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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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zu der Erkenntnis gelangen werden, welche Bedeutung die Religion im Hause habe und welche große Aufgaben gerade den Frauen in dem religiösen Erziehungswerk zufalle" ein auch nur leiser Tadel gegenüber der bisherigen Haltung unserer vorwärtsstrebenden Frauen enthalten sein sollte, so möchte ich betonen, daß wir Männer dazu ganz und gar nicht berechtigt sein würden. Woher weiß der Verfasser, daß diese Frauen die Bedeutung der Religion im allgemeinen für das häusliche Leben und für die Erziehung der Jugend nicht zu würdigen wissen? Aber für welche einzelnen Institutionen sollen sie sich begeistern und ihre Angehörigen zu begeistern suchen? Glaubt er, daß unsere modernen . Frauen sich in den Bahnen unserer verehrten Mütter und Großmütter bewegen sollen und können? Und wenn ja, daß es ihnen gelingen werde, ihre Männer odergar das künftige Geschlecht in diesen Bahnen sestzuhalten? Leider habt ihr Männer — ich selbst brauche mir diesen Vorwurf im Hinblick auf die von mir schon vor Jahren bei gebildeten Frauen veranstaltete Enquete nicht zu machen — bisher verabsäumt, euch irgendwie um die Stellungnahme der Frauen zu unfern religiösen Einrichtungen zu kümmern. So ist es gekommen, daß die jüdischen Frauen, die in früheren Zeiten die treuesten Freundinnen, Pflegerinnen und Verbreiterinnen der Religion gewesen sind, dem religiösen Leben in der Gegenwart am kühlsten und teilnahmlosesten gegenüberstehen. Sie fühlen sich durch die bestehenden religiösen Einrichtungen, die so wenig auf ihr Empfinden Rücksicht nehmen, nicht angeregt und erhoben, sondern gelangweilt, und in der Langeweile, so sagte mir jüngst eine Frau, liegt die größte Gefahr. Ueber diese kann auch der mehr oder weniger häufige Synagogenbesuch der Frauen nicht hinwegtänschen, wenn man von diesen selbst hört, mit wie geringer innerer Teilnahme sie dem Gottesdienste folgen. Welchen Einfluß aber so gestimmte Frauen auf die religiöse Entwicklung der Kinder ausüben, das bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. Man wird die so notwendige und von unseren, Rabbinern und Lehrern so schmerzlich vermißte Wechselwirkung und gegenseitige Unterstützung von Schule und Haus in alle Ewigkeit nicht erreichen, vielmehr in den Gemütern der Kinder schon gefährliche Disharmonien erzeugen, wenn man sich nicht mit den Müttern über die Ziele und über die Wege in Einklang setzt. Ich bin daher der Ansicht, daß, wenn wir aufrichtig und gründlich bessern wollen, wir über das Wie mit klugen, urteilsfähigen und warmfühlenden Frauen in Beratung treten müssen. Man sollte sich doch klar machen, daß gerade auf dem religiösen Gebiete die Frauenwelt in erster Reihe mitzusprechen berufen ist und daß unter deren Mitwirkung allein Lebensfähiges und Lebenskräftiges geschaffen und erhalten werden kann. Die Männer unserer Zeit sind auch viel zu sehr von den Anforderungen ihres Berufes und diejenigen, die im öffentlichen Leben stehen, von den Wirren und Kämpfen des Tages in Anspruch genommen, als daß sie sich von ganzem Herzen mit den ein gründliches Eingehen und namentlich ein intimes Verständnis dessen, was in den Seelen unserer Kinder vorgeht, erfordernden religiösen und Erziehungssragen befassen könnten. Es handelt sich hier nicht um ein Heraustreten der Frauen in die Oeffentlichkeit, wo sie Kämpfen und Anfechtungen ausgesetzt sein könnten. Die volle Verantwortlichkeit nach außen wollen wir Männer gern auch weiter tragen. Andrerseits kann auch nicht davon die Rede sein, daß wir etwa aus