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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 daß die Worte Cohens weithin gehört werden und als ein. idealer Antrieb wirken, über der an sich gewiß notwendiger: Erforschung der Geschichte des Judentums nicht die lebendige Gegenwart und ihre geistigen Bedürfnisse zu vergessen! , Daß man auch in weiteren Kreisen den besprochenen Mangel längst empfand, bewies die Freude, mit der die Ethik des Judentums von Moritz Lazarus allgemein begrüßt worden ist. Schreiners Buch „Die jüngsten Urteile über das Judentum", das auch nützliche Bausteine für eine innere Begründung des Judentums lieferte, hat wohl zumeist wegen der wenig glücklichen Form, in der der Verfasser seine Gedanken darbot, nicht die Beachtung gefunden, die es in hohem Grade verdient hätte. Am deutlichsten aber spricht hier wohl die Preisaufgabe des Liberal-religiösen Vereins in Berlin, durch die eine Darstellung des Wesens des Judentums gewünscht wird, eine Auf- . gäbe, zu deren Lösung nicht nur die Kenntnis der gesicherten Ergebnisse der jüdischen Geschichtswissenschaft und der allgenreinen Neligionsgeschichte erforderlich ist, sondern auch eine Betrachtung und Prüfung des richtig erfaßten Judentunrs von: religionspsychologischen und vom philosophischen Standpunkte aus. Eben weil wir an Büchern, die eine philosophische Erfassung des Judentums erstreben, Mangel leiden, wird ein von M. Steckelmacher, Rabbiner in Mannheim, erschienenes Buch: „Das Prinzip der Ethik vom philosophischen und jüdisch-theologischen Standpunkte aus betrachtet" (Frankfurt a. M. 1903, I. Kaufsmann), die Aufmerksanrkeit des philosophisch interessierten Lesers in hohen: Grade erregen müssen. Der Verfasser hat sich zwar zunächst, wie schon aus dem Titel des Buches zu ersehen ist, eine allgemein-wissenschaftliche Aufgabe gestellt, aber ihre Lösung fällt doch mit einer kritischen Durchdringung und Würdigung gewisser Grundlehren des Judentums durchaus zusmmnen. Denn Steckelmacher sucht nicht nur das von ihm ausgestellte Prinzip der Ethik im Judentum aufzuzeigen, auch wichtige religiöse Lehren des Judentums, wie der rnessianische Glaube, der Vergeltungs- und Unsterblichkeitsglaube, die Idee von: Weltschöpfer und das Problem der Willensfreiheit werden von ihm in ihren: Zusammenhang mit dem Prinzip der Ethik betrachtet. Steckelnmcher hat zwar in seinem Buche die Ergebnisse eines ernsten, langjährigen Studiums mit großer Bescheidenheit dargeboten. Wir sind jedoch überzeugt, daß jeder, der nach einer wahren Erkenntnis des Judentums strebt, dieses Buch mit großem Nutzen lesen und fruchtbare Anregung aus ihm empfangen wird. Mit Recht tadelt auch Steckelmacher „die Ausschließlichkeit, mit der unter uns heute kritisch-historische und archäologische Studien manchmal kleinlichster Art-getrieben werden". Darum beherrscht er selbst aber nichtsdestoweniger das geschichtliche Material, das der philosophischen Betrachtung notwendig als Unterlage dienen muß, in einem mehr als ausreichenden Maße. Insbesondere hat er aus der haggadischen und religionsphilosophischen Literatur reichliche Belege für seine Behauptungen herangezogen. Gleich im Beginn werden die von den verschiedenen Philosophen aufgestellten ethischen Prinzipien kritisch geprüft. Steckelmacher verwirft ebenso entschieden den ethischen Formalisnms, dem jedes objektive Prinzip oder Ziel des moralischen Handelns fremd ist, wie den Eudämonismus, der dieses Ziel in der individuellen oder sozialen Wohlfahrt und Glückseligkeit erblickt. Mit Kant nimmt Steckelmacher zwar ein apriorisches Pflichtbewußtsein an, das in einem weiter nicht ableitbaren und nicht weiter zu begründenden: „Du sollst" deutlich und vernehmlich zu uns redet. Die Apriorität dieses Pflichtbewusstseins, sei deshalb unabweislich, weil