Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Allein in Newyork leben 750000 Juden, und daß wir dort alles haben, Armut, Krankheit, Arbeiterfrage und alle diesbezüglichen sozialen Erscheinungen, daß das gleiche im ganzen Lande der Fall ist, das können Sie sich wohl denken. Wir stehen deshalb vor Problemen, die wir studieren müssen, um werktätig eingreisen zu können. Die alte Methode, nur Almosen zu verteilen, geht nicht mehr an, damit schaffen wir mehr Schaden als Nutzen. Wir wollen deshalb, daß die Frauen in den verschiedenen Ortsgruppen die neuesten Methoden der Wohltätigkeit studieren sollten und die Studien in den alten Vereinen mit Erfolg in die Tat umsetzen. Wir haben zwei Komissionen, die für das Studium der Religion zu wirken bestimmt sind. Wir haben drittens ein Komitee zur religiösen Erziehung der Kinder; .wir bemühen uns, daß alle Kinder Religionsunterricht erhalten sollen. Das ist sehr schwer und in großen Städten bisweilen ganz unmöglich. Selbstverständlich hat jede Synagoge ihre Schule, die gut oder schlecht ist; das kommt auf die Synagoge und den Lehrer an. Die Schule wird am Sonntag Morgen abgehalten, das ist am bequemsten. Wir bemühen uns, daß die Frauen in die Schulkomitees hineinkommen, damit sie eine Verantwortlichkeit haben sollen. Denn wenn man den Frauen eine Verantwortlichkeit gibt, dann suchen sie sich derselben auch fähig zu machen. Die Männer ziehen sich immer zurück, darum verlangen wir, daß die Frauen sich mehr dafür interessieren, daß die religiöse Erziehung besser sein soll als sie ist. Das haben wir auch an vielen Plätzen erreicht. Wir'werden sehr oft gefragt, warum die Frauen allein jüdische Wissenschaft studieren sollen, warum nicht im Verein mit den Männern. Wir haben aber gefunden, daß, wenn die Männer mit den Frauen gemeinsam studieren, sie für anderes mehr Interesse haben als für das Studium. Deshalb haben wir mit den Frauen allein angefangen. Wußten wir ja auch, daß es meist so geht, daß, wenn die Frauen vorausgegangen sind, manche Männer doch Nachfolgen! Und das erwarten wir denn auch. Bei uns werden die Kinder zu 13—14 Jahren konfirmiert; dann gehen sie in die Hochschule und vergessen, daß sie Juden sind. Da haben wir denn Junior-Sections (Jugend-Abteilungen) für Mädchen eingerichtet: die jüngeren Mädchen im Alter von 13—18 Jahren kommen zusammen, dann sollen sie in den Ortsgruppen den älteren Damen beitreten. Wir hoffen, daß wir für die männliche Jugend etwas ähnliches schaffen werden; wir wissen noch nicht was, wir experimentieren daran. Erfolgreich war unser bisheriges Vorgehen schon jetzt. In der Havard-Universität, der größten unseres Landes, haben sich die Damen sehr dafür interessiert, die Knaben in die 4unior-8eetion8 zu bringen. Ein junger Mann, der mit Auszeichnung sein Examen bestanden hatte, erklärte mir, daß die jungen Herren überall in den Vereinigten Staaten gefunden hätten, daß sie mehr Juden seien als sie gedacht haben. Das ist im ganzen unsere Arbeit. Wir haben vieles erreicht. Zuerst wollten die Leute gar nicht glauben, daß wir etwas leisten könnten. Heute mit unseren 71 Ortsgruppen und 26 4unior-8ection8 wissen wir, daß wir von großem Einfluß sind. Mehr wollen wir nicht sein. Wir können es ja nicht statistisch beweisen, was wir alles vollbracht haben, aber wir wissen, daß dasjenige, was wir wollten, erreicht ist, daß unser Einfluß tief gedrungen, daß ein Gefühl für Juden und Judentum erweckt worden ist, das vorher nicht existierte. In den jährlichen Berichten, die ich von den verschiedenen Schriftführerinnen erhalte, steht sehr häufig: „Wir sind heute stolz, daß wir Juden sind, wie wir es früher nicht waren; wir wissen, warum wir Juden sind, und wir sind glücklich, daß wir Juden sind, anstatt uns zu schämen, was manche von uns früher getan haben". Das ist doch ein offenes, freies Geständnis, und das, finden wir, will sehr viel bedeuten. Das wollten wir Ihnen hier erzählen. Wir wollten erzählen, daß auch bei uns Jndifferentismus vorhanden war und noch ist, daß aber vieles besser geworden. Vor fünf Jahren habe ich dasselbe in England mitgeteilt, und daraufhin sind dort zwei verschiedene Verbände entstanden, die lewisb Study Society und die Union of Jewish women workes. In den Vereinigten Staaten haben wir keinen Verband der