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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 nach welchem einerseits die ab 1. (14.) Januar 1901 eingetretene Ermäßigung der Staatsgewerbesteuer (von 500 auf 150 Rubel) auf diejenigen ausländischen Handlungshäuser, deren Inhaber Israeliten sind, keine Anwendung findet, andererseits ausländische Firmenchefs israelitischen Glaubens, die von den Ministerien der Finanzen, des Innern und des Aeußern die Genehmigung zur Unterhaltung von Kontoren, Magazinen, Depots rc. in Rußland erhalten haben, 500 Rubel Staatsgewerbesteuer auch dann zahlen müssen, wenn sie nur Detailhandel betreiben. Nehmen wir hierzu noch die besonders -bedenkliche Tatsache, daß die russischen Behörden formell berechtigt sind, deutschen Juden überhaupt den Handelsbetrieb in Rußland zu untersagen, so gelangen wir zu der Ueberzeugung, daß auf diese Weise nicht nur die durch den Handelsvertrag bezweckte Stabilität der beiderseitigen Handelsbeziehungen keineswegs garantiert erscheint, sondern Rußland sogar in der Lage ist, für einen Teil der deutschen Untertanen den Handelsvertrag jederzeit einseitig außer Kraft setzen zu können. Dieser Teil der Reichsangehorigen darf in dieser Hinsicht aber die besondere Fürsorge der Reichsregierung erwarten, weil speziell im Osten Deutschlands gerade die Firmeninhaber und Handlungsreisenden israelitischen Glaubens vorzugsweise Vermittler des deutsch-russischen Handelsverkehrs sind. Auch scheint uns die Behandlung ausländischer Juden in Rußland keineswegs eine rein interne Angelegenheit des russischen Staates zu sein, sondern die Reziprozität, wie sie Artikel 12 des bisherigen Handelsvertrages sicherstellen will, dürfte unseres Ermessens auch durch konfessionelle Unterschiede nicht durchbrochen werden, zumal auch das deutsche Reich allen Russen gleiche Rechte einräumt, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit." $ Im englischen Unterhause sprach am 20. d. M. der schottische Abgeordnete Cathcart Wason gegen das Projekt einer zionistischen Niederlassung in Ostafrika. Er fürchte, daß die Durchführung dieses Planes Unruhen Hervorrufen werde und tadelte das Auswärtige Amt, weil es versäumt habe, dem Hause über diesen Punkt nähere Aufklärung zu geben. Die Bevölkerung des Landes, behauptete der Redner, sei im höchsten Grade erregt über den Gedanken, daß das Land an russische und rumänische Juden ausgeliefert werden soll. Die Folge werde wahrscheinlich ein Ausstand der Eingeborenen sein. Keine englische sich selbst regierende Kolonie würde jemals die Errichtung einer Niederlassung von Leuten dulden, die weder die englische Sprache noch die der Eingeborenen verständen. Major Evans-Gordon erklärte, daß vorläufig diese ganze Niederlassungsfrage noch sehr schattenhaft sei. Der Baseler Zionistenkongreß habe anerkannt, daß das Erbieten der englischen Regierung außerordentlich großmütig sei, aber ein Teil des Kongresses sei der Ansicht gewesen, eine Ansiedlung in Ostafrika werde von dem wahren Ziele der Zionisten, der Niederlassung in Palästina, ablenken. Trotzdem sei man überein-. gekommen, an Ort und Stelle zu untersuchen, inwieweit die Idee einer Ansiedlung durchführbar sei, die Schwierigkeiten seien jedoch so große, daß es als fraglich bezeichnet werden müsse, ob auch nur eine einzige jüdische Familie wirklich die Ansiedlung versuchen werde. In dieser Frage eine Bedrohung des englischen Weltreiches zu erblicken, sei einfach lächerlich. Earl Perch, der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amts, erklärte, die Annahme, daß England ein Staatsgebiet an die jüdische Nation abtreten wolle, sei vollständig irrig, es habe sich immer nur um die Frage einer Landverpachtung gehandelt. Der Antrag Wasons, sich über diese Frage als Zeichen der Mißbilligung zu vertagen, wurde natürlich abgelehnt. Es ist übrigens interessant, daß es über diese Frage fast zu einem Konflikt zwischen dem Kommissar des ostafrikanischen