Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
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Lande sagen muß, ich glaube doch nicht, daß der Jude die höchsten Stellungen bekommen könnte. Gesellschaftlich kommen die Juden und Christen auch nicht zusammen, wie dies in Deutschland der Fall ist. Die Frauen arbeiten für sich, und nur einzelne — ich glaube nicht so viele, wie in Deutschland — arbeiten, wir sagen nicht interkonfessionell, vielleicht nicht — konfessionell. In den Schulen wird keine Religion gelehrt, nicht evangelische, nicht katholische und nicht jüdische. Der Religionsunterricht wird von den verschiedenen Kirchen, je nachdem sie es wollen, gestaltet und erteilt. Ich sage dies, damit Sie verstehen sollen, wie die jüdischen Frauen dazu gekommen sind, den Verband zu begründen. Im Jahre 1893, zur Zeit der Weltausstellung in Chikago, wurde das Parlament der Religionen abgehalten. Es war das erstemal in der Geschichte der Welt, daß die Vertreter aller Religionen in Frieden zusammenkamen, um einander ihre höchsten Ideale vorzutragen; es war das erstemal in der. Geschichte der Menschheit, daß der Jude eingeladen wurde, um zu zeigen, daß er auf derselben Stufe steht, wie der Andersgläubige, um das zu erzählen, was er glaubt und denkt. Es war auch das erstemal, daß die jüdische Frau eingeladen wurde, für sich selbst zu sprechen, nicht allein über Wohltätigkeit, in der sie doch immer tätig gewesen ist, sondern über ihr eigenes Denken, über ihre Religion, über den Stand der Juden, über die verschiedenen sozialen Verhältnisse re. Damals wohnte ich in Chikago; als von mir und der jetzigen Präsidentin des Verbandes, Frau Solomons, welche letzte Woche zum Kongreß hier war und von der ich glaubte, daß sie Ihnen einen Vortrag halten sollte — als von uns Beiden verlangt wurde, daß wir einen Frauenkongreß veranstalten sollten, wußten wir nicht, wie dies geschehen konnte. Jeder der in dem Religionsparlament vertretenen Kongresse bestand aus den Predigern, ans Männern und Frauen, und der Vorstand des Parlaments wünschte, daß sich, wenn möglich, in jeder Konfession die Männer und Frauen vereinigen. Wir mußten Vertreter von überall her aus den Vereinigten Staaten haben, und es gelang uns auch, einige Namen zusammenzubringen. „Wieviel Zeit wollen Sie den Frauen einräumen?" fragten wir die Rabbiner. Diese zuckten die Achsel, gaben uns einige Schmeicheleien und sagten, daß sie uns — zwanzig Minuten geben wollten. Nun ist ja wohl bekannt, daß keine Frau, auch keine amerikanische, in zwanzig Minuten fertig werden könne.' Wir haben denn auch die uns eingeräumte Frist nicht angenommen. Wir haben uns nachdrücklich bemüht, einen Kongreß zustande zu bringen, der uns Ehre machen sollte. Sie werden es nicht glauben: ich habe als Schriftführerin zwei Jahre gearbeitet und mehr als 5000 Briefe geschrieben, um — vierzehn jüdische Frauen zusammenzubringen. Als die vierzehn Frauen zusammengekommen waren, wußten wir nicht, ob wir uns freuen oder schämen sollten. Wir kannten die erschienenen Frauen nur dem Namen nach, aber der Kongreß hat dennoch mehr Erfolg gehabt als irgend eine andere, gleiche Veranstaltung. Bei unseren Vorberatungen ist uns vieles ausgefallen. Wir sind nicht fromm in Amerika, nicht orthodox. Ich wohnte im Westen und hatte noch nie einen echt orthodoxen Tempel gesehen, bis ich nach Osten ging zu den Russen. Auch diese sind nicht allesamt streng orthodox; sie haben z. B. eine Orgel, und die Frauen und Männer sitzen in der Synagoge zusammen. Ueberhaupt wissen wir ja, daß, was heute nicht orthodox ist, es vielleicht morgen sein wird. So geht doch die Welt voran, auch die religiöse Welt. Wir sahen aber, daß wir, ob orthodox oder frei, dasjenige von unserer Geschichte, von jüdischer Wissenschaft und von unserer Religion nicht wußten, was wir als Jüdinnen, als Mitglieder eines Volksstammes, der doch eine großartige Geschichte hat, wissen sollten. Wir, die wir in Chikago arbeiteten, sagten uns selbst, 'daß wir über Wohltätigkeit sprechen können, wie andere auch. Als wir aber verlangten, daß die Frauen über die Religion oder die Bibel sprechen sollten, kamen die Briefe zurück, in denen sie schrieben, daß sie über Krankenpflegerinnen oder Kinderasyle sprechen wollten, aber selbst von der Bibel nicht wüßten, was sie wissen sollten. Nun dann, so dachten wir in Chikago, es ist Zeit, daß dies geändert wird. Wir, die wir der: Verband gegründet haben, stehen auf freiem Grunde — wir sind im Westen freier als im Osten; aber wir waren durchdrungen von dem echt religiösen Gefühl, das auf Prinzipien begründet ist, das nichts