Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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lang kein jüdisches Werk, das dort im Drucke erschien, verhielt mich ablehnend gegen Spinoza und Verbannte seine Schriften aus meiner Bibliothek, hütete mich an Karl Gutzkow und Berthold Auerbach zu denken, deren überreiche Phantasie mich in meiner Sehnsucht nach der Stadt an der Amstel bestärkt hätte, und ging prinzipiell jedem Gespräch aus dem Wege, das mich an diesen Ort erinnern könnte. Da spielte mir ein Zufall Hermann Heijermans „Sabbath" in die Hände — und Amsterdam lebte von neuem in meinem Gedächtnis auf. Freilich berührte mich diese Lektüre zuerst recht -unangenehm: ich konnte es mir nicht gut vorstellen, daß in der Stadt, wo Männer wie Uriel Acosta und Baruch Spinoza gelebt und gelitten haben, Heijermans ekelerregende Gestalten existieren, aus Fleisch und Blut sein sollten. Ich war daher geneigt, dem holländischen Dichter eine starke Dosis antijüdischer Gesinnung zuzuschreiben und wollte an Amsterdam nicht weiter denken. Allein die Macht des Dichters über unser Gemüt ist zuweilen gewaltiger, als unser Wille, ihn als Luft zu betrachten. Bon dem berauschenden Zauber seiner Schilderungskraft erfaßt, mußte ich, ob ich wollte oder nicht, seine „Studie", wie er diese Erzählung nennt, noch einmal lesen, und da gewann ich -die Ueberzeugung: Heijermans hat seine Sabbat-Gestalten nicht aus der Lust, nicht aus seiner überspannten oder gar judenseindlich angehauchten Phantasie, sondern aus der nackten Wirklichkeit, aus dem vollen Leben gegriffen, aus einem Leben, das zwar viele Schattenseiten, aber noch viel mehr Lichtpunkte aufzuweisen hat, und darum auf alle, die gleich mir ihre ersten Jugendeindrücke in der Judengasse gewonnen haben, einen eigenartigen Reiz, eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. Nun aber erwachte in mir von neuem der so lange unterdrückte Wunsch, diese Stadt, deren Straßen, Häuser und Bewohner ich bisher nur als Luftbilder im Traume geschaut, endlich einmal aufznsuchen, und Dank einer gütigen Fügung des Geschicks ist es mir in letzterer Zeit gelungen, diesen Wunsch zu verwirklichen. Es war am 1. März gegen 10 Uhr morgens, als ich, mit dein Schnellzug aus Berlin kommend, in Amsterdam eintraf. Der erste Anblick, den mir die Stadt auf dem Wege vom Bahnhof nach dem Hotel gewährte, war kein besonders freundlicher. Die engen und krummen Gassen und Gäßchen, die der Hotelwagen mit mir durchquerte, waren noch in fast nächtliche Stille gehüllt, ziemlich menschenleer, und über den wettergrauen, schmalen, schiefen und eckigen, vornüber gebeugten zwei- und dreistöckigen Häusern mit ihren kleinen' Fenstern in weißm, grünen und braunen Nahmen lagerte ein düsterer, wolkenschwerer Himmel, der jede Minute seine Schleusen öffnen zu wollen schien, um die letzten Schneespuren von den Straßen wegzuspülen. Ich versank in tiefes Nachdenken, und in meiner Seele erwachten längst verblaßte Bilder zu neuem Leben. Ich sah mich im Geiste kn das Lubliner Judenviertel versetzt, das ähnliche enge und krumme Gassen und Gäßchen,! ähnliche schmale, schiefe und wettergraue Häuser aufzuweisen' hat, über welchen ein ewig düsterer, wolkenschwarzer Himmel lastet, der das Leben der armen Bewohner verfinstert und jeden Lichtstrahl ihres Verstandes, jede sonnige Regung ihres-- Herzens in tiefe abenddunkele Schatten hüllt — und ich sehnte; mich nach Licht, Luft und Leben. . . > Da hielt plötzlich der Hotelwagen vor einem stattlichen) Gebäude; Diener in Livree eilten herbei, ergriffen mein Gepäcks und geleiteten mich durch ein glänzend erleuchtetes Vestibül?