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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-08 · Heft 28 (8.7.1904) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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Hrirk aus Velterreich. - . Ende Juni 1904. ie Nummer 25 Ihres Blattes brachte mir eine Ueberraschung. Eine freudige zunächst. Kündigt sie doch an, daß Ihre Zeitung mit dem 1. Juli in das dritte Quartal ihres 68. Jahrganges tritt. Nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche hin. Mögen Sie und Ihr Blatt 120 Jahre alt werden. Dann schlug ich die Nummer auf und eine zweite Ueberraschung wurde mir zuteil. Eine weniger erfreuliche allerdings. ' Herr Rabbiner Dr. I. Norden in Myslowitz beschäftigt sich in einem Briefe mit den Trauungs- und Grabreden, über die „Iwri“ in seinem letzten Briefe einige unmaßgebliche aber gewiß der Wahrheit entsprechende Bemerkungen sich erlaubt hatte. „Iwri" schützt Herrn Rabbiner Dr. Norden, er kennt ihn Persönlich und ist ihm dankbar, daß er sich mit seinen Auseinandersetzungen befaßte, aber, die Person des Entgegners in Ehren, von dem, was er gesagt, läßt sich „Iwri*' nicht ein i-Tüpfelchen wegdisputieren, und Sie, geehrter Herr Redakteur, werden in Ihrer bekannten Loyalität dieser Erwiderung sicherlich Raum schenken. Vor allem bemerke ich, daß, wie schon die geehrte Redaktion in einer Fußnote richtig bemerkt, meine Ausführungen sich nur gegen gewisse Auswüchse in unserem Judentume wenden, auf die sich das viel mißbrauchte Wort von „Chukkat ha-Goi“ sehr gut anwenden läßt. Die Käsualreden, die Reden überhaupt, sind nicht unjüdisch, und man braucht, um dies zu bekräftigen, nicht gleich den alten Zunz auch nicht in neuer Bearbeitung anzuführen, aber der Pastorale Ton, der in unseren Reden angeschlagen wird, der ganze Habitus dieser Reden ist zuweilen so unjüdisch, wie das Habit des Redners selbst. Sicher ist, daß in alten Zeiten nur über wirklich bedeutende Männer, über Lamdonim und Chaschuwim, Nekrologe gehalten wurden; 'so war es wenigstens hier in Oesterreich der Fall, und meine Briefe haben meist österreichische Zustände ün Auge. Von einem „Reden-Müssen" kann nicht gesprochen werden/aber ich halte es auch nicht für „wünschenswert", daß bei jeder Funktion geredet werde; „kein Mensch muß müssen," und ich möchte Herrn Dr. Norden bemerken, daß es viele kluge Menschen gibt, die sich das Reden bei solchen Gelegenheiten direkt verbieten. Was oft bei solchen Reden herauskommt, hat Stinde in seiner „Familie Buchholz" sehr ergötzlich geschildert. Auf meine Frage: „Was soll man reden, wenn Krethi und Plethi in die Ewigkeit eingehen oder den Bund am Altäre schließen?", antwortet Herr Dr. Norden mit einer „Negation": „Vor allen Dingen niemals die Unwahrheit." Wir sind da ganz seiner Meinung. Auch uns geht die Wahrheit über alles. Nun aber möchte ich ihm mit einigen Beispielen aufwarten. In größeren Gemeinden ist es oft ganz unmöglich, sich über Personen so zu unterrichten, daß man über sie wirklich, beim besten Willen, nur die Wahrheit sagen kann. Nachträglich kommen dann die Jnkriminationen. „Sie haben, Herr Prediger," — ich spreche hier von konkreten Fällen — „den Verstorbenen einen rechtlichen Mann genannt. Wissen Sie nicht, hat man es Ihnen nicht gesagt, daß er sich vor Jahren „ausgeglichen" hat?" Man wird den Ausdruck „Ausgleichen" wohl auch bei Ihnen in Deutschland kennen. Vor wenigen Wochen geschah es in Wien, daß eine Leichenrede über einen Mann gehalten wurde, der aus dem Judentum ausgetreten war, weil er die Knltussteuer nicht bezahlen wollte; er war „konfessionslos" geworden; vor Jahren schon hatte sich sein Sohn wegen einer Heirat taufen lassen. Der Prediger