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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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319 zu belehren. Solche Freiheit, wie hier verlangt wurde, besteht in der Tat. Es ist Wohl möglich, Vorträge über Ventilierung und Sauberhaltung der Wohnräume zu halten, wo aber irgend eine systematische praktische Bestrebung dieser Art austauchte, waren die Urheber sofort der Polizei verdächtig. Diese segensreichen Anstrengungen wurden irgend einem politischen Motiv zugeschrieben und ein wissenschaftlicher Vortrag über Gesundheitsvorschriften kann den Urheber möglicherweise nach Sibirien führen. Schlimmeres als das sollte jedoch folgen. Die Aerzte hatten nicht nur die Kühnheit, zu verlangen, daß ihnen absolute Freiheit garantiert würde, Gesundheitsgesetze zu lehren, sondern sie brachten auch die brennende Frage der Judenbehandlung zur Sprache. - Vom ärztlichen Stand wird verlangt, daß' seine Wissenschaft die weitverbreitete Tuberkulose reduzieren soll, und er antwortet, ohne zu zaudern, daß Uebervölkerung und Armut die Hauptkulturherde des Kochffchen Bazillus seien. Die russische Regierung hat aber durch ihre antisemitischen Gesetze die Uebervölkerung der Ghettos und die darin herrschende Armut zu einer ungeheuren Ausdehnung gebracht. Es sollen mehr als 5 000 000 Juden in Rußland leben, welche, mit nur wenigen Ausnahmen, aus gewisse Teile der Städte in nur einem Teile des Reiches beschränkt sind. Durch die „Maigesetze", welche Kaiser Alexander III. vom 3. Mai 1892 unterschrieben hatte, wurde es den Juden nicht länger gestattet, in Dörfern zu wohnen, sondern nur in Städten oder Marktflecken. Der Polizei schien die Entscheidung überlassen zu sein, ob ein Ort ein Dorf oder ein Marktflecken sei. Wenn dieselbe erklärt, daß der betreffende Platz ein Dorf sei, können die Juden in 24 Stunden Vertrieben werden. So wurden z. B. im Jahre 1895 alle Flecken der Provinzen Pultawa und Tschernigoff zu Dörfern gestempelt und die Juden mußten sie in 24 Stunden räumen. Die Ergebnisse dieser unnötigen Eile sind haarsträubend. Die Juden müssen ihr Eigentum mit enormen Verlust verkaufen, und so kommt Armut zu der Ueberfüllung der Ghettos, in welchen zu leben sie gezwungen sind. Eine andere Illustration kann über die Art und Weise gegeben werden, in welcher diese politische Aktion gegen die Juden die öffentliche Gesundheit beeinträchtigt, und sie nmß in Betracht gezogen werden, so ängstlich wir auch bestrebt sind, irgend welche politische Anspielung zu vermeiden. Der Vizegouverneur von Kischinew gab vor einiger Zeit Befehle betreffs Räumung eines Fleckens, der von da an als Dorf betrachtet werden sollte. Der Unterbeamte, der daselbst ansässig war, kam sofort um Aufschub dieser rigorosen Maßregel ein, da eine heftige Pockenepidemie ausgebrochen war. Dieser sehr gerechtfertigte Protest blieb jedoch erfolglos, die Juden wurden alle aus ihren Häusern getrieben, und, ob gesund oder krank, aus Wagen zusammengepfercht und nach Kischinew gefahren. Es war Mitte des Winters. Viele der Kinder starben während der Fahrt und die Pockenepidemie wurde in Kischinew eingeschleppt. Die Frage in bezug auf die Juden mag eine politische Angelegenheit sein, sie hat aber auch einen nicht zu. unterschützenden Einfluß aus die öffentliche Gesundheit. Seit den „Maigesetzen" sind mehr als 600 000 Juden aus sogenannten Dörfern vertrieben worden, die gezwungen wurden, die Uebervölkerung in den Ghettos noch zu vermehren. Ist es erstaunlich, wenn angesichts solcher Tatsachen der russische Aerztekongreß einen Antrag annehmen wollte, in welchem er auf die Gefahr aufmerksam