Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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323 feiten, die sie in einem Glasschranf ausbewahrt unb jedem Besucher zeigt — immer mit dem Bemerken: das hat mir mein Sohn, der Felix, der Doktor, der Apotheker in Berlin geschickt. — — Uebrigens wurde heute viel von Ihnen gesprochen, unter anderem meinte man, daß Sie Opernsänger gewesen seien?" „Ich. Opernsänger? Ich komme wohl aus Berlin von der Ausbildung, aber bei der Bühne war ich noch nie." „Nun ja," lachte sie, „ich weiß es, aber andere wollen es nicht wissen. Es gibt eben Menschen, die sich selbst und anderen gern etwas einreden. Immerhin kann Ihnen dies nur schmeichelhaft sein. Doch wir sind am Ziel!" Deborah öffnete die schwere Haustüre. Sie traten in den Hausflur, die Türe fiel zu und die neugierige Obsthökerin auf der gegenüberliegenden Kellerstiege mußte unbefriedigt in ihren Keller zurückwandern. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — S. Lublinski: Die Entstehung des Judentums. Berlin 1903. Jüdischer Verlag. Wenn schlechte Einleitungen guten Büchern den Garaus machen können, dann könnte dieses unangenehme Geschick die vorliegende Schrift ereilen, die in geistvoller und anregender Weise, leider nur in allzu knapper Form und außerordentlicher Kürze das tiefe und schwierige Problem der Entstehung des Judentums und dessen zukünftige Gestaltung behandelt. Ihr Verfasser, der bekannte Literarhistoriker S. Lublinski, sucht in dieser sozial-psychologischen Skizze vor allem die wirtschaftlichen Faktoren im Werden der Judenheit zurzeit ihrer staatlichen Selbständigkeit und ihrer Zerstreuung klar zu legen, zeigt aber auch, wie in der ganzen Geschichte unseres Volkes als ideologische Wiederspiegelung der sozialen Kämpfe Jahwe und der sich aus ihm hcrauskristallisierte Weltengott stets ein machtvoller Bundesgenosse der sozialen Revolution war. Im Bordreich kämpfen mit verzweifeltem Zorn und Todeshaß die Bauern und Hirten unter Führung Elias und Amos gegen die herrschenden Klassen, das Königtum, die Aristokratie und das staatserhaltende Priestertum mit seinem komplizierten und kostspieligen Baalkultus. Im Südreich siegte anfangs das Königtum über Sanherib, nachdem es vorher mit dem Prophetentum in Jesaia, dem Vertreter des Bauerntums und Städteproletariats (Jes. 5, 8) eine Koalition geschlossen hat; als aber unter Manasse eine kontrarevolutionäre Reaktion gegen die Siegeslaufbahn der Propheten einsetzte und die herrschenden Klassen in ihrem Klassenegoismus die Volksmassen knebelten (Jer. 34, 11) und entrechteten, da erlitt das Königtum eine gründliche Niederlage, denn der tiefe soziale Zwiespalt erleichterte Nebukadnezar den Sieg. Nach der Rückkehr aus dem Exil hals man sich bei den überaus bescheidenen Verhältnissen mit einem Wohltätigkeitssozialismus, bis die seit Alexander dem Großen eingetretene Geldwirtschaft einen neuen sozialen Gegensatz schuf, der das Auftreten der Makkabäer heraufbeschwor, die sich in dem dreißig Jahre lang andauernden inneren Kampfe gegen die reiche hellenisierte Städtearistokratie und das frivole Priestertum mit seinem schamlosen simonistischen Treiben auf die Landbevölkerung und den Monotheismus stützten. Als aber nach einem kurzen Aufblühen des makkabäischen Staates Rom, zur Schlichtung neuer Streitigkeiten gerufen, seine Hand aus Palästina legte, da holte es sich dadurch, daß die revolutionären sozialen Ideen der Propheten, der damaligen Welt durch die griechische Sprache zugänglich gemacht, zum Kampsesruf wurden der fürchterlich Ausgebeuteten und Geplünderten des Weltreichs, das sich gründlich überlebt hatte und der sozialen Not nicht steuern konnte, den Todesstoß. Dadurch aber, daß die Juden aus hartnäckiger Treue und urwüchsiger Pietät keine Christen wurden, beschworen sie aus ihr Haupt herab den Haß der kämpfenden Proletarier, die sich verraten glaubten. Und als nachher die Kirche mit den Mächten dieser Welt eine Koalition einging und ihnen Konzessionen gewährte, wäre es sicherlich für die Juden zu einer vernichtenden Katastrophe gekonuncn, wenn nicht eine sozial-ökonomische Notwendigkeit als Doktrin sich eingestellt hätte. Das Mittelalter war eine Zeit ausgeprägter Naturalwirtschaft. Ein notwendiger Bestandteil jeder Naturalwirtschaft ist der Wucher. Da die werdende