Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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MMMW Unwahrheit sagen; ohne daß sie es wollen, tun sie es doch iw vielen Fällen. Leute, die sich nur des Geldes wegen heiratenmögen ja sonst ganz anständig sein, aber von „wahrer Liebe", kann denn doch bei solchem „Herzensbunde" nicht geredet werden. , „Die Ehe kann sich ja nach der Chassene," wie meine Großmutter zu sagen Pflegte, „ganz glücklich gestalten", aber es ist eine konventionelle und keine Liebesheirat. Es kann mancher gemeint haben, seine Menschenpflicht vollkommen zu erfüllen, wenn er für sein und seiner Familie Wohl sorgte; solchen Leuten aber ein besonderes Lob nach ihrem, Tode zu spenden, hat keine Berechtigung, solches Lob ist — Lüge. „Iwri“ weiß ganz gut, daß man durch schön aufgeputzte Funktionen dem Abfall vom Judentum keinen Damm entgegensetzen kann. Er ist auch nicht gegen schöne Formen, er weiß, was die Aesthetik in der Religion bedeutet. Aber niemals darf sie die Ethik totschlagen. Formen, nichts als Formen, das kann nur das Ende des Judentums bedeuten. Wachrufen der Kenntnis des Judentums und weniger schöne Worte, das, meint „Iwri“, bedeutet Heilung des Judentums. Herr Dr. Norden wird „Iwri“ verstehen, wenn er nur etwas tiefer dessen Bemerkungen ersaßt. „Unjüdische Institutionen" sind viele unserer Predigten, die das Hauptgelvicht legen auf Redensarten und nicht auf den Inhalt. Niemand widerspricht dein ehrlichen Streben und Handeln. Und „Iwri“ ist überzeugt davon, daß Herr Dr. Norden auch das Hauptgewicht in seinen Predigten aus den Inhalt, aus Vertiefung und Belehrung und nicht auf die schönen Redensarten legt. Und so stimmen denn schließlich „Iwri“ und Dr. Norden überein. Denn „Iwri“ wollte nicht beweisen, daß die Predigten bei Trauungen und Begräbnissen eine „unjüdische Institution" seien, und Herr Dr. Norden stimmt ihm zu, wenn er behauptete, daß die Form dieser Predigten allerdings sehr oft nicht das ist, was man unter „jüdisch" versteht. Im übrigen ruft »Iwri" Dr. Norden ein Jejascher Koach zu. Iwri. Conrad Lryrr. Von Dr. Adolph Kohut. , m 13. d. M. begeht in seinem reizenden Turtum in Wiesbaden ein berühmter Gelehrter, Forscher und Dichter, Hofrat Professor Dr. Conrad Beyer seinen 70. Geburtstag. Geboren am 13. Juli 1834 in Pommersfelden bei Bamberg, wo dieser Sohn des Frankenlandes noch bäuerlichen Grundbesitz sein eigen nennt, machte er seine Studien in Würzburg und Leipzig und hat sich durch zahlreiche literarhistorische, kritische und ästhetische Arbeiten, speziell über Friedrich Rückerts Leben und Dichtungen, seine lyrischen, epischen und dramatischen Schöpfungen und sein sonstiges hervorragendes literarisches Schaffen einen weit über die Grenzen Deutschlands hinausgehenden Ruf erworben. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er hat alle Kulturländer Europas vom Nordkap bis zum Mittelmeer bereist, ebenso Kleinasien, Palästina, Tunis, Marokko, Aegypten und den Sudan, wodurch er sich .eine selten universelle Anschauung und ein überlegenes Urteil gebildet hat, was z. B. schon sein illustriertes Werk „Aus dem Pcharaonenlande" bekundet. Er besitzt ein warm fühlendes Herz und das richtige Verständnis für die Verhältnisse und Bedürfnisse des deutschen Volkes, dessen Leiden und Freuden er aus eigner Anschauung kennt, und für das er durch seine unabhängige Stellung und seine reiche Lebenserfahrung erfolgreich zu wirken vermag. WWWBMWZMMMWKWU^WU^WWWWBM Dieser freie, vorurteilslose Geist hat vor etwa einem