Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und Christen in den Kriegervereinen noch vielfach ein ungetrübtes und herzliches, wie dies so oft aus den Berichten hervorgeht, die wir aus verschiedenen-Staaten und Provinzen-des deutschen Reiches zu bringen in der Lage sind. Welchen Ein- ' druck muß nun dort ein solcher Artikel wie der oben besprochene Hervorrufen? Und ist er nicht geeignet, statt Frieden vielmehr Zwietracht in den Kriegerbund zu tragen? Man sage nicht, daß es sich hier ja nur um die herkömmliche Anwendung des Wortes „Pharisäer" im Sprachgebrauch handelt. Der Verfasser eines solchen Artikels hatte sicher die Pflicht) sich über ' die neueren Ergebnisse der geschichtlichen Forschung auf diesem Gebiete vorher genauer zu unterrichten. Es ist bedauerlich, daß das nicht geschehen ist. Die Ermutigung und Begeisterung für den Kampf gegen die Mächte des Umsturzes kann nicht aus Angriffen gegen eine Konfession, sondern nur aus echtem Patriotismus und aus der Einigkeit aller staatserhaltenden Elemente hervorgehen. Die Woche. Berlin, 6. Juli. s ist leider eine Trauerbotschaft, mit der wir heute unsere Wochenschau, einleiten: Der Begründer des modernen Zionismus, Dr. Theodor Herzl, ist am 3. d. M. nach wochenlanger Krankheit im Alter von 44 Jahren in Edlach bei Reichenau gestorben. Mit herrlichen Geislesgaben von der Natur begnadet, hat er seit einer Reihe von Jahren seine ganze Kraft und seltene Intelligenz in den Dienst seiner bedrückten Stammesgenoffen gestellt und für die von ihm vertretenen Ideen mit einer Energie gewirkt, die gebührende Achtung verlangt, auch wenn man die Anstrengungen in dieser Richtung für verfehlt hält. Seit er in seiner Broschüre „Der Judenstaat" den Gedanken des Zionismus zum ersten Male verfocht, hat er nicht aufgehört, in Reden und Schriften unablässsg für das erhoffte Zukunftsreich Propaganda zu machen. Die Kongresse der Zionisten in Basel und London, die Ausarbeitung des Programms für das Aktionskomitee, ein großer Teil der bisher erreichten praktischen Erfolge sind auf die Arbeit Herzls zurückzuführen, dessen stattliche Erscheinung ein ebenso wirksames Agitationsmittel war wie seine überzeugte Begeisterung. Der politische Zionismus verliert in ihm seine stärkste treibende Kraft, und es erscheint sehr fraglich, ob sich so rasch ein anderer finden wird, der den Kamps gegen die zahlreichen ernsthaften Bedenken, Schwierigkeiten und Zweifel aufnimmt, denen der zionistische Gedanke immer begegnen wird. Wie dem aber auch sei, das Judentum verliert in dem Heimgegangenen, dessen inhaltreiches Leben und Wirken noch ausführlich gewürdigt werden wird, einen seiner hervorragendsten Repräsentanten, der nur das Beste seiner Glaubensbrüder gewollt und von den edelsten Beweggründen beseelt war. Sein Namen wird in der neueren Geschichte Israels fortleben. * In der Zeit der parlamentarischen Ferien sind Reminiszenzen an frühere politische Vorgänge sehr willkommen. Solche brachten vor kurzem die „Grenzboten" in den Lebenserinnerungen des früheren Kultusministers Dr. Robert Bosse. Für uns ist natürlich von hohem Interesse, was der hochkonservative und orthodoxe Bosse in seinen Tagebuchblättern aus dem Jahre 1880 über die Entstehung der antisemitischen Bewegung zu berichten weiß. Es heißt darin: 15. November. Bei einem Diner saß ich heute neben dem Geheimen Rat St. Er sprach sich ungemein feindselig und scharf gegen Stöcker und dessen Antijudenagitationen aus. Gerade jetzt tobt der Streit gegen die Juden sehr heftig aus Anlaßeines Skandals, den zwei Gymnasiallehrer mit einem jüdischen Destillateur Kantorowicz in einem Pferdebahnwagen gehabt haben. Anscheinend ist dabei auch das Verhalten der beiden Lehrer nicht einwandssrer gewesem Von jüdischer und liberaler Seite ist aber dieser Fall geflissentlich aufgebauscht worden. In den Zeitungen erlassen hervorragende liberale Parteimänner, wie Forckenbeck, Mommsen, Gneist und andere, eine nicht gerade glücklich redigierte Erklärung gegen die Judenagitation, und im Abgeordnetenhaus ist eine Interpellation über die Judenfrage eingebracht worden.