Galanterie die Ansicht der Frauen auch dann akzeptieren, wenn unsere Ueberzeugung dagegen streitet. Das wollen auch vernünftige Frauen unserer Zeit mit Nichten. Sie betrachten es im Gegenteil als beleidigend, wenn man, statt sich mit ihren Ansichten ernsthaft auseinanderzusetzen, ihnen aus übel angebrachter Höflichkeit und Ritterlichkeit, die im häuslichen und geselligen Verkehr allerdings am Platze sind, gleich Kindern und Unmündigen Nachsicht und herablassende Nachgiebigkeit entgegenbringt. Ich bin überzeugt, daß die Zuziehung von Frauen-Beiräten bei Behandlung wichtiger Angelegenheiten allgemeiner Natur auf den Gebieten des Gottesdienstes und des Religionsunterrichts nahezu allenthalben bei Männern und Frauen den Eindruck Hervorrufen würde, den nachstehende Worte einer urteilsfähigen Persönlichkeit bekunden: „Ich schließe rnich dem Gedanken der Berücksichtigung der Frau gerade auf dem religiösen Gebiete vollauf an. Ich glaube, daß auf diesen: die jüdische Frau ein altererbtes Ansiedelungsrecht besitzt als selbständige Vermittlerin des religiösen Gefühls und als wesentliche Stütze der religiösen Erziehung der Kinder. Sie hat oft genug mitgetan, mag sie auch mitberaten! Damit wird jedenfalls nicht geschadet werden." Der russische UerUekongrrh und die Luge der Juden in Lutzinnd. ^n der sehr bekannten englischen medizinischen Wochenschrift j,The Lcancet“ (6. Februar er. S. 377 ff.) findet sich eine größere Mitteilung über die Auflösung des im Januar er. in St. Petersburg versammelten russischen Aerztekongresses, welche das Verhalten der russischen Negierung gegenüber den Juden in den sogenannten Grenzbezirken scharf beleuchtet und die weiter bekannt zu werden verdient. Der russische Aerztekongreß, welcher Ende Januar in St. Petersburg tagte, wurde von der Polizei aufgelöst. In Westeuropa, heißt es dort, wird es außergewöhnlich erscheinen, daß ein wissenschaftlicher Kongreß nicht ohne polizeiliche Ueberwachung stattfinden kann. Das ist nur begreiflich, wenn man weiß, daß in Rußland die Ausübung der Heilkunde nicht von der Politik unabhängig ist und daß, wenn Fragen über die Ausführung und Beachtung von sanitären Vorschriften, über die Verhütung von Krankheiten erörtert werden, die Wissenschaft sofort als ein politisches Gebiet angesehen wird. Auf dem St. Petersburger Kongreß wurde eine gemeinschaftliche Sitzung der Fraktion für Tuberkulose und für soziale Hygiene abgehalten. Auf derselben wurde ein Antrag eingebracht, welcher feststellen sollte, daß Unkenntnis der alltäglichen und einfachsten sanitären Gesetze und unmäßiger Alkoholgenuß die Verbreitung der Tuberkulose, einer der unheilvollsten und der am meisten vorherrschenden Krankheiten, erleichterten. So weit war alles gut, aber der Antrag und die Vorträge, die ihn unterstützten, gingen einen Schritt weiter, denn schließlich wurde eine Klausel ausgenommen, daß ein regelrechter und systematischer Feldzug gegen die Tuberkulose in Rußland nur durchgeführt werden könnte, wenn „persönliche Freiheit, Freiheit des Wortes, der Presse und der Versammlungen gewährt würde." Bei den bestehenden Verhältnissen jedoch und wenn man in Betracht zieht, daß Rußland eine Autokratie ist, muß es erscheinen, als ob der Aerztestand die Grenzen der Vorsicht überschritten und etwas verlangt hätte, dessen Nichtgewährung er schon im voraus hätte wissen können. Die Resolution verlangt vollständige Freiheit und das ist nicht notwendig, wenn es sich nur darum handelt, die unwissende Menge über die Vorteile der Reinlichkeit, der gründlichen Ventilierung und der Enthaltsamkeit von übermäßigem Trinken

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