Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. Seite 322

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228609--60925-3274720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

322 andere schlagend, wodurch eine Plötzliche Ruhe und Aufmerksamkeit entstand. Alles wandte sich nach ihr um und sie mußte manchen mißbilligenden Blick ertragen. Doch sie war es gewöhnt, die Blicke auf sich zu lenken, ob in dieser oder jener Weise, war gleichgiltig, wenn sie nur überhaupt angesehen wurde. Sie heuchelte eine möglichst unbefangene Miene und fuhr dann fort: „Die Art, wie er den Kopf zurückwirft (er trug ihn meist gesenkt), wie er die Augen drohend und stolz umherschweifen läßt (sie hafteten gewöhnlich an der Erde); er ist eine Persönlichkeit, ohne Zweifel ist er eine Persönlichkeit." „Ob wir ihn zu morgen mittag einladen, Muttchen?" wandte sich Frau Kommerzienrat Löwenheiin M ihrer alten Mutter hin, die — in. einem schwarzen Mantel, der wohl schon einige Jahrzehnte alt war und immer stark nach Kampfer roch — neben ihr saß und hörbar betete. „Ich hör' nichts, ich will nichts hören! Laß mich in Ruhe. Bet' lieber! Und die olle Gans da kann auch endlich aufhören zu schwatzen!" Ihr Häubchen geriet dabei in bedenkliche Schwankungen, . und die Brille fiel herunter von den müden, glanzlosen Augen. Alles geriet in Bewegung, alles suchte, und unter der nicht allzu hohen Bank stießen die Köpfe etliche Male zusammen. Wie eine Statue saß das alte Frauchen dann endlich wieder da, schluckte noch ein paar Mal heftig, während sich ihre unruhige Tochter nunmehr andächtig zu lesen anschickte. „Aus dein Posenschen soll er gebürtig sein. Er kommt eben von der Ausbildung zu uns hierher. Man wird ihn nehmen, glaube ich, denn der andere, der zur Probe am vorigen Schabbes sang, hat den Vorstehern nicht gefallen", piepte Else Morgenstern. Die Frau Doktor Löw, eine kleine, gutmütig aussehende Dame mit einem sogenannten Embonpoint nickte nur zum Zeichen, daß sie nicht mehr gestört sein wolle. Da blieb der geschwätzigen Else nichts übrig, als ihre koketten Blicke zu den Herren nach unten zu wenden, unbekümmert um die tadelnden Bemerkungen hinter ihr: „Wie kokett das Mädel ist! — Schrecklich! Selbst im Tempel nmß sie so aufgeputzt und geziert sein! Ich kann sie nicht recht leiden!" In einer Bank an dem hohen, farbigen Fenster flüsterte Frau Fabrikbesitzer Silberstein einer Freundin zu: „Weißt Du schon das Neueste, hast Du schon gehört?" „Nein, ich weiß garnichts und ich will auch nichts wissen. Wenn man mir was erzählen will und ich mag nicht hören, nehm' ich das Ohrläppchen und tu' es in das Muschelloch. Weißte jetzt?" Und als die andere nicht Ruhe gab, führte sie die angezeigte Drohung wirklich aus. Inzwischen war die Vorlesung beendet. Es folgte das Königsgebet und „Aschre". „Jehallelu es schem adonaj, ki nisgow schemau lexvadau“, sang nun der Kantor, und die Gemeinde fiel mit Hellem Sopran, Alt und Baß in gemütlicher, ungezwungener Weise ein. Das „Mußas" wurde mit voller Andacht verrichtet. Es wurde so still in dem weiten Raume, daß man eine Stecknadel hätte fallen hören. Endlich war mau fertig. „En kelaulienu“ hatte den herrlichen Tenor des Kantors noch einmal auf höchster Höhe gezeigt; wenn auch etliche Töne abgerutscht waren, — was schadete dies? Eine so strenge Kritikerin war die