Schutzgebiets Uganda, Sir Charles Eliot und der englischen Negierung gekommen ist. Biele glauben in der Tat, daß der Grund der Zerwürfnisse zwischen dem Minister des Auswärtigen und Sir Charles Eliot in der von Lord Lansdowne genehmigten Landanweisung an die Zionisten zu suchen sei. Der Landstrich, der in einiger Entfernung von der Eisenbahnlinie liegt, ist zwar fruchtbar und wohl auch reich an Mineralien; aber die Entfernung von dem einzigen Verkehrswege ist so groß, daß man in England zweifelt, ob der mit der Besichtigung des Gebiets betraute Ausschuß des jüdischen Kolonialtrusts die Annahme des Gebietes, das die Ausdehnung von Frankreich haben soll, empfehlen wird. Sir Charles Eliot soll darum mit der Besiedelung dieses Gebiets durch Juden nicht einverstanden sein. Der Verband jüdischer Frauen in Amerika. Bortrag, gehalten in der Delegierten-Versaminlung des „Verbandes für jüdische Wohltätigkeitspflege" von Miß Sa die American, Sekretärin des Bundes. meine Damen und Herren! Ich muß zunächst um Verzeihung bitten; es ist das erste Mal, daß ich einen deutschen Vortrag halte, und ich gestehe Ihnen frei: ich habe keine schriftlichen Aufzeichnungen, nichts weiter, als was ich im Kopfe habe von der Sache, von der ich sprechen werde. Deshalb bitte ich, daß Sie mich gastfreundlich anhören und wenn Sie sich auch ein bischen dabei langweilen, so denke ich, daß man sich auch manchmal bei seinen eigenen Freunden langweilt, und ich hoffe, daß Sie mich so behandeln, wie die in Berlin Heimischen. Sie werden finden, daß die Artikel nicht immer znsammenstimmen, aber wenn Sie mich nur verstehen, werden Sie das verzeihen. Nur in unserer Zeit konnte es sich ereignen, daß in irgend einer Stadt Amerikas oder Deutschlands ein solcher Frauenkongreß, Frauen aus allen Ländern, wie hier, zusammenkamen, um sich frei auszusprechen und zu erzählen, was sie in ihren eigenen Ländern geleistet haben, daß die Männer zu alledem Ja sagen und sich nicht mehr dagegen sträuben. Wir wissen nicht immer, wie weit die Welt vorgeschritten ist, bis wir selbst sie in einer Position sehen, die wir gar nicht geahnt hatten, und ich bin ganz gewiß, daß viele Männer hier in Berlin während der letzten Woche diese Empfindung gehabt und auch die Frauen selbst sie geteilt haben. Nor fünf Jahren habe ich auch auf dem Internationalen Kongreß zu London den jüdischen Frauen-Verband für Amerika vertreten. Als ich nach Hause kam, fragte man mich, was mir am auffallendsten .war. Da sagte ich: ich finde, in jedem Lande sind die Leute glücklich, wenn auch nicht aus unsere Art, sind sie heute frei, wenn auch nicht auf unsere Art, wenngleich sie nicht das haben, was wir haben. Meine Aufgabe heute Abend ist, Ihnen einen Bericht zu erstatten über den Verband jüdischer Frauen in den Vereinigten Staaten, und damit Sie mich nicht mißverstehen, was ich später sagen werde, muß ich mir erlauben, Ihnen über die Verhältnisse der Juden in Amerika einiges zu berichten. Amerika ist das Land der Freiheit; ganz gewiß, vor dem Gesetz stehen wir alle gleich da. Aber es ist viel leichter, alte Gesetze abzuschaffen und neue zu bringen, als alte Vorurteile und alte Sitten zu beseitigen. Obgleich wir in Amerika vor dem Gesetz, frei sind, gibt es doch in unserem Lande viele Vorurteile gegen die Juden, ererbte Vorurteile, die nicht logisch, aber doch vorhanden sind. Die Leute sind nicht gewohnt, mit den Juden zu verkehren. Religiöse Vorurteile gibt es, glaube ich, in unserem zwanzigsten Jahrhundert überhaupt nicht, es sind nationale oder soziale Vorurteile. Denn man kümmert sich nicht mehr darum, was der Einzelne glaubt. Die Juden in Amerika arbeiten mit den anderen Bürgern in sozialen Dingen — von politischen will ich natürlich hier nicht sprechen; selbstverständlich arbeite!: sie auch politisch mit. Das Gesetz würde ihnen nichts vorenthalten, aber, wenn ich es auch von meinem eigenen

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