Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei, Herr, uns Netter und Berater, Und glaub' nicht, was Verleumdung spricht, Sei auch der Juden Landesvater: Mich schütze gnädig dein Gericht! . Als das Opfer des finsteren Irrwahns so seinem Herzens Lust gemacht, tritt auf einen Wink des Kaisers der Hofnarr! in Aktion und ruft den Häschern mit einem Ernst und einer! Würde, wie man sie bei diesem privilegierten Hofschalknarren i sonst nicht gewöhnt ist, die Mahnung zu, daß Jesus Liebe! und nicht Haß gepredigt habe. Der Narr liebt zeitweis' die Verhöhnung, Doch lehrt er ernst ohn' Unterlaß, - Daß einstens christliche Versöhnung Auslöschen wird den Glaubenshaß. Dem Bischof sagt nur kurz und bündig:; Der Kaiser halt zur-Kirchentreu,; Doch ist ihm Fanatismus sündig, So sagt's sein Hofnarr sonder Scheu!! Der Bischof möge nicht vergessen, Daß Jesus Liebe hat gelehrt, Und daß es sträflich und vermessen, Wenn ihr zelotisch Rache gehrt. Der Kaiser selbst gibt nun in feierlicher Weise sein Urteil! ab, den Grundsatz aussprechend, daß er keinen Glaubensunterschied kenne, und daß alle seine Untertanen, so lange fie: ihm Treue bewahren, seinem Herzen gleich lieb und wert seien.! Wie human, edel und gerecht klingen nicht die Grundsätze, bie: er bei diesem Anlaß ausspricht : Wer zu uns hält mit treuen: Mute, Er findet bei uns Schutz und Wehr;! Ein Mensch ist wahrlich auch der Jude, Behütet sei auch seine Ehr'!! Der Bischof hält in Mainzer Gauen,! Wie er's vertreten mag, Gericht, Doch hier, in Nassaus lichten Gauen! Stör' er der Duldung Frieden nicht! Hört an: Es werd' in meinen Landen Dem Juden rückhaltloser Schutz! Befreiet ihn aus Haft und Banden, Dem Mainzer Bischof biet ich Trutz! Hierauf wird der Jude Moses befreit, indem Fanfaren erklingen und die Vasallen des Reiches dem Kaiser ein Heil zurufen. Dem Jubilar rufen wir zu seinem Ehrentage an: Schlüsse dieses Festgrußes den Wunsch zu: Ad multos annos! Drr Hahn im Sorbe. Humoreske von Anna Fried mann. ei Herrn Doktor Löw ertönte die elektrische Glocke v o r der festgesetzten Sprechstunde, nach Minchäh. Es war nicht der Arzt, der von einem Patienten ausgesucht wurde, sondern der Vorsteher, dem der Kantorkandidat seinen Pflichtbesuch machen wollte. Noch lag tiefe Stille über der geräumigen Wohnung. Der Ruhestörer ahnte nicht, wie ungelegen er kam. Frau Doktor liebte es, ihr Mittagsschläfchen am Sabbath ein wenig auszudehnen. So wurde der junge Mann denn zunächst irr den Salon geführt--in welchem er sich mach Belieben Umsehen "konnte. Herrliche Vasen, Nippes und" Etagören,--entzückende Tischchen und Sefielchen luden zum gemütlichen Plaudern ein. Hier und'da waren sie zwanglos aufgestellt, und man mußte vorsichtig sein, um .-ans dem spiegelblanken Parkett nicht zu fällen oder eines der niedlichen Gegenstände umzuwerfen. Das Bild „Auffindung Moses" zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und eines der kleinen, nebenstehenden Tischchen, mit allerhand Miniatüren bedeckt, fiel vor Zorn über solche Unhöflichkeit zu Boden. Ah! Und gleichzeitig ging die hohe Flügeltüre auf, Frau Doktor rauschte in schillernder Seide herein, — ah! — Auch sie blieb entsetzt stehen wie der unglückliche Missetäter, entsetzt auch ihr Gatte mit ernstem Blick. O dreifaches Entsetzen! Ungeheures Mißgeschick! Daß doch die Erde sich auftäte und den Elenden verschlänge, wie weiland Korah in der Wüste! Noch einen fragenden Blick wirft die ordnungsliebende und vorsichtige Hausfrau auf ihn, dann bittet sie mit gemachter Freundlichkeit Platz zu nehmen. Das Gespräch würgte sich zuerst so durch, während das Dienstmädchen die Scherben sammelte und die verschönter: Gegenstände in gebührliche Ordnung stellte. Unser Held stotterte ein über das andere Mal Entschuldigungen. Endlich nahm Herr Doktor das Wort. Er meinte, Scherben brächten Segen und Glück. Er sprach dem verwirrten jungen Manne feinen Beifall über dessen Vortrag und Gesang aus und ließ durchblicken, daß er wahrscheinlich engagiert werde. „Morgen Nachmittag sind Sie wohl noch hier. Wir haben um vier Uhr Sitzung und ich werde Ihnen dann die Entscheidung mitteilen können. Ich wünsche sehr, sie möge; zu Ihren Gunsten ausfallen." Leo dankte, erhob sich, küßte der gnädigen Frau die Hand und empfahl sich. „Vielleicht machen Sie uns heute Abend noch das Vergnügen und trinken eine Tasse Tee mit uns!" wird ihn: noch beim Hinausgehen nachgerufen, und er sagt freudig zu. Bei Löwenheims wurde unser junger Freund sehr freundlich empfangen und von dem netten, anregenden Herrn in ein lustiges, lebhaftes Gespräch gezogen. Er gab einige Witze und Anekdoten, die ihm bekannt waren, zum Besten und setzte die Lachmuskeln der Anwesenden in Bewegung. Er erzählte z. B., als die Rede von Purim war, folgendes: „Zwei Juden waren am Freitag Abend in der Fremde in einem Quartier zusammen. Als sie zu Bett gingen, mochten sie die Kerzen nicht weiter brennen lassen und auch nicht auslöschen. Was war zu tun? Sie drehten sich hin und her vor den Kerzen, sahen bald einander an, bald die Kerzen, sie wußten sich nicht zu helfen und zu raten. Da, als sie an: Tische einander gegenüberstanden, fragte der Größere den Kleineren: Kannst Du kräftig das Wort Purim aussprechen? — Gewiß! erwiderte der andere. — Nun, so sprich einmal! — Und er sprach und es ward finster im Zimmer." Mit einer weiteren Einladung für Sonntag Mittag versehen rmd im Vorgefühle der Genüsse aus der vorzüglichen Küche der Frau Kommerzienrat schwelgend, trat Leo in das nächste Haus am Marktplatz. Im ersten Stock desselben war die Wohnung des Herrn Silberstein. Laos ka^oa wurde er von einem schmucken Dienstmädchen in das gemütliche Wohnzimmer geleitet, wo er nur den weiblichen Teil der Familie vorfand. Der Herr des Hauses war ausgegangen. -