Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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Intoleranz, zum Klassen- und Rassenhaß! Er säet in die sriedenbeblümten Gefilde unseres, den mörderischen Religionskriegen abholden Humanitätsjahrhunderts die Drachenzähne roher pöbelhafter Kampfzüge (Paroxismen) aus, was der gesetzmäßig fortschreitenden ethischen Entwicklung des Jahrhunderts ein Hindernis werden, ja, den Verfall unseres Volks, sowie unserer ganzen, auf Humanitätsbestrebungen vorzugsweise gerichteten Zeit zweifellos herbeiführen müßte. Somit setzt sich der Antisemitismus in bewußten Gegensatz zu den edelsten Errungenschaften der Menschheit! ' ' Er manifestiert sich als eine Gefahr für unsere Zeit, weshalb er mit allen Mitteln bekänrpft und unschädlich gemacht werden muß. Dies vermag — meines Erachtens — nur durch Auspflanzung des Jdealbegrisss der Liebe zu geschehen, durch eine planvolle Erziehung aus Liebe in Liebe durch Liebe zur Liebe. Die Erftrebung einer in gewissem Sinne kosmopolitischen, internationalen, interkonfessionellen Liebe ebnet den Boden, auf welchem der geistig Höherstehende aus allen Sonderstellungen, Kümpfen und Krämpfen sich gedeihlich verpflanzen kann. Sie errichtet das heilige Asyl des Friedens, wo in freier Sittlichkeit das Reinmenschliche erkannt und gepflegt wird, ja, sie krönt den ewig schönen Tenrpelbau des weltenbefreienden Humanismus. Trotz ihrer internationalen Tendenz ist diese geforderte Liebe nicht undeutsch, vielmehr echt deutsch, und zwar in jenem hohen Sinne, in welchem „deutsch" so viel bedeutet als wahr und edelmenschlich, denn sie erstrebt Selbstbesreiung von Vorurteilen, Wahrheit, Geistesfreiheit! Ihr Inhalt ist Wahrheit, Schönheit und Stärke; ihr Gesetz: bandensprengendes Ringen nach Selbstbefreiung von konfessionellen Vorurteilen; ihr Prinzip : die tolerierende Kraft des Geistes; ihre Mission: zu begründen den Weinberg der Menschenarbeit und den Hort des echten Menschentums. Fürwahr, in unserem Zeitalter nervenerregender Unzufriedenheit auf allen Gebieten kann die Menschheit nur gerettet werden durch mutiges Entfalten des Paniers der Liebe, wie denn auch die kurzsichtigen Bekämpfer der gehetzten Juden nur zur Ein- und Umkehr gebracht werden können durch den weiten, faszinierenden Ausblick in die sonnigen, mailichen Gefilde des ewigen Liebesreiches. Dies ist der Gedankengang Conrad Beyers in seiner Predigt der Liebe und Humanität. Aber er hat auch in seinen verschiedenen Dichtungen, sofern sich ihm Anlaß dazu boten, in entschiedener, beredter und überzeugender Weise im philosemitischen Sinne sich geäußert und gegen die Verfolger der Juden im Geiste edelster Humanität und Vorurteilslosigkeit seine Stimme erhoben. Besonders tritt diese seine Anschauung in dem graziösen „Festspiel zum Historischen Kostümfest" (Wiesbaden 1903) zutage. Die Wiesbadener „Künstlerklause" veranstaltete am 27. Mai 1903 auf der Ruine Sonnenberg ein „Historisches Kostümfest", in dem sie nach den historischen Angaben des Stadtarchivars Dr. C. Spielmann in Wiesbaden den Kaiser Adolf von Nassau auf Sonnenberg uns vorführte, und zwar in zehn Gruppenbildern darstellend den Einzug des Kaisers, seines Gefolges, seiner Verbündeten und seiner Vasallen, den.Empfang hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger und Gesandter, den Hof- und Gerichtstag rc. Die Zeit, in der das „Historische Kostümfest" spielt, ist der Sommer 1296 nach dem Reichstag zu Frankfurt a. M., also das düsterste Mittelalter. In dem Festspiel Beyers zu diese»: „Historischen Kostümfest" ist eins der packendsten Bilder der Hof- und Gerichtstag. Der Dichter zeigt uns die Arrangeure einer Judenhetze, die Ankläger der Juden sowie deren Opfer in geschichtlich"getreuen Gestalten. Zuerst tritt ein Reichsherold auf und verkündet dem Kaiser: Ein Jude aus dem Mainzer Lande Fleht kläglich, Kaiser, vor dem Tor; Ihn schlugen Häscher frech in Bande, Sie schützen, Bischofs Rechte vor. ' Darauf antwortet Kaiser Adolf: Führt sie' herein, sie mögen kommen, Um zu erstatten mir Bericht; Auch, zu der Juden Recht und Frommen Halt ich auf Sonnenberg Gericht. Jetzt erscheint ein Dominikanermönch mit mehreren Genossen, um .seine Anklage gegen den Sohn Israels vor dem Monarchen vorzubringen, ihn nach berühmten Mustern beschuldigend, ein Christenkind gestohlen 'zu haben und daran noch die weitere Beschuldigung knüpfend, daß die Juden auch Brunnen vergiftet, Hab und Gut gestohlen und sonstiges Unheil angerichtet haben. Er wütet also: Herr, überlaß uns den Verruchten, Sei nicht in deinem Spruch gelind! Der Bischof fordert den Verfluchten, Weil man vermißt — ein Christenkind. n Und hätte nimmer er's gestohlen, Und war er frei von jeder Schuld, So sag ich's, Kaiser unverhohlen: Den Juden winke keine Huld. Sie haben noch im letzten Winter Die Lorcher Kirch' in Brand gesteckt, Geraubt arglistig Christenkinder Und unsrer Rache Geist geweckt. Auch Brunnen haben sie vergiftet Und Hab und Gut geraubt mit List Und Unheil haben sie gestiftet: Er sterb', der Jud', es leb' der Christ! Wir haben viele eingefangen. Um auszurotten diese Pest! Auf diese Anklage des Dominikaners wird der Jude Moses aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Er tut dies mit Worten, welche dem altersgrauen „Judenschmerz", der schmachvollen Behandlung der Kinder Israels seitens des aufgehetzten Pöbels und fanatischer Aufwiegler im geistlichen Gewände einen erschütternden Ausdruck geben: Wie soll ich, Kaiser, mich verteid'gen? Ich weiß nicht, wie ich flehen soll! O, laß' uns Juden nicht beleidigen, Gleich Salomo sei weisheitsvoll. Gebetet Hab' ich- Hab' gerungen, Gezahlt Hab' ich den Judenzoll, Doch ist es nimmer mir gelungen Zu sänftigen des Bischofs Groll. Man tobt, ich hätt' ein Kind gestohlen, Weil ich müßt haben Christenblut; Ich künde ehrlich, unverhohlen. Daß man mir schreiend Unrecht tut. Wie soll in Mainz der Jud' sich wehren? Hat man uns doch zu guterletzt, Um unfern Jammer noch zu mehren, Den Pöbel auf den Hals gehetzt!