- über teppichbelegte Treppen in ein warmes, geräumiges, mit allem Komfort ausgestaltetes Zimmer, bei dessen Anblick ich? aus meinen Träumen erwachte und die Wirklichkeit erkannte, eine Wirklichkeit, die auf Ziffern und Zahlen beruht, an die ich noch lange denken werde. Obwohl ich mich nach der beschwerlichen langen Fahrt müde und abgespannt fühlte und einige Stunden Ruhe 'mir sehr wohl getan hätten, so gönnte ich mir diese doch nicht und unternahm aufs Geradewohl eine Wanderung durch die Stadt. Der Himmel, der bei meiner Ankunft so düster und traurig herabhing, hatte sich inzwischen aufgeklärt, und entzückender, belebender Sonnenschein füllte die Straßen mit Licht und Wärme und verlieh allem, was ich sah und mir begegnete, ein sympathisches Aussehen. Natürlich war mein erster Weg nach der Joden-Breestraat, die zu besichtigen doch die eigentliche Veranlassung und der Hauptzweck meiner Reise war. Ich machte aber, bevor ich sie erreichte, große Umwege; denn ich hatte keinen Führer, erkundigte mich auch bei niemanden: Nach dem einzuschlagenden Wege, sondern ging, wie die alten Berliner zu sagen pflegten: der Nase lang. Es mochte ungefähr etwa in der zweiten Nachmittagsstunde gewesen sein, als ich auf der Wand eines Eckhauses die Bezeichnung „Jonas Daniel Meijer-Plein" bemerkte. Halt, sagte ich mir, hier in der Nähe muß die Joden-Breetstraat liegen. - Und richtig: noch einige Schritte vorwärts fesselte eine hebräische Inschrift auf einem altertümlichen Gebäude meinen umherschweifenden Blick, und nach kaum zwei Minuten gelangte ich' durch ein kleines, schmutziges Seitengäßchen in eine mit Menschen vollgepfropfte Straße, die ich, ohne mich nach der Straßenbezeichnung umzusehen, sofort als die von mir gesuchte erkannte. Ein eigenartiges Bild entrollte sich hier vor meinen Augen. Auf beiden Seiten des Fahrdamms standen Händler und Händlerinnen mit ihren auf Karren geladenen Waren und priesen, schreiend und singend, deren Billigkeit und Vorzüglichkeit an. In der Mitte und auf den Gehstegen wogten Haufen von Menschen, verschiedenen Alters und Geschlechtes, aus und nieder und musterten mit prüfendem Blick bald die in den Schaufenstern der Läden, bald die auf den Karren ausgelegten Waren, während die Verkäufer und Verkäuferinnen kein Mittel und keinen Trick unversucht ließen, um die mehr schauals kauflustige Menge zum Kaufen heranzulocken. „Kauft, kauft, liebe Leut, Purim ist doch heut" sang nach einer fröhlichen Synagogenmelodie ein allerliebstes junges Mädchen mit wohltönender Altstimme und bediente flink und geschickt die um ihren Karren sich häufenden Kunden, indeß ihr Nachbar, ein mittelgroßer breitschultriger Gesell, mit rotblauer Gesichtsfarbe und glotzenden Kalbsaugen, wütend und neidisch über ihren Erfolg, ihr mit derselben Melodie in einem fort zurief: „De Pescht sollste kriggen, die Pescht sollste kriggen". — Diesen gegenüber stand an seinem Handwagen gelehnt ein untersetzter alter Mann, blickte träumerisch in das Gewühl der vorübergehenden Menge, richtete, so oft er sich in seinen Erwartungen getäuscht sah, seine Angen gen Himmel und sprach mit heiserer, krächzender Stimme: „Was Gott thut, ischt awadde gut". — Einige Schritte weiter staute sich eine Gruppe von scheinbar dem Arbeiterstande angehörenden Männern und Frauen um ' einen mit dampfenden Töpfen und Kesseln beladenen Karren, dessen Besitzerin, eine kleine, runde, üppige Frau mit aschgrauem Haar und grünschillernden Augen, mit kreischender Stimme in die Menge laut hineinries: „Purim, Purimgerichte, warme Erbsen, gebratene Leber, gekochte Heringe, Bonties mit Bräumer mit einer sauren Gurke und einem Messinaapfel als Dessert, alles nur ein Dübbelchen, ein Dübbelchen". Ihre Worte verklangen nicht in die Luft. Die Leute verzehrten zwar etwas hastig, doch mit sichtlichem Behagen die in irdenen Schüsseln ihnen verabfolgten Gerichte, bekundeten ihre