zu machen suchte, die in der künstlichen Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung in den Städten und Flecken des südlichen und westlichen Rußlands liegt? Ferner gibt es Gesetze, die den Juden das Baden in Seen und Flüssen, sowie den Aufenthalt in Seebädern, in Sanatorien oder an Heilquellen verbieten. Der Kongreß reichte daher, ein Gesuch ein, in dem er fordert. Kranken, selbst wenn sie Juden seien, die Erlaubnis zu erteilen, die segensreiche Landluft aufzusuchen, auf dem Lande zu. wohnen oder Sanatorien oder Bäder zu Heilzwecken zu besuchen. Der Kongreß meinte, daß den Juden das Recht verliehen werden muß, sich ungehindert von Ort zu Ort zu begeben. Gegenwärtig darf ein Jude weder in den gesunden Stadtteilen noch in den Vorstädten wohnen, er darf sich nur in dem Ghetto aufhalten. Wie krank er auch sein mag, und obgleich sein Leben durch einen Luftwechsel erhalten werden kann, so muß er doch in dem Ghetto bleiben. Sollte er den Wunsch hegen, den Rat eines auswärts lebenden Arztes einzuholen, so muß er erst bei der Polizei um Erlaubnis einkommen. Unter solchen Umständen setzt es weiter nicht in Erstaunen, daß das Sterblichkeitsverhültnis in jenen Städten ein hohes ist, und daß epidemische Krankheiten in vielen der Ghettos endemisch geworden sind. Wenn die praktischen Aerzte Rußlands auf dem Kongreß versammelt sind und in sehr natürlicher Weise gegen derartige Krankheitsursachen protestieren, werden sie beschuldigt, sich in Politik zu mischen und der Kongreß wird von der Polizei aufgelöst. Es ist noch günstig, wenn nicht die Verhaftung und Einkerkerung von einigen der eifrigsten Redner erfolgt. Aber wie die ärztliche Wissenschaft und die Gesundheitsbestrebungen fortschreiten sollen, ist eine Frage, die zu beantworten der russischen Negierung überlassen bleiben muß. K. B. Lin philolllphilchrs Such. Von Dr. M. Joseph-Stolp. Professor Hermann Cohen hat vor kurzem in seinem mit Recht viel bemerkten Vortrage über „Ethik und Religions- Philosophie ' in ihrem Zusammenhänge" aus einen großen Mangel im Betrieb der jüdischen Wissenschaft hingewiesen. Letztere sei ausschließlich Geschichtswissenschaft, suche ein möglichst genaues Bild von der Vergangenheit des Judentums zu schaffen, dagegen vernachlässige sie fast gänzlich die systematische Darstellung und philosophische Begründung des Judentums. Diese Klage ist leider nur zu berechtigt. Gewiß war und ist auch die protestantische Theologie, dem geistigen Grundcharakter des 19. Jahrhunderts entsprechend, weit überwiegend dem Historizismus verfallen, aber dort zwingt doch wenigstens jeder Versuch einer Darstellung der christlichen Dogmatik und Ethik zu einer Auseinandersetzung mit der Philosophie und Erkenntnis unserer Zeit. Im Judentum aber sind seit Steinheim, Samuel Hirsch und Formstecher solche Versuche überhaupt nicht mehr gemacht worden. Am schwersten empfanden diesen Mangel naturgemäß junge Theologen, die mit dem sehnlichen Wunsche nach einer tieferen überzeugungsvollen Erfassung des Judentums eine' theologische Lehranstalt bezogen. Sie suchten Erkenntnis, aber was man ihnen darbot, waren Kenntnisse. Sie wurden zu einer philologischen und historischen Erforschung des Judentums angeleitet, daneben für das Predigt- und Lehramt praktisch vorgebildet, aber das Herz, das nach Erkenntnis dürstete, ging völlig leer aus. Im günstigsten Falle verschaffte man ihnen eine genauere Bekanntschaft mit den jüdischen Neligionsphilosophen des Mittelalters, die für ihre Zeit gerade die Aufgabe zu lösen unternahmen, die in unserer Zeit so ganz vernachlässigt wird. Hoffen wir.

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