gefunden hätte, ich aber fand hier das Wort der alten Weisen bestätigt: „Die Töchter Israels sind schön, doch die Armut macht sie häßlich", und mir gefielen diese armen Marketenderinnen ganz ausnehmend gut. Ich sah, wie sie beim Klange der Musik in: wirbelnden Tanze dahinschwebten und bewunderte das lodernde Feuer in ihren schwarzen Augen und die rhythmischen Bewegungen ihrer schmiegsamen Glieder und begriff die etwas plumpen, aber dessenungeachtet für weibliche Reize nicht unempfänglichen Tänzer, daß sie sich nun in eine Welt paradiesischer Wonne und seelischen Entzückens versetzt dünkten. Selbst der schon erwähnte robuste Gesell mit der rotbläulichen Gesichtsfarbe und den glotzenden Kalbsaugen, der in der Hitze des Gefechts um schnöden Gewinn seiner hübschen Nachbarin auf dem Markte wegen ihrer geschäftlichen Erfolge ein über das anderemal „de Pescht sollste kriggen" zurief, schien jetzt von besseren Gefühlen beseelt, edleren Regungen zugänglich; denn er machte sich jetzt um seine Konkurrentin viel zu schaffen, bewirtete sie mit Limonade und Kuchen und drückte sie beim Tanz so innig und fest an seine Brust, als wäre sie die Auserwählte seines Herzens. — Das junge Mädchen aber, an derartige Galanterien wahrscheinlich gewöhnt, hatte kein besonderes aufmerksames Ohr für sein Liebeswerben und atmete sichtlich erleichtert auf, sobald sie ein Anderer zuin Tanz aufforderte. Und an Tänzern mangelte es dort nicht. Außer den jüdischen jungen Männern und Frauen bemerkte ich auch viele Christen, die heute, wie mir erzählt wurde, gekommen waren, um mit den Bewohnern des Judenviertels eine Art Versöhnungsfest zu feiern. Es war nämlich vor kurzem zwischen diesen und jenen ein Streit ausgebrochen, der in arge Tätlichkeiten ausartete. Auf beiden Seiten, gab es blutige Köpfe und geschwollene Augen, und als sie so gegenseitig ihre Tapferkeit genügend bewundert und ihre Ebenbürtigkeit erkannt hatten, reichten sie sich die Hände zum Frieden, der heute auf dem Purimball offiziell verkündet wurde. Auf einem in der Mitte des Saales errichteten Podium erschienen, umringt von den tanzlustigen Männlein und Weiblein, zwei Herren, der eine groß und. schlank, der andere etwas kleiner und breitschultrig, beide hielten gefüllte Biergläser in der Hand, tranken der jauchzenden Menge zu und riefen zu gleicher Zeit wie aus einer Kehle: Hoch die Jüden! Hoch die Gojim! Der Friede war nun besiegelt, und wir wollen hoffen, daß er auch recht lange anhalten wird. Ich aber gewann die Ueberzeugung, daß die.armen Bewohner der Joden-Breetstraat sich in nichts von der armen christlichen Bevölkerung in den angrenzenden Straßen unterscheiden, es sei denn in ihrem religiösen Leben, das im Rahmen von Armut und Unwissenheit allerdings ein komisches Bild darstellt. Berthold Auerbach, der 1878 die Amsterdamer Judengasse besuchte, muß deren emsige Bewohner durch die Brille des Aesthetikers betrachtet haben, sonst hätte er unmöglich schreiben können: „Und die mit Abscheu gemischte Erbitterung Spinozas gegen solche Genossenschaft ist mir nun neu erklärlich, und die Absonderung der gebildeten Juden ist eine innere Notwendigkeit". O, nein! Die innere Absonderung der gebildeten Juden von diesen ihren armen unr das tägliche Brot schwer und bitter kämpfenden Stammesgenossen wäre ein himmelschreiendes Unrecht, das keine dichterische und schriftstellerische Begabung ernstlich verteidigen könnte. Nicht einmal Hermann Heijermans, der selbst aus der Amsterdamer Judengasse hervorgegangen ist, vermag uns, trotz seiner lebendigen Schreibweise, trotz der plastischen Schärfe, mit der er uns seine Jodenbreetstraat-Typen vorführt, von deren Decadence und Verkommenheit zu überzeugen. Die armen Leute sind weniger zu verachten als zu bedauern, zu bedauern, daß sie weniger ihrer christlichen als ihrer jüdischen Umgebung zur Zielscheibe.des unberechtigten Spottes und der unbegründeten Verachtung dienen. SxrechsWl. Sehr geehrter Herr Redakteur! is weitere Antwort von Herrn H. in Lissabon kommt, darf ich Sie auf Jew. Q. Rev. XV (Jan. 1903) pag. 272 verweisen, woraus hervorgeht, daß am 25. Mai 1902 der Grundstein zu Schaare. Hatikwa gelegt wurde. Das wird damals in den Zeitungen erwähnt sein. Ich verweise übrigens nur deshalb darauf, 1. um Ihnen gleichzeitig für freundliche Erwähnung meines am 25. Mai gefeierten Festes zu danken; 2. unr Ihre Aufmerksamkeit auf den ganzen Artikel in jener „Review“ zu lenken. Eine auszngliche Bearbeitung wäre gewiß für Ihre Leser von Interesse. , Ihr ergebener Kopenhagen/3. Mai 1904. D. Simonsen. * iBmfhaftnt der Nrdsktion. K. in K.: Da Sie österreichischer Untertan sind, so ist es am besten, wenn Sie sich an den Rektor der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, Rektor Dr. A. Schwarz, wenden, der Ihnen nähere Auskunft geben wird. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.