-Bei dem allen ist auf beiden Seiten viel Geklingel und agitatorische Uebertreibung; aber jeder nüchterne Christ muß sich in der Tat die Frage vorlegen: Wo hinaus soll es eigentlich mit der unter Stöckers Führung in Szene gesetzten Äntijudenagitation? Was soll und kann damit schließlich erreicht werden? Die Juden werden dadurch'schwerlich bescheidenen werden, und in dem ganzen antisemitischen Treiben fehlt das Beste, nämlich Gerechtigkeit und wirklich erbarmende Menschenliebe gegen die Juden. Die politische Emanzipation der Juden ist nicht rückgängig zu machen. Der einzige Weg zu einer Lösung der Judenfrage wäre doch nur eine Massenbekehrnng Israels. - Das weist auf die Judenmission, hin. Aber für große geschichtliche Erfolge ist jetzt, so weit Menschenaugen sehen, die Zeit noch nicht gekommen. Mir scheint hier in Berlin zunächst alles in eine große politische Hetze gegen Stöcker umzuschlagen, dessen Optimismus und Eifer für eine im großen Stile zu erstrebende Masseneinwirkung aus unser Volksleben ihn oft genug über das rechte Maß und die rechte Nüchternheit hinaus und in große wirtschaftliche und soziale Probleme hineinführen, denen er nicht gewachsen ist. 20. November. Verhandlung im Abgeordnetenhause über die Hänelsche Interpellation wegen der Juden. Hänel begründete sie mit Pathos und viel Sentimentalität. Die Erklärung der. Negierung wurde von dem Grafen Stolberg in recht guter Form und sehr präzis dahin abgegeben, daß die bestehende Gesetzgebung das Recht aller religiösen Bekenntnisse in staatsbürgerlicher Beziehung gewährleiste, und daß die Negierung nicht beabsichtige, an diesem Nechtszustande etwas zu ändern. Diese Erklärung machte einen guten Eindruck. Sehr gut sprachen Peter Neichensperger und der konservative Heydebrand, nur mäßig Virchow, pathetisch und gewandt Träger, der die Wendung gebrauchte: Ich nehme keinen Anstand, zu bekennen, daß ich ein gläubiger Christ bin. Möchte er in Wirklichkeit ein gläubiger Christ sein und es immer werden,^wie alle, die gläubige Christen sind, es inuner mehr werden müssen. Die Debatte wird übermorgen fortgesetzt, da Stöcker nicht zum Wort kam. 22. November. Im Abgeordnetenhause sprach heute in der Antisemitendebatte Eugen Richter erregt und erregend mit ungewöhnlicher Schärfe und Feindseligkeit gegen Stöcker. Dann kam dieser zum Wort. Im Anfänge sprach er ausgezeichnet. Später wurde er zu breit und las eine ermüdend lange Reihe von Belegstellen vor. Seinen Gegnern war dies nur willkommen; denn dadurch wurde die sonst so packende Beredtsamkeit stark abgeschwächt. Er wurde fortwährend durch Zwischenrufe unterbrochen und kam in eine für ihn ungewohnte Position. Er verteidigte die Antijudenpetition und seine Beteiligung daran. Das aber ist nicht Stöckers Stärke. Er kann begeistert und begeisternd mit zündender Rede seine Ideen vertreten; aber sich mit nüchternen, überzeugenden Beweisen kühl gegen einen Sturm verteidigen, der planmäßig vorbereitet ist, um ihn zu stürzen, unmöglich zu machen, das ist nicht seine Stärke. Er wurde zuweilen unruhig und unsicher und gab sich einzelne Blößen, die sofort von seinen fortschrittlichen Feinden festgclegt und ausgebeutet wurden. Ludlvig Löwe sprach gegen Stöcker mit leidenschaftlichem Haß. Der Eindruck der ganzen Diskussion war deshalb wesentlich ungünstiger als am Sonnabend. Das Vernünftigste, was in der ganzen zweitägigen Debatte gesagt worden ist, bleibt die von Stolberg abgegebene, besonnene, auf dem Boden der Gesetzgebung bestehende Erklärung der Negierung. Die Petition der Antisemiten konnte von vornherein keinen wirklichen- Erfolg haben. Auch wenn man von dem jetzt üblichen, sittlich und christlich gar nicht zu rechtfertigenden- Fanatismus der Antisemiten absieht, sind deren Forderungen