Wohltätigkeitsvereine. Aber wir wollten ihn auch nicht; hätten wir ihn geschaffen, dann würden wir nichts auf .dem Gebiete des jüdischen Studiums erreicht haben. Wir haben einen ganz neuen Verband begründet. Wir zahlen 4 Mark pro Jahr; dieser Beitrag geht in die Orts-, ein Drittel davon kommt in die Nationalkasse. Daraus wird alles bezahlt. Einmal im Jahre hält der Vorstand eine Versammlung; einmal innerhalb drei Jahre haben wir unser sogenanntes Ti'iennhim, in welches Delegierte aller Vereine entsandt, wo die geschäftlichen Sachen erledigt werden und Männer und Frauen Vorträge halten über das, was uns als Juden'im allgemeinen interessiert. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß wir uns in der Wohltätigkeit mit den Prinzipien beschäftigen. So zum Beispiel wird von einer Ortsgruppe Milch und Eis für die Schwindsüchtigen gegeben. Wir wollen haben, daß unsere Damen studieren, wie die Schwindsucht im Hause zu behandeln ist. In den Vereinigten Staaten wird jetzt sehr viel nach der Richtung getan, daß die Schwindsucht im Hause behandelt wird, denn wir haben nicht genug Spitäler, um alle Kranke unterzubringen. Auf weitere Einzelheiten kann ich ja hier nicht eingehen, sonst würden Sie gewiß sagen, daß ich Ihre Geduld zu lange in Anspruch genommen habe. Ich schließe, indem ich sage: Wir müssen uns erinnern und auch einander daran erinnern, daß wir Juden sind; wir müssen in gemeinsame Arbeit eintreten. Es sind ja immer einzelne, die interkonfessionell arbeiten. Die sieht man bei uns zu Lande als Ausnahmen an. Seitdem wir unseren Verband haben, sehen auch die Christen, daß die Juden im ganzen sich für die allgemeinen Fragen lebhaft interessieren. Das hat in den Vereinigten Staaten sehr wesentlich dazu beigetragen, das Vorurteil gegen die Juden herabzumindern. Wir müssen auch daran denken, daß wir eine große Vergangenheit hinter uns haben, auf die wir stolz sein sollten; wir müssen uns auch gegenwärtig halten, daß die Pharaonen mit ihren großen Monumenten verschwunden sind, daß aber wir paar Juden, ein Häuflein von sieben bis acht Millionen unter den Hunderten von Millionen Andersgläubiger, bis zur Stunde existieren, trotzdem so vielerlei an unserem Bestände gerüttelt hat. Diese in der Geschichte einzigartige Erscheinung muß eine Ursache haben, und wir sind überzeugt, daß der uns innewohnende jüdische Geist, der religiöse Geist es ist, der uns erhalten hat, und deshalb müssen wir ihn bewahren und festigen. Wir müssen bedenken, daß auch wir in der Gegenwart nach dieser Richtung zu arbeiten verpflichtet sind, damit diejenigen, die nach uns kommen, nicht sagen, wir haben für die große Vergangenheit nichts geleistet. Wir müssen die Vergangenheit als ein großes Piedestal ansehen, auf dem wir Juden stehen. Sind wir klein und kleinlich, so ist das unsere Schuld. Aber dem Piedestal Ehre zu machen, dem ganzen Judentum Ehre zu machen, vermögen wir einzig und allein dann, wenn wir ein lebendiges, ein belebendes Selbstbewußtsein haben, keinen Chauvinismus, denn nichts ist schlimmer als dieser; nein, jenes lebendige jüdische Selbstbewußtsein, das auf tüchtigem Wissen begründet ist, das stolz ist auf die Vergangenheit der Juden und des Judentums, das eine Verantwortlichkeit fühlt, diese große Vergangenheit weiter zu führen. Wir müssen uns gegenwärtig halten, daß heute, im zwanzigsten Jahrhundert, eine große Summe von Verantwortung auf den Frauen ruht, wie sie in früheren Jahren den Frauen nicht zufiel, daß wir uns dafür fähig machen müssen, utn, was auch int Judentum oder außerhalb desselben, in der Familie oder im Staat oder wo es auch sei, vorkommt, unser Teil zu leisten, uns selbst, den Männern, der: Juden, dem Staat und der Nation zu Nutz und Ehre. — Ich danke Ihnen! Lur lfrsmnkrsge auk religiälem Gebiete. Von Geh. Negierungsrat Dr. Mayer-Karlsruhe. uch ich preise Frau Rabbiner Dr. Selig mann, daß sie dem zu gründenden deutsch-israelitischen Frauenbünde die Mahnung mit auf den Weg gegeben hat, der religiösen Aufgabe nicht zu vergessen. Insoweit stimme ich dem Verfasser des in Nr. 25 d. Bl. erschienenen Artikels „Die Frauenfrage" gerne zu. Wenn jedoch in seinen eigenen Worten „Wir hoffen zuversichtlich, daß diejüdischen Frauen, welche inmitten der Frauenbewegung stehen und au dieser teilnehmen, sicher auch