Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- . - L:-. r - > -- - - - - V - -3a.i- V ^|j „Natürlich hat dieser Witzbold die Tochter bekommen." Hi' „Gewiß! Nun wollen wir aber gehen!" Die gute Frau H4des Hauses entließ ihn mit einem Händedruck. |j r Noch einmal hatte der Winter seine harte Faust geballt, jH ein letzter Kampf ditzses gewaltigen Titanen ward mit dem . jungen Frühling um die Oberherrschaft geführt. Stürmebrausten, Schneeflocken fielen und dazwischen leuchtete die Sonne in verheißungsvollem Strahl. Die Teiche waren fest I’. gefroren und die eislustige junge Welt des Städtchens buxfte noch einmal dem edlen Eissport huldigen. Hei, diese Lust! G Leo Berger war bereits feit einer Woche im Amte. Es behagte ihm ganz gut in dem verkehrslustigen Städtchen, welches im zuckrigen Hermelinmantel gar schmuck und adrett aussah. Er war bemüht, sich so gemütlich wie möglich einzurichten. Heute, an einem hellen, klaren Sonntag war er ein t' Stündchen spazieren gegangen. An der belebten und glitzernden b Eisfläche stand er still. Auf einmal erwachte in ihm eine unv bändige Luft, dahinzufliegen, das alte, fast vergessene Ver- >; gnügen wieder zu üben. Richtig! Zu Hause mußte er noch > ein Paar Schlittschuhe haben. Er eilte zurück und kam froh b erregt mit ihnen wieder. Die Bahn bot ein buntes Bild. f, Paarweise liefen Herren und Damen, ein einzelner zeigte seine Kunst im Bogenschlagen, und ein junges, sehr großes Mädchen versuchte mit ängstlicher Sorgfalt und Vorsicht vorwärts zukommen, wobei es hilfeflehende Blicke nach rechts und links j sandte. War das Mädchen nicht Else Morgenstern? — Natür- - lich. Nach vorn gebeugt, glitt sie zögernd langsam vorwärts,; stand wieder atemholend einige Minuten still, um ihre Blicke V umherschweifen zu lassen. Da eilte von der anderen Seite ein i . hochaufgeschossener, , magerer Jüngling auf sie zu, und sie nahm mit sichtlicher Freude seine Begleitung, richtiger > Führung an. j- Er hatte Mühe, sie nachzuziehen, die sich krümmte und j beugte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Wie ein j großes Fragezeichen neben einem schlanken, spitzen Ausrufungsl' zeichen nahmen sich die Beiden nebeneinander aus. . ■ Jetzt fesselte eine „Schlange" Leos Aufmerksamkeit. Er stand noch immer zuschauend auf der Fläche. Ein Herr fungierte als Kopf, zog den Körper (Damen und Herren) mit - starker Muskelkraft und schnellte blitzartig um, so daß der | Schweif, eine junge, dunkelgekleidete Dame, losgelassen wurde. ■ | ■ Sie flog in elegantem Bogen an ihm vorüber. ] „Fräulein Herz?!" rief er erfreut.; Sie wollte stehen bleiben, konnte jedoch nicht — und fiel, ’ j . das Gleichgewicht verlierend, auf den Eisspiegel. Sofort war; Leo an ihrer Seite, i „Haben Sie sich verletzt, Fräulein?" | „Ich glaube nicht," flüsterte sie. ' < „Stützen Sie sich fest auf mich. Ich werde Sie zur Bank f . führen, und sobald Sie sich von dem Unfall erholt haben, ' nach Hause geleiten." ' Nach und nach fanden sich andere Läufer und Läuferinnen bei der Bank ein, auf welcher das Paar Platz genommen hatte. Ein sehr elegant gekleidetes, hübsches Mädchen, eine l; wunderbare Junogestalt, die durch dunkle, kurze Locken und . s ein Pincenez Aufsehen erregte, näherte sich ihnen mit Else , I Morgenstern. Der Unfall wurde nach gegenseitiger Vorstellung \ 1 lebhaft bedauert und Else meinte : . I „Da konnten Sie, Herr