Jahrzehnt, als der Antisemitismus in Deutschland noch in voller Blüte stand, ein vernichtendes Votum gegen den Antisemitismus abgegeben. In. einer Schrift, betitelt : „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit" hatte er ein tiefsinniges und vom Geist der Duldung beseeltes Programm aufgestellt, das von der idealen Gesinnung und dem edlen Denken und Fühlen dieses ausgezeichneten Mannes ein rühmliches Zeugnis ablegt, so daß auch wir alle Ursache haben, ihm anläßlich seines Ehrentages, da er ins biblische Alter tritt, die herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Wir lassen hier 'die Hauptthesen, die Conrad Beyer gegen den Antisemitismus aufstellt, auszugsweise folgen: Menschenliebe, Nächstenliebe, Bruderliebe ist ihm das Er- ' kennungsmerkmal des echten Humanismus. Der auf der Höhe edelmenschlichen, gebildeten Fühlens und Begreifens thronende Kulturmensch, der doch an seiner Geburt im christlich modernen Kulturstaate so wenig Verdienst sich zuschreiben kann, wie der Semit an der seinigen, er wird das Maß seiner Duldung, Zuneigung und Aufopferung nicht danach bestimmen, ob sein Nebenmensch Katholik, Protestant oder Jude ist, sondern sein universeller Sinn, sein hoher sittlicher Charakter, sein veredeltes Herz werden ihn drängen, allüberall den Geist der Bruderliebe walten zu lassen, deren Ausdruck ja auch alle Sprachen gleichsanr poetisch erklingen macht. Aus der Liebe wächst alles Vorbildliche, Hohe, Schöne, Wahre und Gute heraus, was den Menschen zu beglücken vermag und das Leben lebenswert erscheinen läßt. Sie führt zum Streben nach Wahrheit und Selbstbefreiung: zu einer sonnigen Geisteshöhe, welche über die Formel .und den toten Buchstaben den triumphierenden Geist setzt. Der Liebessaat entreift die goldene Frucht göttlicher Toleranz, welche die verschiedenen Konfessionen (Religionen) mit Wärme ausnimmt gleich den verschiedenen Sprachen, die hinfort doch nur als Weltdialekte Eines Stammes auszufckssen sein werden. „Welch majestätische Sonne ist dem Leben die Liebe! Duldung ist ihr Glanz, Freiheit ihre Lust, Freude ihre Wonne, Friede ihr. Gesang, Tatkraft ihr Leben, Beseitigung ihre Seligkeit." Wie stellt sich nun der Antisemitismus zu diesem Jdealbegriff der Liebe? Predigt er denselben im Sinne unserer erleuchteten, vorgeschrittenen Zeit? Nimmermehr! Er bedingt vielmehr Glaubenshaß, Glaubensverfolgung, er macht sich bewußt oder unbewußt zum Bannerträger jesuitischer Inquisition, die nichts geringeres beabsichtigt, als den vaterlandslos gemachten, mit seinem Vaterland trotzdem verwachsenen Israeliten rücksichtslos in den Staub zu treten, ihn zu vernichten: allerdings nicht mehr mit Feuer und Schwert, nicht mehr mit Tortur und Folter, nicht mehr mit Rad und Galgen, wohl aber — was nicht geringer wiegt — mit rohem, anarchischem Vandalismus. Der nicht selten dem Geschästsneid oder der persönlichen Mißgunst entreifte Antisemitismus kennzeichnet in den meisten Fällen sein Vorgehen als mittelalterliche Beschränktheit, als grelle Reaktion, als blinden Rückschritt, ja — um einen drastischen, aber doch zutreffenden.Ausdruck sittlicher Entrüstung zu gebrauchen — als gemeinen Fanatismus. „Der Antisemitismus wandelt Liebe in Haß und verkehrt die Segnungen der weltenverklärenden und befreienden Humanität in Lieblosigkeit, die mühsam errungene Kultur in Unkultur! Durch sein unmenschliches Berserkertum und durch seinen blinden Parteihaß drängt er zur Entartung unserer Nation, zum Rückschritt in die ägyptische Finsternis menschenunwürdiger