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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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fühle ich mich veranlaßt, aus Ihren Artikel in Nr. 24 zu erwidern. Ich bin des Einverständnisses der großen Mehrzahl (vielleicht aller) meiner Kollegen sicher. Für die Einrichtung der Krippe hatte sich auch die Frau Oberpräsident v. Moltke interessiert und schlug als Leiterin eine Schwester des evangelischen Hilfsvereins vor. Frau Oberbürgermeister Körte lehnte das ab, wodurch eine Erkältung in den Beziehungen der beiden Damen zu einander eintrat. Natürlich mußten sich nun Frau Körte und ihre Berater sagen, sie dürften jetzt auch keine dem jüdischen Schwesternverbande angehörige Dame anstellen. Wenn auch bei diesem Verbände das Konfessionelle nicht so hervortritt, wie bei derartigen christlichen Verbänden, das große Publikum macht da — zumal Frau Kirschner ja auch in „Tracht" geht — keinerlei Unterschied. Alan würde zweifellos von antisemitischer Seiteverbreitet haben, die Krippe solle „verjudet" werden. Und nur einzig und allein das war der Grund, warum Frau Körte den verhängnisvollen Brief geschrieben hat. Es soll unumwunden zugegeben werden, daß der Brief als solcher besser unterblieben wäre und daß auch die Fassung keine glückliche war. Eine persönliche Aussprache zwischen Frau Körte und Frau Kirschner wäre hier am Platze gewesen und hätte kaum irgendwo verstimint. Das geben auch alle vernünftig denkenden Juden hier zu, aber — und das ist die Hauptsache — wir wollen Männern, wie dem Oberbürgermeister Körte und dem Stadtverordnetenvorsteher Krohne, die an Toleranz von niemand übertroffen werden, wegen eines Formfehlers nicht vor den Kopf stoßen; wir wollen hier den: Antisemitismus keinen Einlaß schaffen, zumal wir bisher mit der ganzen Bürgerschaft in konfessionellem Frieden gelebt haben. Diesen Anschauungen hat auch Herr Stadtrat Magnus (Obervorsteher der Synagogengcmeinde) im Magistratskollegium als Antwort auf eine Rede des Oberbürgermeisters Worte verliehen. 8. . . n. Stettin, 24. Juni. Unter die vielen wichtigen und segensreichen Errungenschaften der letzten Jahre gehört unstreitig auch die Einschränkung der Wanderbettelei. In den meisten, und besonders in großen Gemeinden, besteht eine Zentralarmenkasse, zu der alle Vereine sowie Mitglieder der Gemeinde steuern, und aus welcher durchreisende Arme, je nach ihrer Würdigkeit und Bedürftigkeit, unterstützt werden. Ein großer Segen ist es auch, daß in beii ineisten Badeplätzen für arme, der Heilung Bedürftige Vorsorge getroffen ist, indem ihnen kostenlose Aufnahme in den bestehenden Kuranstalten, soweit die Mittel und der Raum es gestatten, gewährt wird. An der Spitze dieser Wohltätigkeitsanstalten steht das jüdische Kurhospital in Kolberg, ein Prachtbau ersten Ranges, mit den besten Einrichtungen der Neuzeit, sowie mit einer herrlichen Synagoge versehen, in der jeden Morgen und Abend Gottesdienst abgehalten wird. Herr Rabbiner Dr. Goldschmid hat es verstanden, eine große Zahl reicher und hochherziger Männer zu interessieren, die Mittel für dieses herrliche Haus herzugeben, das jeden Sommer mehrere hundert Pfleglinge aufnimmt. Die Zucht und Ordnung, die unter der Leitung des Herrn Dr. Goldschmid herrscht, ist mustergiltig. Wenn nun die Kuranstalten an anderen Badeorten, im Vergleich zu dem Kurhospital in Kolberg, nur einer geringeren Anzahl Bedürftiger Rechnung tragen kann, so ist immerhin viel erreicht, wenn auch nur eine beschränkte Anzahl armer Kranker in denselben unentgeltliche Aufnahme findet. Zu meiner Verwunderung habe ich in Bad Salzbrunn, wo ich im vergangenen Sommer mehrere Wochen weilte, eine solche Kuranstalt für Arme vermißt. Es berührt sehr peinlich, jeden Tag für die dort weilenden armen Kranken die Mildtätigkeit der begüterten Kurgäste in Anspruch nehmen zu müssen. In Gemeinschaft mit dem Rabbiner Herrn Dr. Nordhcimer in Schwetz, der ebenfalls in Salzbrunn vorigen Sommer zur Erholung war, hat Schreiber dieser Zeilen den Entschluß gefaßt, den Gedanken anzuregen, auch in Salzbrunn eine Heimstätte für bedürftige Badegäste zu begründen. „Aller Anfang ist schwer", lautet das alte Sprichwort, aber auch nur der Anfang ist schwer, ist er erst gemacht', so wächst das Werk gar schnell zur Freude derer, die es geschaffen und die es fördern. Breslau ist der Platz, von wo das Werk ins Leben gerufen werden muß, und wenn Männer, wie der bekannte Wohltäter Herr Theodor Oschinski, unterstützt von den Herren Rabbinen Dr. Gutmann und