das uns innewohnende Pflichtgefühl sonst unbegreiflich bliebe. Aber die Meinung Kants, daß aus diesem apriorischen Sollen der ganze Inhalt der Ethik ohne Rest gefolgert werden könne, hält Steckelmacher für verfehlt. Vielmehr werde erst aus der Erfahrung selbst klar, worauf das apriorische Sollen sich beziehe. In dem ethischen Prinzip sei ,also nicht nur ein apriorisches, sondern auch ein aposteriorisches Element enthalten. Welches dieses aposteriorische Element sei? Die Welt der Erfahrung finde das apriorische Sollen als sein Betätigungsgebiet vor. Daraus sei wohl schon an sich klar, daß dieses Sollen nicht, wie Schopenhauer und Hartmann meinen, auf die Vernichtung des ihm dargebotenen Betütigungsgebietes, d. h. der Welt, also der Menschenwelt und des uns sonst zugänglichen Teiles der Welt, sich beziehen könne. Das Sollen könne nur wie das ebenfalls apriorische, allen Handlungen zugrunde liegende Wollen, das ein Lebenwollen sei, auf die Erhaltung und Förderung des Lebens sich beziehen, und zwar nicht nur des eigenen, sondern auch des fremden, worauf gewisse ethische Hilfsfaktoren, zum Beispiel das Mitleid, deutlich Hinweisen. Steckelnmcher will den autonomen Charakter der sittlichen Handlungen durchaus gewahrt wissen. Er ist jedoch der Ansicht, daß der sittliche Mensch zuletzt doch nicht die Frage abweisen könne: „Warum sollen wir die Welt erhalten helfen?" Eine Antwort auf.diese Frage sei nur möglich, wenn von hier aus ein Schritt ins religiöse Gebiet getan werden: „Gott als Weltschöpfer habe durch den Akt der Weltschöpfung kundgegeben, daß er die Welt erhalten wissen wolle." Die Lehre von der Schöpfung der Welt durch Gott habe daher eine viel größere Bedeutung für die Ethik, als selbst diejenigen Philosophen einräumen möchten, die für ihr ethisches Prinzip nach einer metaphysischen oder religiösen Begründung suchen. Unsere Alten aber Hütten, wie zahllose Stellen im haggadischen Schrifttum zeigen, die Bedeutung dieser Lehre für die Ethik zu würdigen verstanden. Die Unsterblichkeitslehre n:ag Steckelmacher nicht nach den: Beispiele Kants für die Begründung der Ethik verwerten. Sie ist ihm eine rein religiöse Idee und wird von ihm vor allen: daraus gefolgert, daß Gott als Weltschöpfer das Leben will. Dieser Wille Gottes betätigt sich auf Erden dauernd nur an der Gattung. Die Individuen dagegen kommen und gehen. So ergibt sich als Postulat die religiöse Ueberzeugung, daß in einem jenseitigen Dasein auch die einzelnen dem göttlichen Willen gemäß einer höheren Weise zu leben, werden teilhaftig werden. Die messianische Idee bezeichnet für Steckelmacher diejenige „Stufe der Entwicklung, in der das Verhalten der Menschen zu ihnen selbst und zueinander so beschaffen ist, daß es nur erhaltend und fördernd und in keiner Weise mehr Leben hemmend oder gar vernichtend wirkt. Es ist die Stufe höchster Sittlichkeit". „Sie werden nichts Böses tun und nichts verderben auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist die Erde geworden der Erkenntnis des Ewigen, wie das Wasser-den Meeresgrund bedeckt!" (Jesaia 11, 9.) Einen völlig indeterminierten, absolut freien Willen kennt Steckelmacher nicht. Der Begriff eines solchen würde sich selbst aufheben, da der Wille ein Streben nach Zielpunkten sei, womit eine irgendwie geartete Gebundenheit desselben von selbst gegeben sei. Die Freiheit des Willens besteht vielmehr nur in der Wahlfreiheit, d. h. in der Möglichkeit, zwischen verschiedenen Motiven zu wühlen. Diese Freiheit sei nicht nur mit dem Begriff des Willens von vornherein gesetzt, sie sei auch, wie Kant richtig lehrt, die Voraussetzung des kategorischen Imperativs in unfern: Innern. Und diese Wahlfreiheit müsse neben dem Kausalitütsgesetz ebenso gut eingeräumt werden.

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