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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-08 · Heft 28 (8.7.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 8. Juli 1904. 68. Jahrgang. No. 28. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Lkarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Mch rin Grund. Berlin, 6. Juli. wei Fragen standen in letzter Zeit sehr im Vordergrund der öffentlichen Diskussion: die der Stellung des bürgerlichen Elements in der Armee und die des Ausschlusses der Juden vom Offizierkorps. Es liegt auf der Hand, daß beide Fragen einen gemeinsamen Hintergrund haben. Aber die Antwort auf beide muß doch natürlicherweise verschieden lauten. Für uns hat an dieser Stelle selbstverständlich nur die zweite Frage ein großes Interesse, und wir haben wiederholt unseren Wünschen und Ansichten darüber Ausdruck gegeben. Unter den Gründen, die die Gegner angeben. Pflegt auch der der Abneigung der Juden in der Armee selbst an erster Stelle zu marschieren. Es erscheint daher wichtig, den Nährboden kennen zu lernen, aus dem eine solche Abneigung, wenn sie tatsächlich vorhanden sein sollte, wohl hervorgehen könnte. Wir erhalten darüber von Herrn Rabbiner Dr. Friedman n in Lublinitz die nachfolgenden Mitteilungen: In dieser Zeitung wurden in letzter Zeit die Gründe gesucht und widerlegt für das unerklärliche Verhalten der militärischen Kreise, welche die Juden vom Offizierkorps ausschließen. Es scheint indeß noch ein Grund — allerdings, wie gleich bemerkt werden soll, ebenfalls ein ganz ungerechtfertigter — vorzuliegen und widerlegt werden zu müssen. Um diesen Grund zu kennen, braucht man nur die „Parole" vom 22. Mai d. I. zur Hand zu nehmen und den Leitartikel „Zum Pfingstfest" zu lesen. — In der Tendenz ruft dieser Artikel der „Amtlichen Zeitung des deutschen Kriegerbundes" alle deutschen Männer zum einträchtigen Kampfe gegen die Sozialdemokratie auf. Gegen diese Tendenz läßt sich auch von.unserem Standpunkte natürlich absolut nichts einwenden. - Wenn aber daselbst die Ermutigung und die Begeisterung für diesen Kampf hergenommen und hergeleitet wird von dem Kampfe der Apostel gegen „das jüdische Pharisäertum, welches zu Christi Zeiten tatsächlich die ganze Fülle sittlicher Verkommenheit, raffinierter Täuschung, verschlagener Heuchelei verkörpert, deren der Auswurf der menschlichen Gesellschaft teilhaftig werden kann," — so müssen wir sagen, daß dieser Ausgangspunkt, diese Voraussetzung einem Blatte nicht gut ansteht, welches auch jüdische Krieger zu seinen wohltätigen Abonnenten zahlt, und sehr wohl geeignet ist, die Denkweise innerhalb der maßgebenden militärischen Kreise, ihr kirchliches und politisches Vorurteil, wie bezüglich jener alten, so auch der heutigen Juden zu bekunden. Ist denn aber diese Denkweise auch nur über das jüdische Pharisäertum zur Zeit der Apostel wirklich zu rechtfertigen? Das Jahrhundert der Apostel ist freilich historisch noch nicht ganz erhellt, aber nach den objektiv sachlichen Darstellungen von M. Joel (Blicke in die Religionsgeschichte), Martin Schreiner und I. Elbogen (Die Religionsanschauungen) darf doch wohl schon jetzt soviel als zweifellos gelten, daß der Begriff Pharisäer zur Zeit der Llpostel gar keine schimpfliche Nebenbedeutung hatte. Paulus hat sich ja selbst einen Pharisäer und eines Pharisäers Sohn genannt, .und selbst der Geschichtsschreiber Flavins Josephus, welcher für heidnische Leser und mit unverhohlener apologetischer Tendenz schrieb, hatte keine Scheu, sich selbst offen als Pharisäer zu bezeichnen.. Erst als das Paulinische Christentum zu gunsten der Heiden sich gänzlich vom Judentume entfernte und trennte, da begann es, dieses als seinen Gegner zu betrachten und von den Pharisäern, den noch einzigen Vertretern des Juden? tums, alles Schimpfliche zu sagen, was sich nur sagen ließ. So entstanden die Strafreden, welche das Neue Testament gegen sie aufweist. Die Entwicklung des Christentums, sofern sie sich vom pharisäischen Judentume entfernt hat, ist nicht in den Bahnen von Jesus' Lehren geblieben. Es erscheint daher als ein nicht zu rechtfertigendes Vorurteil, wenn heutzutage noch fort und fort über das jüdische Pharisäertum zur Zeit der Apostel geschimpft und dadurch unwillkürlich böses Blut gemacht wird gegen das Judentum, welches in der Treue zu Staat und Vaterland jederzeit rein konservativ war und trotz alledem und alledem immer noch geblieben ist. Es hat gewiß auch in der ursprünglichen Partei der . Pharisäer, zu welcher neben den großen Schriftgelehrten die große,Masse des Volkes gehört hat, einzelne schlechte, unmoralische Menschen gegeben, wie dies ja zu allen Zeiten bei großen politischen Parteien der Fall gewesen ist und immer sein wird. Aber niemand darf mit Recht auf Grund einzelner Auswüchse die ganze Partei verurteilen und verdammen, zumal eine Partei wie die ser Pharisäer, welcher auf religiösem Gebiete die gesamte Kulturwelt Dank schuldet. Wir haben den Mitteilungen des Herrn Rabbiner Dr. Friedmann gern vollen Raum gewährt, da sie die Anschauungen charakterisieren, welche in dem amtlichen Organ des deutschen Kriegerbundes, dem doch auch viele Juden in allen Landesteilen, zum Teil sogar in hervorragenden Stellungen angehören, zu offenem Ausdruck gelangen. Namentlich in Süddeutschland werden diese Mitteilungen nicht verfehlen, ein gewisses Aussehen zu erregen. Gerade dort ist, besonders in kleinen Städten und auf dem Lande, das Verhältnis von Juden

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