aber bezeichnete, wie uns von Zuhörern mit den dazugehörigen, nicht gerade sehr hochachtungsvollen Bemerkungen erzählt wurde, den Verstorbenen als „Glaubensgenossen". Hätte es nicht genügt, wenn man schon fremde Sitte nachahmt, ein Gebet beim Sarge dieses „Glaubensgenossen" zu sprechen, dem der Glaube die Kultussteuer nicht wert war? Wir wollen die Beispiele n-cht häufen, deün sonst würde unser Brief gar zu umfangreich werden. Herrn Dr. Norden mag in seiner Amtswirksamkeit derartiges nicht vorgekommen sein, er inag das Kichern, das traditionelle Lächeln des Auditoriums bei solchen Fällen noch nicht bemerkt haben, aber in anderen Gemeinden als in Myslowitz ist es schon vorgekommen, und Iwris Grundsatz ist: „Mag sie scharf schmecken, die Wahrheit, sie muß doch verschluckt werden." Einige wenige Trostesworte bei Leichenbegängnissen, einige Worte der Belehrung über die ehelichen Pflichten bei Trauungen werden sicherlich stets gut angebracht sein, und hier stimmen wir, Iwri und Dr. Norden, vollkommen überein. Nun aber scheint mich Herr Dr. Norden mißverstanden zu haben. Ich wollte nicht sagen: man redet nur, weil man bezahlt wird. Ich weiß den Idealismus unserer Herren Rabbiner sehr wohl zu schätzen, auch ich bin ein solcher Idealist. Was ich bemerken wollte, ist nur dies: Wenn sich ein jeder die Rede bezahlen kann, wird es ganz unwillkürlich geschehen, daß man oft zu Unwürdigen und über Unwürdige spricht. Wer vermag etwas dagegen, daß das Geld eine solche Macht hat, jemand zu nötigen, etwas zu tun, was er unter anderen Umständen gewiß nicht getan hätte. Dann kornmen sie eben zu tage, die Allgemeinheiten, von denen ich sprach; denn, da man positiv Gutes nicht sagen kann, bewegt man sich in allgemeinen Sidra- und Haphtarasätzen. Mit Abänderung des Goetheschen Satzes möchten wir da sagen: „Denn eben wo Gedanken fehlen, stellt zur rechten Zeit ein mehr oder weniger Passendes Bibelwort sich ein." Herr Dr. Norden versteht meine Logik nicht, daß man oft von Gottesfurcht, Religion und Liebe vor Leuten spricht, die das Gotteshaus mir bei Trauungen betreten. Vor allem möchte ich hier bemerken, daß ich mich darüber nicht etwa lustig mache. Mein vielleicht unfreiwilliger, grinuniger Humor soll vielmehr hier wirklich einen zur Wehmut stimmenden Gedanken ^Ausdrücken. Ich verstehe wieder die Bemerkungen Dr. Nvroens nicht von den „Kindern der Welt" und den „Kindern Gottes". Was ich sagen wollte, ist folgendes, der Wahrheit vollkommen entsprechendes: Vor Leuten, die ins Gotteshaus kommen, weil sie mit den Brautleuten etwa in geschäftlichen oder anderen Verbindungen stehen, die notorisch von der Religion nichts wissen und nichts wissen wollen, ist es immerhin mißlich, von Gott und Religion zu sprechen. Man wird sie nie überzeugen, sondern nur ihre spöttischen Bemerkungen über wohl honorierte Reden herausfordern. In Myslowitz mag dies nicht Vorkommen; aber in anderen und großen Gemeinden, besonders in den Gemeinden unserer österreichischen Großstädte kommt es vor; der Rabbiner mag sich darüber hinwegsetzen, aber zur Hebung des religiösen Gefühles der „Kinder der Welt" wird es nicht beitragen, und „Kinder Gottes" werden aus ihnen nicht, auch nicht durch die noch so schön gedrechselten Worte über Hoffnung, Glauben und Liebe. „Bei den Reichen dauert die Trauung lange," so etwa sagt Herzl in seinem „neuen Ghetto", das ist nun nicht Iwris, aber der „Kinder der Welt" Meinung. Daß die Lüge — natürlich die unbewußte —, wenn ich so sagen darf, auch ain Altar und an der Bahre nicht Halt macht, ist nach dem Gesagten doch nicht so ganz unrichtig. I Ich sagte ja durchaus nicht, daß die Prediger bewußt die

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