Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wie gefällt es Ihnen hier?" fragte Fräulein Rosa nach der Begrüßung, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr, sie fort:' "Maren Sie Opernsänger?" . Zwei schillernde Augen richteten sich auf ihn, um ihn in ihren -Zauber zu bannen. . Dabei siel eine Rose von ihrer Brust und rollte dem Sänger zu Füßen. Galant nahm er sie auf und reichte sie der holden Schönen mit der Bemerkung dar: „Die Rose der Rose." ' ' „Zu meinem Bedauern," fuhr er fort, „nicht. Ich war noch garnicht auf. der Bühne; ich Habe die Bretter, welche die Welt bedeuten, noch nie betreten." „Aber Sie besuchen doch wohl oft das Theater und die Oper? Ich habe vor kurzem in Berlin den „Faust" gesehen; er ist wirklich aufregend und schwer zu verstehen. Der Held selbst mit dem weiten, schwarzen Mantel und Schlapphut, dem finsteren, grübelnden Blick sieht teuflisch schön aus. Und daneben das Gretchen, diese Lichtgestalt." . „Na, ja," warf Frau Gina Silberstein ein. „Meine Rosel war in Berlin und in der Schweiz. Sie spricht fertig französisch, malt, spielt Klavier und singt. Geh', sing' dem Herrn Kantor doch 'was vor und begleite Dich!" „Ah — hm," zierte sich die Aufgesorderte. „Es ist ja noch Sonnabend," wagte Leo schüchtern zu bemerken, worauf er einen mißbilligendes Blick von Frau Regina erhielt. „Ah, — parlez-vous fran^ais, madeinoiselle?" wandte sich Leo interessiert an Rosa. Er sprach geläufig französisch, er war mit einem jungen Franzosen befreundet. „Hahaha," lachte Rosa, die nicht mehr viel wußte. Dabei warf sie sich in den weichen Fauteuil zurück, sodaß alle Haarnadeln aus ihrer kunstvoll gesteckten Puffe herausfielen und die Haarsträhnen von dunkel kastanienbrauner Farbe heraufflogen. „Olp oh," seufzte die junge Dame und warf ihrer Mutter einen bitterbösen Blick zu. Diese gab ihn weiter an den jungen Mann, der seinerseits die ganze Tragik und Peinlichkeit einer solchen Situation fühlte und sich schleunigst mit dem Bedauern empfahl, Herrn Silberstein nicht angetroffen zu haben. „Ein ungebildeter Mensch!" Den dürft Ihr nicht behalten!" — schallte.es ihm noch nach und es wurde ihm bange ums Herz. Noch ein Besuch blieb übrig, den Deborah ihm empfohlen hatte. Ein, Frösteln, ein Unbehagen ergriff ihn, als er durch die Allee schneebedeckter Kirschbänme wanderte, um Schmul Lewins Heim zu erreichen. Zwei kleine, nur durch eine Portiere getrennte, warm geheizte Zinuner beherbergten den Lehrer a. D. Leo wurde überaus freundlich empfangen, und die Gemütlichkeit und Wärme des Zimmers machte sich ihm bald bemerkbar. Schmul Lewin war ein kleines, dürres Männchen mit einem faltigen, welken Gesicht und einem grau gesprenkelten Ziegenbart. Aber die Physiognomie war einnehmend, sympathisch. Er schnupfte: „Hä, hä, haben mir sehr gut gefallen heute, junger Mann, hä, hä. Aber es ist doch nicht mehr die alte Zeit. Gott sei's geklagt. Sprachen vieles falsch, — Pardon! — anders aus wie ich. War auch oft Vorbeter hier, natürlich nur aushilfsweise; das heißt, — ich sollte eigentlich Rabbiner werden. Ja, ja, staunen Sie nur, junger Freund! Ich kann den ganzen Talmud auswendig." „Wie heißt!" fiel seine Frau mit einer fetten, etwas belegten Stimme ein, während sie halb tänzelnd durch das Zimmer schritt und das behäbige Gewicht ihres Körpers einem Sesfelchen anvertraute, daß es in allen Fugen krachte. „Hättst worden überstudiert, wenn ich nicht war' gewesen, Schmulleben." ' Schmul senkte den weißhaarigen Kopf. „Sie hat Recht, die Eva, ihr Vater wollte es nicht zugeben. So habe ich gelehrt, Jahraus, Jahrein. Hab' der - Jugend beigebracht das Bibellesen, Uebersetzen und Schreiben, much im Lateinischen und Französischen Hab' ich Unterricht gegeben und Hab' gehabt meine zehn Stunden täglich. Und ich bin doch immer ein guter Lehrer gewesen.