Dr. Rosenthal, sowie andere hochherzige Männer sich für das edle Werk echter Menschenliebe interessieren, dann wird es mit Gottes Hilfe auch gelingen. Mögen diese Zeilen dazu dienen, schon in diesem Jahre den Anfang zu machen. Up. Pleschen, 19. Juni. Am 15. d. M. verschied hier der Rentier Jakob Joachim im 75. Lebensjahre. Der Verstorbene war Jahrzehnte hindurch Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, etwa 20 Jahre Vorsteher derselben, und in den letzten Jahren Magistratsmitglied, welches Amt er im Januar d. I. aus Gesundheitsrücksichten niederlegte. Hat der Verstorbene schon in diesen beiden Aemtern mit hingebender Treue seine Kräfte dem Gemeinwohl gewidmet, so gehörte sein warmsühlendes Herz in erster Reihe der hiesigen Synagogengemeinde. Weit über 30 Jahre Mitglied des Vorstandes und ca. 30 Jahre erster Vorsteher, besaß der Verstorbene alle die Eigenschaften, welche zur Erhaltung des Friedens, zur Beseitigung vorkommender Konflikte und zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Gemeinde notwendig sind. Durch einen redlichen, biedern und makellosen Charakter, durch strengen Gerechtigkeitssinn, Unparteilichkeit in allen Fragen und durch das Streben nach Frieden und Eintracht in der Gemeinde hatte Joachim sich das größte Vertrauen der Gemeindemitglieder erworben. Seinen Bemühungen und Bestrebungen verdankt die Gemeinde die Schaffung segensreicher Einrichtungen. Die überaus große Beteiligung an der Freitag erfolgten Bestattung lieferte das schönste Zeugnis für die große Liebe und Hochachtung, deren der Verstorbene in allen Kreisen unserer Stadt und Umgegend, sowie bei den Mitgliedern aller Konfessionen besaß. Ueguieseat in pace! n. Beutherr O.-Schl., 26. Juni. Ein imposanter Trauerkondukt bewegte sich heute nach dem israelitischen Friedhofe, um dem ververstorbenen Kantor Julius Bernstein die letzte Ehre zu erweisen, dem treuen Beamten, der — ausgestattet mit schönen Stimmmitteln — die liturgischen Gesänge weihevoll und verständnisinnig so vorzutragen verstand, daß sie die Gemeinde zur Andacht stimmten. An seiner Bahre, die auch viele Amtsgenossen umstanden, schilderte Rabbiner Dr. Kopfstein die unbestrittenen Verdienste des Verstorbenen in der hiesigen Gemeinde und sprach erhebende Worte der Anerkennung im Namen des Vorstandes dem Heimgegangenen für treues und hingebendes Wirken während 21 jähriger Amtstätigkeit. Möge dem Verstorbenen die Erde leicht sein! a. Sohren, 16. Juni. Hier ist im Alter von 92 Jahren der ehemalige Religionslehrer und Vorbeter Bernh. Braun gestorben. 67 Jahre verlebte er hier an diesem Platze, wo er mehr denn 50 Jahre treu und unermüdlich wirkte, bis er vor fünf Jahren genötigt war, sein Amt infolge hohen Alters niederzulegen. Jur Trauerhause beim Leichenbegängnis sprach der älteste Sohn des Verstorbenen, Lehrer Fr. Braun aus N.-Marsberg, im Namen der Hinterbliebenen bewegte Abschiedsworte. Alsdann hielt Herr Lehrer Levh aus Laufersweiler eine ergreifende Rede, worin er die Verdienste des Verstorbenen, der ein frommes, leuchtendes Beispiel seiner Gemeinde gewesen, trefflich schilderte. Möge dem Heimgegangenen die Erde leicht werden! a. Sondershausen, 24. Juni. Ein schönes und würdiges Fest haben wir hier am 14. d. M. gefeiert. Wie ich schon bereits berichtet, war an diesem Tage der 90. Geburtstag unseres verehrten Rabbiners Professor Heidenheim, sowie sein 70jähriges Amtsjubiläum. Schon am frühen Morgen häuften sich die Gratulanten, Hunderte von Briefen und Depeschen aus allen Weltteilen, eine Unzahl von Blumenspenden schmückten bald das sonst so stille Heim. Als erste osfizielle Deputation erschien der Vorstand der Kultusgemeinde. Der Sprecher derselben, Herr Kaufmann Herrn. Nedelmeyer, feierte den Jubilar als wirklichen Vater der Gemeinde, als Freund der Familie und jedes einzelnen und übermittelte die Glückwünsche der Mitglieder und die gespendeten Ehrengaben. Hierauf erschien der Staatsminister Petersen im Aufträge des regierenden Fürsten, überbrachte die Glückwünsche mit dem Bilde desselben mit eigenhändiger Unterschrift. An diesen schloß sich Oberbürgermeister Rößler mit Geheimen Steuerrat Heinburger, Vorsitzender des Gemeinderats, die die Glückwünsche der Stadt überbrachten. Bis zur späten Mittagsstunde erschienen noch Staatsminister a. D. Reinhardt, Oberhosprediger 'Bahn und noch andere Gratulanten. Es war erhebend mit anzusehen, wie selbst der Mann aus dem Volke, der einfache Arbeiter es nicht unterließ, dem Jubilar Aufmerksamkeiten zu erweisen.

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