Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
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321 wie die Naturwissenschaft den Geist einräumen müsse, obwohl er aus der völlig heterogenen Materie nicht hergcleitet werden könne. Dies sind im wesentlichen die Anschauungen, die Steckelmacher in seinem Buche darlegt. Er übt an seinen Vorgängern überall eine ebenso besonnene wie scharfe Kritik, und der Leser wird schon aus der eben gebotenen Skizze ersehen können, daß dem Verfasser eine gewisse Originalität und Kühnheit nicht äbzusprechen ist. Er kennt die Geschichte der Ethik; insbesondere ist er mit den modernen Ethikern seit Kant vertraut. Er befindet sich aber gar nicht in ihrem Banne, sondern geht ruhig und sicher seinen eigenen Weg. Als besonders wertvoll erscheint uns die Aufstellung des Prinzips der Erhaltung und Förderung des Lebens, das unseres Dafürhaltens den ethischen Thatsachen in höherem Grade gerecht wird als die anderweitig aufgestellten Prinzipien. Ebenso einfach, wie kühn und frappierend ist die Verbindung des Prinzips der Lebenserhaltung mit der Schöpfungsidee. In jedem Falle müssen wir sagen: Mögen gegen die Aufstellungen Steckelmachers auch mancherlei Einwendungen erhoben werden können, so bilden sie doch einen wichtigen und bemerkenswerten Versuch, die ethischen und religiösen Anschauungen philosophisch zu durchdringen. Die Lektüre des Steckelmacher'schen Buches soll daher insbesondere den Theologen und den theologisch und philosophisch interessierten Lesern angelegentlichst empfohlen werden. historische Lrsrkriichte. an weiß, daß die Inden seit dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts ans ganz Frankreich verbannt waren. Wenn im Laufe des achtzehnten Säkulums einzelne Israeliten, unter dem Schutze milderer und aufgeklärter Gesinnung, sich wieder in jenem Königreiche niederließen, so lebten sie doch nur als Geduldete, Rechtlose, Verdächtige, die in jedem Augenblick vertrieben oder gar-eingekerkert werden konnten. Umso merkwürdiger ist es, daß im Orient die Franzosen sich mit Vorliebe den Juden anschlossen. Frankreich besaß das Vorrecht, an den vornehmsten Handelsplätzen, des türkischen Reiches Niederlassungen seiner Kaufleute unter eigenen: Rechte unabhängiger nationaler Verwaltung zu errichten. Ein Firman des Sultans vom 4. Februar 1727 gestattete den französischen Kolonisten, in den Schutz des Lilienbanners auch diejenigen türkischen Untertanen aufzunehmen, deren Dienste sie zu ihren Geschäften bedürften. Dieser Vorgang wurde aber in erster Linie Juden zu Teil. Sie galten damals im ganzen Orient als die eigentlichen Vermittler und Agenten des gesamten Handels, und die französischen Behörden, in der Heimat wie in den levantinischen Faktoreien, schätzten ihre kommerziellen Fähigkeiten hoch genug ein, um sich derselben zum eigenen Nutzen zu bedienen. Sie schützten und förderten also im Osten diejenigen, die sie im Innern ihres eigenen Reiches verfolgten. Man konnte bei den öffentlichen Festlichkeiten und Aufzügen der französischen Nation in den osmanischen Städten die Juden im Zuge marschieren sehen, allerdings an letzter Stelle, aber doch als Angehörige und Schützlinge der französischen Fahnen, die über der stolzen Gemeinschaft wehten.*) Dieser Zug aus dem wenig bekannten Leben der levantinischen Juden scheint interessant genug, um hier hervorgehoben zu werden. - M. Ph. *) Vergl. Albert Van dal, Une ambassade francaise en Orient sous Louis XV. (2, Ausl. Paris 1887, S. 34.) Der hohn im Korbe. Humoreske von Anna Fried mann. IßKESE BES® ebb Jf§*8 war Anfang Februar. Mattes, graues Licht lag über der schneebedeckten Erde. Nach langer, fast unaufhörlicher Regenzeit war endlich Külte tmb Schnee eingetreten. Der ersehnte Winter schien gekommen, itm die Menschen seine trotzige, eisige Macht doch noch fühlen zu lassen, ehe ihm seine Feindin, die goldene Sonne, die Fesseln sprengte. Tief wollte er hineingreifen in alles Warme und Feuchte, inn es mit unerbittlicher Strenge auf den Gefrierpunkt zu bringen. Sein Herrscherstab malte das schönste Rot und intensivste Blau aus Menschennasen und Ohren. Dagegen kämpfte man vergeblich! — Der Macht der Natur , muß man sich beugen! Darum schützte, man jetzt erst wirklich die gemütliche Zinunerwärme. Man überschätzte sie oft sogar. Können doch manche Menschen nicht genug cingeheizt bekommen, ehe sie warm werden. Und kommen sie dann — wie am heutigen Sabbat, — in den Tempel, so vermag selbst die höchste Begeisterung der Seele nicht über das natürliche, unbehagliche Gefühl der Külte hinwegzutäuschen. Man plauderte, drehte sich, trat von einen: Fuß auf den andern, rieb die Hände und versuchte also, die Temperatur des eigenen Körpers auf einen höheren Wärmegrad zu bringen. Besonders oben bei den Frauen ging es heute lebhaft her. Während die Thora vorgelesen wird, ist ja gewöhnlich bei einen: Teil der Frauen das sogenannte Plauderstündchen. Und heute! — Ein Probekantor las den Wochenabschnitt mit klangvoller Stinune und klarer Aussprache nach vorgeschriebener Tonweise. Man horchte, un: bald über das Vernommene Bemerkungen zu machen. Denn ein Fremder, ein Gast war ein Ereignis, welches die gesamte Gemeinde des Städtchens K. in angenehme Aufregung versetzte. Schon am Abend vorher hatte sein Gesang und Vortrag den männlichen Teil entzückt. Heute sollten die Frauen hören und urteilen. Man fragte, erwiderte, flüsterte; es war, als wenn ein honigsatter Vienenschwarn: in seinen Waben Ratsversauunlung hielte. Hier wurde wohl auch sonst über das Wohl und Wehe, die Moral und den Charakter des lieben Nächsten manches Urteil gefällt. Und wehe dem Unglücklichen, der unter das Seziermesser der Frauen geriet; er wurde unbarmherzig zerlegt, zerteilt, zerstückelt. Und nun gar ein Fremder! Wie die Henne auf ihre Küchlein, so stürzte die weibliche Neugierde auf dieses neue Opfer, besprach seine Herkunft, seine Person, sein Organ, ja sogar die mutmaßlichen Gefühle und Empfindungen des Herzens. Er war unverheiratet! Eine Eigenschaft, die ihn in den Augen der Mütter itm ein Beträchtliches hob, welche mit hold erblühten Jungfräuleins gesegnet waren. Man war begeistert, hingerissen, entzückt! Eine solche Stinune, eine solche Persönlichkeit! Fräulein Morgenstern, welche ihn schon auf der Straße gesehen hatte, erzählte der Frau Kommerzienrat Löwenhein: und Frau Doktor Löw die unglaublichsten Dinge über seine Haltung, seinen Gang. „Aber er muß doch Opernsänger gewesen sein, ich glaube es bestimmt", piepte sie in: Sopran, die eine Hand in die