-Jetzt bin ich schwach und alt, besonders die Augen wollen nicht mehr so recht, Herr Kantor!" „Aber Sie haben ja so kluge, lebhafte Augen, Herr Lewin. Es scheint wirklich, als wollten sie einem in das Herz schauen!" tröstete der junge Mann. „Hm, wurde mir schon manchmal gesagt," lächelte jener geschmeichelt.-„Ich will Ihnen noch, eine hübsche Anekdote erzählen, die ich in meiner Jugend gehört habe. Dann wird es Zeit sein zu „Maariw". Es gab in einem Dorfe eine Branntweinbrennerei. Der Pächter war ein Jude. Einen solchen Pächter nannte man Arendator. Also dieser Arendator,. der übrigens gutmütig und wohltätig war, hatte eine einzige Tochter, mit Rainen Gitel. Er wurde ein reicher Mann und zog in die Stadt, um die Tochter leichter und besser zu verheiraten. Also ging er zu dem Rabbiner und sagte zu ihm: „Rebbe, ich habe die Absicht, meine Tochter zu verheiraten mit einem feinen Jungen, mit einem guten Bocher." -- „Einen guten?" versetzte der Rabbi. „Einen klugen meinen Sie wohl? — Gut, ich will Ihnen einige Bochurim zuschicken, und Sie können wählen und prüfen."-Und so geschah es. Aber der gute Mann sandte alle zurück mit dem Bemerken, sie seien nicht klug genug. Da dachte der Rabbi: Halt! willst Du diese nicht, so schicke ich Dir einen anderen, einen Bauern-Bocher,. der zwar nicht so gelehrt, aber mit Schlauheit und Mutterwitz ausgestattet ist. Also kam am nächsten Tage ein strammer Junge und bezog das Fremdenquartier. Am Abend wurde er zu Tisch gebeten. Er unterhielt sich gemütlich, bis der Hausherr ihm folgende Aufgabe erteilte: „Ich werde Sie eine Schaale fragen und Sie sollen mir antworten, wie der Rabbiner gleichen Falles entscheiden würde." „Gut," sagte der Bocher. — Also ein Kürschner erhielt den Auftrag, ein sechsteiliges Käppchen zu verfertigen, und zwar sollten die drei Vorderteile aus rotem und die drei Hinterteile aus blauem Sammet bestehen. Am bestimmten Tage brachte es der Kürschner. Der Mann setzte es auf, aber — o Unglück! — der blaue Sammet war vorn, der rote hinten. Was war zu tun? War der Kürschner verpflichtet, das Käppchen mitzunehmen und ein neues anzufertigen oder nicht? Der Bocher kratzte sich hinter den Ohren. „Eine schwere Sache," murmelte er. „Gebt mir bis morgen Zeit, dann will ich Euch Bescheid sagen." Am anderen Tage kam er voll Freude herunter. „Ich Hab' die Lösung. Sagt mir nur, wurde das Käppchen auf dem Dorfe oder in der Stadt gemacht? „Auf dem Dorfe," erwiderte verblüfft der Hausherr. „Dann ist das. Ganze eine Lüge, denn auf dem Dorfe gibt es keinen Kürschner. — Hä, hä." — Alle lachten, am lautesten Frau Eva, wobei das Sesfelchen in beständige Schwankungen geriet. Dem jungen Fremden war es jetzt gemütlich und heimisch. — Nachdem Frau Eva ihr Urteil, über s die witzige Geschichte und den naiven Bochur gefällt hatte, . wandte er sich an den Erzähler: