Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgenieine Bewunderung erregte der alte Herr, der mit seltener Geistesfrische imstande war, jedem Gratulanten geistreich und witzig zu antworten. Auf Wunsch des Jubilars war von einer größeren Festlichkeit abgesehen worden. Gesterreich-LLnsarn. □ Wien, 4. Juli. Bezeichnend für die hiesigen Zustände ist die Antwort, die in der letzten Gemeinderatssitzung vom Bürgermeister der Stadt Wien erteilt wurde. Gemeinderat Dr. von Dorn richtete nämlich an den Bürgermeister die Interpellation über folgenden krassen Fall: Im Amtsblatte der Stadt Wien ist in dem Vertrage mit dem Gremium der Apotheker wegen Beistellung der Apotheke zu dem neuen Versorgungshause zu Punkt 2 die Bedingung enthalten: Das Apothekergremium stellt das erforderliche christliche' Personal bei. Da diese Bestimmung nicht nur eine aus den Steuergeldern sämtlicher Bewohner dieser Stadt ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses errichtete Anstalt betrifft, sondern auch zu den Bestimmungen der Staatsgrundgesetze, deren unverbrüchliche Beobachtung der Herr Bürgermeister gelobt hat, im krassen Widerspruch steht, so erlauben wir uns, an den Herrn Bürgermeister die Anfrage zu stellen: Ist derselbe geneigt. Vorsorge zu treffen, um eine entsprechende Abänderung der oben angeführten Bedingung des' zwischen der Gemeinde Wien und dem Gremium der Apotheker abgeschlossenen Vertrages herbeizuführen? Bürgermeister Dr. Lueger: „Da in der Apotheke, welche im neuen Versorgungsheim ihre Unterkunft finden fall, wohl zumeist oder beinahe ausschließlich Personen christlichen Bekenntnisses verkehren-, so werden Sie es begreiflich finden, daß diejenigen, welche dort angestellt sind, auch der christlichen Religion angehören müssen. Darüber darf sich kein Mensch beschweren. Was die Staatsgrundgesetze betrifft, möchte ich folgendes bekanntgeben: In den Staatsgrundgesetzen steht nur, daß die geehrten Herren des israelitischen Bekenntnisses angestellt werden können, angestellt werden dürfen, aber daß sie angestellt werden müssen, steht nicht darinnen." Daß diese äußerst witzige Antwort des Dr. Lueger von seinen Untergebenen mit gebührendem Beifall ausgenommen wurde, ist Mbstverständlich. — Gegen den bekannten Großhändler Giuseppe Morpurgo in Triest wurde im israelitischen Wohltätigkeitsverein ein Attentat verübt. Morpurgo, der Vizepräsident des Vereins ist, begab sich aus dem großen Saal in ein Rebenzimmer, als ihm ein Bittsteller, der sich als der 40 jährige Markus Hanna aus' Korfu legitimiert hatte, nachfolgte und ihm mit einem Dolch einen Stich in die rechte Seite versetzte. Der Attentäter ergriff hierauf mit einem Manne, der mit ihm erschienen war, die Flucht. Die beiden wurden jedoch verfolgt und auf der Straße festgenommen. Herr Morpurgo, der schwer, wenn nicht lebensgefährlich verletzt ist, gab der Vermutung Ausdruck, daß es sich um den Anschlag gedungener Mörder handle und daß das Attentat mit einem Verleumdungsprozeß gegen das Blatt „Jl Sole" im Zusammenhang stehe. Morpurgo sollte in diesem Prozesse als Zeuge einvernommen werden. Die Ursache des Attentats soll aber tatsächlich Verweigerung einer Unterstützung fein. Die Untersuchung ist übrigens noch nicht abgeschlossen. — Der Kaiser hat den ungarischen jüdischen Reichstagsabgeordneten Theodor Wolfner zürn Husarenhauptmann der Reserve befördert. Von Ksh und jfern. — Stadtrat Mugdan hat den Roten Adlerorden IV. Klaffe erhalten. — Der Direktor der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft Felix Deutsch ist zun: Kommerzienrat ernannt worden. — Zum unbesoldeten Stadtrat in Berlin wurde der Kaufmann Julius Maaß gewählt. — Kantor Max Sacher aus Krotoschin ist nicht zum Kantor für die Synagoge Rykestraße, sondern für die Orgelsynagoge Lützowstraße bestimmt. — Rabbiner Dr. Ehrli ch in Tilsit hat die russische große goldene Medaille am Bande des St. Stanislausordens erhalten. — Am 28. d. M. feierte Rabbiner Dr. Guttmann und feine Gattin in Breslau das Fest der silbernen Hochzeit unter lebhafter und wärmster Teilnahme weiter Kreise inner-und außerhalb der Gemeinde. — Auf dem schlesischen Fleischertag in Goldberg betraf auch ein Punkt der Tagesordnung die Schächtgebühr. Stadtrat Frystatzki-Pleß war der Ansicht, daß bei der heutigen ausgiebigen Fleischschau das Schächten überhaupt keine Notwendigkeit mehr sei. Wenn aber aus Nitualzwecken dies durchaus geschehen soll, so möge auch jede jüdische Gemeinde die Kosten selbst tragen. Der Bezirkstag nahm eine Resolution in diesem Sinne an. In Chemnitz feierte der allgemein beliebte Kantor N. Goldberg sein 25jähriges Amtsjubiläum zugleich mit der silbernen Hochzeit unter allgemeiner Teilnahme der Gemeinde, deren Behörden dem Jubilar ihre Glückwünsche darbrachten. Ebenso die Loge, verschiedene andere Vereine und Kollegen. Abends fand ein von den Vorstandsdamen arrangiertes Kränzchen statt, das sehr animiert verlief und bei dem der Jubilar von Herrn Oberkantor Hofstein-Dresden, Lehrer Nathan und Sommerfeld verdientermaßen gefeiert wurde. — Der Juwelier Wenger, Führer der Nürnberger Antisemiten, hat sich erschossen. Wenger lag mit seiner Frau im Scheidungsprozeß. — In Heidelberg ist am 25. v. M. im Alter von 74 Jahren der Hofrat Dr. Zacharias Oppenheimer, außerordentlicher Professor der Medizin, ein bekannter physiologischer Schriftsteller, nach kurzem Krankenlager gestorben. — In Hamburg fand am 23. d. M. die Konstituierung der Palästina-Handelsgesellschaft m. b. H. statt. Die Gesellschaft ist mit einem Kapital von zunächst 100 000 Mark mit dem Sitz in Hamburg errichtet und bezweckt, den Import- und Exporthandel zwischen Deutschland und Palästina sowie den Nebenländern zu fordern. — Der neue Großherzog von Mecklenburg-Strelitz empfing in voriger Woche eine Deputation der jüdischen Gemeinden des Landes mit dem Oberlandesrabbiner Dr. Harnburger in sehr leutseliger Weise, wobei er erklärte, daß er gewillt sei, in gleicher Weise wie sein hochseliger Vater, den Juden seines Landes sein Wohlwollen zuzuwenden. Er hoffe auch, daß dieselben ihm ihre Anhänglichkeit erhalten möchten. Der Audienz wohnte auch die Großherzvgin Elisabeth bei. — Bei der Jubelfeier der freiwilligen Feuerwehr in Sprendlingen erhielt Herr Isaak Stern, der noch einzig lebende Gründer der Wehr, zugleich seit 50 Jahren Vorsteher der jüdischen Gemeinde daselbst, vom Großherzog das Ehrenzeichen für 35jährigen treuen Dienst. — Der 15. österreichische Turnkreis hat nun doch Anstalten getroffen, aus der deutschen Turnerschaft auszutreten, falls man nicht den Beschluß, der den Inden den Eintritt und die Mitgliedschaft in der Turnerschaft möglich macht, zurücknimmt. Es -scheint, daß der Austritt erfolgen wird. — Im ungarischen Städtchen Käzi ereignete sich der gewiß seltene Fall, daß ein katholischer Geistlicher beim Leichenbegängnis eines frommen Juden, des Grundbesitzers Samuel Adler, die Trauerrede hielt. — Die Freiherrn Alphons, Gustav und Edmund v. Rothschild in Paris haben dem Handelsminifter Trouillot mitgeteilt, daß sie beabsichtigen, zehn Millionen Francs zur Schaffung billiger Wohnungen und zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter zu spenden. —Der fran zösische Mäcen Henri Deutsch de la Meurthe hat einen Preis von 100 000 Francs für französische Kompositionen gestiftet, der in fünf Teile zerlegt und ein lyrisches Drama, eine komische Oper, ein sinfonisches Werk, ein Ballett und eine Operette zum Gegenstand haben soll. — Wie der „Marschawskij Dnewnik" meldet, wurde im Städtchen Zolkowo in seiner Wohnung der ehemalige Rabbiner des Bezirkes H. Topiel durch einen Schuß, welcher durch das Fenster eindrang, getötet. Der Täter wurde bis jetzt nicht eruiert. Topiel hinterlüßt eine Witwe und vier unmündige Kinder. Er stand erst im 40. Lebensjahre. — Der Professor der Psychiatrie an der Universität Kiew, Sikorski, der im Aufträge der höchsten Justizbehörden den angeblichen Mord eines Christenknaben durch Juden in Dubossari wissenschaftlich untersucht hat, gelangte zu dem Ergebnis, daß seine anfängliche Behauptung, daß kein Ritualmord vorliege, vollkommen berechtigt ist. In feiner demnächst erscheinenden wissenschaftlichen Arbeit über Ritualmorde bestreitet Sikorski, daß gegenwärtig überhaupt Ritualmorde Vorkommen.' — Der Gouverneur von Wiborg hat folgende Verfügung erlassen: „Aus bestimmter Veranlassung halte ich es für notwendig, den Villenbesitzern in Raiwola, Terrijokki und der übrigen Sommerfrischen des Wiborger Gouvernements, bei Strafe von 100 Mark zu verbieten, ihre Villen an Personen jüdischen Bekenntnisses aus dem Kaiserreiche zu vermieten, vorausgesetzt, daß diese Personen nicht ein Zeugnis vorweisen, das ihnen den Sommeraufenthalt an diesen Orten ausdrücklich gestattet." Das ist also der neueste Kurs in Rußland.