mit den äußeren Formen zu tun hat. Die letzteren sind ja Sache des Temperaments; der eine oder andere wird mehr oder weniger streng, je nach seinem eigenen Temperament und je nach seiner Erziehung sich dazu verhalten. Wir müssen damit anfangen, so sagten wir uns, zu lesen und uns klar zu werden über unsere Religion, od wir Jüdinnen sind, weil wir als solche geboren wurden, oder ob wir Jüdinnen sind, weil wir die Religion verstehen, weil das Judentum das höchste ist, das uns zur höchsten Entwicklung der Menschheit führt. Wir haben gefunden, daß wir stolz sein können daraus, daß wir Jüdinnen sind im vollen Sinne des Wortes und in jeder Beziehung.' Wir haben eingesehen, daß wir Juden nicht genug dasjenige, was man auf Englisch missionary nennt, treiben, daß es unsere Pflicht ist, andere dahin zu bringen, daß auch sie das Judentum studieren. Wir haben weiter geforscht und fanden, daß nicht nur die Juden, sondern auch die Christen die Bibel studieren; in unserem Lande haben mehrere Präsidenten der Universitäten Nachforschungen über die Verbreitung der Bibelkenntnis angestellt. Ich will Ihnen hier eine kleine Geschichte erzählen, die zwar aus England stammt, aber, wie wir fanden, auch anderswo passieren konnte. Es wird erzählt, daß ein englischer Bischof einmal eine Rede über Sodom und Gomorrha hielt, die den Leuten außerordentlich gut gefallen hatte. Als er die Kirche verließ, kam ihm eine alte Frau entgegen und sagte: „Ach, Herr Bischof, ich habe mich so gefreut; ich habe nicht gewußt, daß Sodom und Gomorrha nicht Frau und Mann seien". Der Bischof dankte. Abends als er zum Diner eingeladen war,, erzählte er das Erlebnis seiner Nachbarin. Diese hörte ihn an, richtete sich dann steif in die Höhe und sagte: „Nun, wenn sie es nicht waren, hätten sie es sein sollen!" Es kann ja passieren, daß man nicht alle Namen aus der Bibel kennt, aber ich glaube, daß man bei etwaigem Nachforschen finden würde, daß diejenigen, die sich heute sehr gebildet nennen, viele der allerbekanntesten Namen der Bibel nicht kennen, daß sie die Bibel selbst nicht kennen. Bei unserem Streben, alle Wissenschaften uns anzueignen, haben wir vergessen, daß das alte Buch doch für die Welt so viel, wenn nicht mehr getan hat, als alle Wissenschaften. Kenntnisse müssen wir besitzen, aber noch nötiger sind Moral und Ethik, und selbst Moral und Ethik sind nicht ausreichend: Die Ethik ist nur die Frucht des Baumes, die Religion ist der Baum selbst. Mit Unrecht denkt man, daß mit Ethik genug getan ist, und daß wir Religion nicht mehr brauchen. Ich habe dies alles sagen zu müssen geglaubt, damit Sie verstehen, weshalb wir uns auf religiösem Grunde verbunden haben. Ein nationaler Bund der Frauen darf nur auf religiösem Grunde beruhen, denn, was die Sitten anbelangt, sind wir ja doch verschieden. Wenn der Amerikaner nach England oder nach Frankreich oder nach Deutschland kommt, so findet er ganz andere Sitten, ganz andere, als im eigenen Lande; nur auf dem Gebiete der Religion finden wir uns zusammen. So haben wir uns denn gesagt: wir wollen einen Verband der jüdischen Frauen haben, der aus der Grundlage des jüdischen Wissens sich aufbaut. Wir wollen, daß die Frauen ihre Religion, die jüdische Wissenschaft studieren sollen. Für diejenigen, die sehr viel studieren wollen, ist ja die Universität da; für die ist unser Verband nicht gestiftet, sondern nur für diejenigen, die vielleicht schon zu alt sind für die Schule und nur Zeit haben, etwas zu lernen, und etwas ist doch mehr als gar nichts. Es war sehr schwer; überall fanden wir Jndifferentismus. Wir haben im Jahre 1893 mit nichts angefangen; denn auf diesem Kongreß wurden nur Offiziere gewählt und ein geschäftssührender Ausschuß von zehn Damen. Heute haben wir 71 Ortsgruppen und 10000 Mitglieder in den Vereinigten Staaten. Die weitesten Gruppen sind 6000 Meilen von einander entfernt; die größte hat 1100 Mitglieder, die kleinste 12. Unsere Statuten sind so breit angelegt, daß sie für alle Gruppen gut sind; unsere Statuten sind überhaupt inklusiv und nicht exklusiv; aber eines ist ihnen allen gemeinsam: jüdische Wissenschaft muß studiert, nicht nur Wohltätigkeit allein geübt werden. Viele wollten gleich auch Shakespeare und Schiller und Goethe studieren. Das geht nicht an, wir müssen unsere Forderungen einschränken, sonst können wir nicht das Ziel erreichen, das wir erstreben. Das war aber nicht alles; wir vernachlässigten die Wohltätigkeit keineswegs. Neue Vereine wollten wir nicht schaffen, aber die alten stärken und die alten Methoden verändern, was heute besonders in den Vereinigten Staaten notwendig ist.