Gemeinde denn doch nicht. Er hatte gefallen, das stand fest. Herr Löwenheim und Doktor Low gingen zusammen aus dem Tempel. „Eine schöne Stimme, wirtlich schön! Ich glaube, er ist ein bescheidener, junger Mann. Wenn er hierher kommt, wird er bald Hahn im Korbe sein." „Wie bitte, — etwas lauter! Ich verstand nicht recht." „Ich nreine, der Probekantor wird als hiesiger Kantor bald Hahn im Korbe sein", wiederholte etwas lauter der 'Kommerzienrat, eine schinächtige Gestalt mit zwinkernden, kleinen Augen und einer desto größeren Nase. „Ja! Sie haben Recht, lieber Freund. In unserer Gemeinde gibt es viele Damen, hübsche Mädchen und nur wenige junge Leute. Da ist ein schlanker, netter, unverheirateter Mann immer sehr willkommen, besonders wenn er musikalisch ist." „Nun, den mageren Salomon Eisner wird er ausstechen und andere gebildete, junge Herren gibt es in der Stadt selbst nicht. Wenn er ein wenig Weltmann ist, wird er seinen Vorteil bald ausnützen." „Das ist die Frage. Denn Kantoren sind besonders im Anfänge ihrer Laufbahn wohl noch schüchtern und linkisch." „Kommt aus den Menschen an, lieber Herr Doktor. — Ah! da sind ja unsere Frauen!" Händedrücken hier, noch ein wenig Klatsch dort, dann zerstreute sich die frierende rmd hungernde Menge nach den verschiedensten Richtungen. Der Schnee war grau und festgefroren. Fast zuletzt kam aus dem Tempel ein junges, zwanzigjähriges Mädchen die Stufen herunter. Ihre Lippen bebten noch leise und das Antlitz, welches ein dichter Schleier verbarg, war stark gerötet. Sie blieb immer über das letzte „Kaddisch". Ihr Vater war noch nicht ein Jahr tot, und da kein Sohn den frommen Brarrch halten konnte, tat es die gottesfürchtige Tochter. In Gedanken versunken, war sie an der Tür angekommen. Sie stieß dieselbe auf und trat ins Freie. Sie war schlank und ebemuäßig gebaut. Dunkle Schelmenaugen blitzten durch das zarte Gewebe. Sie sah nach rechts, nach links, ging ein paar Schritte vorwärts und wieder zurück, — sie schien jemanden zu erwarten. Da trat endlich aus der Tür der Männerabteilung ein blonder, schlanker Mann, — der neue Kantor. Er erblickte die junge Dame, trat rasch auf sie zu und begrüßte sie freundlich. „Verzeihen Sie, Fräulein Herz, daß ich Sie warten ließ. Die Damen können schon etwas früher aus dem Tempel gehen als die Beamten." Sie nickte. „Ich weiß dies noch von meinem Vater, Ihrem Vorgänger." . „Wollen Sie wirklich so liebenswürdig sein und mir den Weg weisen?" „Ich habe es Ihnen ja gestern Abend versprochen, ich halte mein Wort immer. So gehen wir, denn man erkältet sich leicht beim Stehen. Wie ist Ihnen der gestrige Abend übrigens bekommen?" „Oh! es hat mir ausgezeichnet geschmeckt. Fisch und' Braten waren vorzüglich zubereitet. Und Ihre Liebenswürdigkeit, sowie die Freundlichkeit Ihrer Frau Mutter hat mich berauscht. Ich fühlte mich so wohl, so heiter, so lebensmutig wie selten. Ich habe mich so heimisch gefühlt wie früher in meinem Elternhause. Ja, ich würde mich freuen, könnte ich hierbleiben, wo ein so heller, lichter Empsang mir zu teil ward. Wer war denn die Dame, die «eben in dieses Haus eintrat?" „Frau Genendel Freund. Sie hat einen Sohn und spricht buchstäblich Tag und Nacht von ihm. Er ist Apotheker und Doktor der Chemie in Berlin und schickt ihr Obst und Süßig-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.