Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ms 314 anderen Glaubensform. Meine Ueberzeugung ist, das; die Menschen hinsichtlich der Form ihrer Religionen von einander abweichen können, wenn ihre Religionennur aus demselben Fundament ruhen. Diese Unterschiede sollten aufrecht erhalten werden. ' Auch die jüdische Tradition sollte um jeden Preis erhalten werden; der Geist des Judentums muß am Leben bleiben, und die Juden sollten an ihrer alten Religion sesthalten. Jhr Uebertritt gerade provoziert den Antisemitismus. Die Antisemiten sagen: Sie sind keine Juden, sie sind nichts. Die Leute fürchten solche Juden, weil sie ein negierendes, zerstörendes Element bilden und einen irreligiösen Geist ermutigen." Diese goldenen Worte eines edlen und ausgezeichneten nichtjüdischen Forschers werden sicher einen Widerhall finden in den Herzen aller glaubenstreuen Juden, die an den Fortschritt und an die Fortdauer des Judentums trotz aller Zeitströmungen unverbrüchlich glauben. Bit Woche. Berlin, 28. Juni, den aufmerksamen Beobachter ist es von Interesse, mitanzusehen, wie die deutschen Antisemiten Jahr für Jahr, von einer Generalversammlung zur andern, ihren Namen wechseln. In der letzten Hauptversammlung in der vorigen Woche beschloß der „Deutsche Antisemitenbünd", fortan den Namen „Deutscher Mittelstands-Bund" zu führen. Gewöhnlich sieht man es nicht gerade als ein Zeichen guten Geschäftsgangs an, wenn eine Firma so oft den.Namen ändert. Die Antisemiten hoffen allerdings unter der neuen Firma bessere Geschäfte zu machen als bisher. In derselben Versammlung kam es auch zu einer scharfen Absage an den „Bund der Handwerker". In dem agitatorischen Vorgehen des Handwerker-Bundes fiele besonders die Tatsache auf, daß der Bund bis jetzt besonderen Wert daraus gelegt hat, sich in denjenigen Wahlkreisen zu organisieren, die durch Abgeordnete des Deutschen Antisemitenbundes, der Deutschen Reformpartei vertreten sind. Aus der ganzen Art der Agitation des Bundes der Handwerker sei klar erkennbar, daß nicht sachliche, sondern rein persönliche Gesichtspunkte maßgebend sind. Der Bund der Handwerker sei nichts weiter als eine verkappte Organisation des Bundes der Landwirte. Wie die „Deutsche Hochwacht" mitteilt, gehört zu den Angestellten des Bundes der Handwerker an leitender Stelle ein Mann, der, aus dem Bunde der Landwirte ausgetreten, im Deutschen Volksbunde vorübergehend beschäftigt wurde, dein Deutschen Antisemitenbunde angehört und dabei lebhaft gegen die Leitung seiner früheren Brotgeber agitiert. Wieder hat ein angesehener Gelehrter seine Dozentur an einer preußischen Universität niedergelegt, weil er als Jude trotz seiner unzweifelhaften wissenschaftlichen Befähigung und trotz langen Wartens keinerlei Aussicht aus Beförderung hat. Hören wir, was ein unparteiisches Blatt über diesen Fall zu berichten weiß: ' \ „Wie aus dem neuesten Personalverzeichnisse der Universität hervorgeht, hat Professor Albert Fraenkel, der Direktor der inneren Abteilung des städtischen Krankenhauses am Urban, seine Dozentur an der Universität niedergelegt. . Professor Fraenkel ist seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Privatdozent an der Universität. Er unterrichtete zuerst in der damaligen zweiten medizinischen Klinik, bei der er unter Traube und später unter Lehden Assistent war, und seit 1889, seit der Eröffnung des städtischen Krankenhauses am Urban, au diesem. Noch während seiner.Tätigkeit an der zweiten medizinischen Klinik erhielt Fraenkel den Titel als