Kirche durch drei Jahrhunderte ein revolutionäres, völkerbesreiendcs Programm verkündete, so konnte sie schandenhalber ihren eigenen Anhängern den Wucher nicht gestatten. So war man bald bei dem „Christusmörder" ängelangt, ihm wurde gegen ein hohes Judenschutzgeld der Wucher gestattet. Die Juden mußten sich also zu ungeheuren Leistungen den weltlichen und kirchlichen Fürsten gegenüber verpflichten. Sv waren eigentlich diese die Wucherer und die Juden die betrogenen Betrüger der. Naturalwirtschaft. Seitdem eine neue Geldwirtschaft an Stelle der Naturalwirtschaft begonnen und die Schranken des Ghetto gefallen sind, beginnt sich das Erlverbsleben der Juden zu ändern. „Die Revolution wie die Ausbeutung im Zeitalter des Kapitalismus hat andere, nun sagen wir, solidere Formen angenommen und alle Klassen der modernen Gesellschaft, Unterdrücker wie Unterdrückte, betrachten den Juden mit mißtrauischen Augen, weil sie nicht wissen, inwieweit er sich ihrem Klasseninteresse einfügen läßt. Tatsächlich hat diese Einfügung schon begonnen und ist nicht mehr aufzuhalten." — Da Lublinski den Zionismus verwirft, die Rassentheorie als ein verlogenes Märchen bezeichnet, so scheint er der Ansicht zu sein, daß die Judenfrage nach völliger, klassenbewußter Einfügung der Juden in die moderne Gesellschaft neben gleichzeitigem Erblassen jüdischer und christlicher Eigenart oder unter Behauptung dieser nicht sehr starken Eigenarten neben völligen: Aufhören aller ökonomischen Härten ihre Lösung finden wird, — ein Zustand, von dem wir in jedem Falle sehr weit entfernt sind, besonders im agrarischen Osteuropa, dem Hauptkontingent der Juden. Abgesehen davon wird folgende Frage ihre Berechtigung behalten: Ist wirklich die Abneigung uns gegenüber allein auf die Verschiedenheit unserer ökonomischen Entwicklung zurückzuführen und hat diese keine anderen Beweggründe als materielle aufzuweisen? — Jedoch die Zukunftssragcn machen auch den winzigsten Teil der vorliegenden Schrift aus; ihre Hauptstärke liegt in der Beurteilung der Vergangenheit, und diese Beurteilung scheint mir des Nachdenkens wert. Aber keineswegs hat das Buch des Herrn Lublinski, der einst eifriger zionistischer Parteigänger gewesen und aus den ehrenwertesten Motiven der Welt, dem der Ueberzeugung, dem Zionismus den Rücken gekehrt, eine so barsche, hochmütige Zurückweisung verdient, wie erste seitens der zionistischen Presse erfahren hat. Bei allem löblichen Parteistandpunkte darf man sein Gerechtigkeitsgefühl sich nicht verkümmern lassen. So bleibt denn nun das Lublinski'sche Buch eine beachtenswerte, anregende Studie, getragen von großem, ernsten Streben, einem überaus schwierigen Problem beizukommen. Dr. Jakob Spinner. ---- Sigmund Jampel: Die Wiederherstellung Israels unter den Achämeniden. Kritisch-historische Untersuchung mit inschriftlicher Beleuchtung. (Separatabdruck aus der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums.) Breslau 1904, 8. Kommissionsverlag von Wilhelm Koebner. 171 S. Eine der beklagenswertesten Erscheinungen in dem Bereiche der modernen jüdischen Wissenschaft in Deutschland ist der fast gänzliche Mangel an Arbeiten auf dem Gebiete der Bibelexegese, die mit aller Beherrschung der neueren Literatur ohne die vielfache Voreingenommenheit christlicher Gelehrter Wort und Geist der Bibel zum Gegenstand streng methodischer Untersuchungen machen. Die von jüdischer Seite kommenden exegetischen Arbeiten stehen entweder nicht auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis unserer Zeit, oder glauben den Nachweis ihrer Wissenschaftlichkeit nicht anders als durch Uebernahme und Uebertreibung der von andrer Seite an den biblischen Büchern geübten zersetzenden Konjekturalkritik erbringen zu .sollen. Eines der umstrittensten alttestamentlichen Probleme bildet die Frage nach der Komposition der beiden Bücher Esra und Nehemia, sowie die damit zusammenhängende Darstellung der Wiederherstellung Israels nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Die hierüber ausgestellten Hypothesen übertreffen noch um ein Erkleckliches das auf diesem Gebiete Uebliche. Es kann darum nur mit lebhafter Freude begrüßt werden, wenn einmal das Problem dieser beiden Bücher von jüdischer Seite eine wissenschaftliche Darstellung erfährt. Indem Jampel die assyrisch-babylonischen