Kantor, ja schon Ritterdienste; ' leisten." Darauf kam ihr Begleiter, Herr Provisor Salomon Eisner, NM sie )it einem neuen Rundlauf abzuholen. Während die ändere iu?lge Dame, Magda Chone, sich sehr lebhaft mit dem Kantor unterhielt, beobachtete Deborah das ungleiche Paar und kritisierte im stillen. Magda war immer über die neuesten Tagesereignisse unterrichtet, sie las viel und wurde von den Freundinnen für sehr klug und emanzipiert gehalten. Sie fragte ihn über Berlin aus und war ganz enthusiasmiert. Kein Wunder, daß sie unserem Kantor gefiel! Endlich erinnerte er sich wieder an Deborah, die er ganz vernachlässigt hatte. Er wandte sich zu ihr: „Wie geht es Ihnen, Fräulein Doborah? Darf ich Ihnen abschnallen?" „Bitte. Sehen Sie nur Else und Salomon! Sind die Beiden nicht zum Totlachen, Magda?" „Ja, wirklich!" bestätigte diese. „Wir haben Elfe schon soviel geneckt, sie kann es nicht lassen. Und sie vergißt von Jahr zu Jahr das mühsam Erlernte, so daß sie immer wieder von vorne anfangen muß. Adieu, Deborah, adieu, Herr Kantor. Bitte, besuchen Sie uns recht bald." (Forts, folgt.) flus der Imltkrdsmkr Iudmgsllr. Von Albert Katz. Schon in meiner frühesten Kindheit, als ich noch die , dumpfe Luft des Ghetto einatmete, hatte ich eine bej sondere Vorliebe für Amsterdam. Meine Phantasie umrankte > den Namen dieser Stadt mit einem Strahlenkranz der Heiligkeit, i ich hielt die dort wohnenden Juden, ähnlich denen in Jerusalem, j für besonders von Gott bevorzugt, stellte mir deren Chachamim i als die auserkorensten Träger der Thora vor, und diese selbst,! glaubte ich, gehe, wie einst von Zion, nun von dort aus. Wie ich j auf solche einfältigen Gedanken kam, ist leicht erklärlich: Meine! ersten Lehrbücher, Gebetbuch und Pentateuch, waren in; Amsterdam gedruckt. Auf dem Titelblatt des Talmudträktats, I der mir zum erstenmale in die Hand gedrückt wurde, starrte j mich mit großen schwarzen Lettern ernst und traurig Amsterdam; an. Die Folianten der Codices, deren geistschärfender Inhalt! meine Sinne gefangen hielt, viele kabbalistische und religions-! philosophische Werke, die ich später in stillen Nächten heimlich! und verstohlen las, waren alle in Amsterdam gedruckt und! kündeten mir in den Vorreden der Herausgeber und Zuj stimmungserklärungen der Rabbiner von der Größe und; „Heiligkeit" dieser Stadt als eine Muttergemeinde in Israel.! Und als ich älter geworden war, die düsteren, engen und be-! engenden Mauern des Ghetto verlassen und die Wahrnehmung : gemacht hatte, daß außer der jüdischen noch eine andere große i Geisteswelt existiere, da war es wieder Amsterdam, das auf meine Sinne einwirkte. Die erste Erzählung, die ich in; deutscher Sprache las, war „Der Sadduzäer von Amsterdam", der erste Roman „Spinoza", und das erste Drama, das ich auf einer Bühne aufführen sah, „Uriel Acosta". Kein Wunder, daß in mir der Wunsch sich regte, diese Stadt, deren Namen mich wie ein Schatten durch alle Wandlungen meines wechselvollen Lebens begleitete, auch einmal aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Allein Jahre auf Jahre verstrichen, ohne daß mein bescheidener Wunsch in Erfüllung ging, und resigniert bettete ich ihn zu meinen vielen anderen Wünschen, die ich für immer in die Tiefe meines Herzens versenkt habe. Ich gab mir die redlichste Mühe, Amsterdam ein für alleinal aus meinem Gedächtnis auszumerzen. Ich berührte Jahre