Professor. Eine-außerordentliche Professur an der, Universität blieb Fraenkel aber versagt, trotz der allgemeinen Anerkennung, die seinen wissenschaftlichen Leistungen bei uns und im Auslande zuteil geworden ist. Wesentliche Fortschritte der inneren Medizin, insbesondere solche auf dem Gebiete der Lungenkrankheiten, sind mit seinem Namen verknüpft. Sein neuestes Werk, der erste Band eines umfassenden Handbuches der Lehre von den Lungenkrankheiten, nimmt unter den einschlägigen Werken mit den ersten Rang ein. Man kann es verstehen, daß Fraenkel angesichts der Tatsache, daß die Unterrichtsverwaltung ihm die Anerkennung seiner Leistungen durchaus versagt, auf die Lehrtätigkeit an der Universität verzichtet. Das bringt für den medizinischen Universitätsunterricht in Berlin den besonderen Schaden, daß eine so große Krankenhausabteilung wie diejenige am Urban für die Unterweisung der Studierenden ausfällt. Es ist in nicht allzu langer Zeit der zweite Fall, daß ein alter- Berliner Universitätsdozent auf die Venia legenätverzichtet, weil ihm die Beförderung zürn außerordentlichen Professor versagt wird." Der Fall dürfte wohl noch von sich sprechen machen und! Gelegenheit geben, die einschlägigen Verhältnisse des näheren zu beleuchten. Im badischen Landtag kam kürzlich auch die Lage der jüdischen Lehrer zur Beratung. Der Abgeordnete Frühanf (freis.) trat für eine. Besserstellung der israelitischen Lehrer ein und ersuchte die Negierung, die Volksschulen der Gemeinde Brötzingen, die nun mit Pforzheim vereint wird, zu einer erweiterten Volksschule auszugestalten. Oberschulratsdirektor Arnsperger erwiderte hierauf, daß für die israelitischen Lehrer getan werde, was möglich sei. Der Abgeordnete Eichhorn (Soz.) sprach sich gleichfalls für die Erweiterung der Volksschule in Brötzingen ans. Auch der Zentrumsabgeordnete Fehrenbach (Ztr.) erklärte: Die Lage der israelitischen Unterlehrer ist eine wenig günstige. Das komme hauptsächlich daher, daß die kleinen Gemeinden sich in schwierigen Verhältnissen befinden und für die israelitischen Lehrer nicht mehr tun können. Die größeren Gemeinden sollten es machen, wie es auf meine Veranlassung in Freiburg geschah; sie sollen in Fällen, m denen es möglich zu machen ist, die israelitischen Unterlehrer als Hauptlehrer anstellen. Und ebenso sagte der Abgeordnete Ihrig (Dem.): Es läßt sich nicht bestreiten, daß die israelitischen Lehrer sehr lange warten müssen, bis sie Hauptlehrer werden. Die Negierung sollte die Lage dieser Lehrer bessern. Hoffentlich geschieht nun auch wirklich etwas für die jüdischen Lehrer in Baden. Bevor der deutsch-russische Handelsvertrag zum Abschlüsse gelangt, kann es immer noch von Nutzen sein, auf die ungerechtfertigten Steuerbelastungen und Aufenthaltserschwernngen hinzuweisen, denen deutsche Kaufleute jüdischen Glaubens in Rußland ausgesetzt sind. Diese sehr gerechtfertigten Beschwerden sind ja vor kurzem erst im deutschen Reichstage zur Sprache gekommen und man darf wohl erwarten, daß die Reichsregierung bei dem Abschluß des Handelsvertrages die Interessen der deutschen Kaufleute jüdischen Glaubens diesmal etwas energischer wahren wird. Wie empfindlich aber der deutsche Handelsstand unter dieser Kalamität zu leiden hat, zeigt auch folgende Auslassung in dem neuesten Jahresbericht der Posener Handelskammer: . „Diese ungünstige Behandlung der deutschen Juden hat einen neuen und noch verschärften Ausdruck in dem Zirkular des russischen Finanzministeriums vom 27. November (10. Dezember) 1900 gefunden,