Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-01 · Heft 27 (1.7.1904) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228609--60916-3274711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68. Jahrgang. No. 27. Allgemeine Berlin, 1. Juli 1904. Lin unparteiisches Drgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 2>** Ludwig PHMppson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNoss«, Berlin. Lin Interbikw. Berlin, 28. Juni, er bekannte französische Nationalökonom Anatole Leroy- Beaulieu ist, wie wir bereits wiederholt gemeldet haben, zurzeit in den Vereinigten Staaten, wo er Vorlesungen über Antisemitismus und Judentum hält und auch in Interviews sich über das ihm so geläufige Thema äußert. Er wird von den amerikanischen Juden mit Recht außerordentlich gefeiert, obwohl er in seiner Objektivität manche Dinge sagt, die viele nicht gerade gern hören. Aber die Juden wissen, daß hier ein Gelehrter über Fragen, die er gründlich und an ersten Quellen studiert hat, spricht und offen und ehrlich seine sachverständige Meinung sagt. Den Antisemitismus nennt Leroy-Beaulieu das Unglück unserer Zeit. Er unterscheidet zwischen russischem und rumänischem Antisemitismus und führt den Antisemitismus in anderen Ländern, namentlich in Frankreich, auf die Einwanderung zurück. Leroy-Beaulieu, der die russischen Verhältnisse aus eigener Anschauung sehr genau kennt, behauptet, das russische Volk sei nicht antisemitisch, auch die gebildete Welt nicht. Der Antisemitismus in Rußland sei nur von der Negierung aus politischen Gründen fabriziert worden. Er glaubt, es werde nach dem Kriege besser werden. In Rumänien ist der Antisemitismus ganz anderer Art. Dort ist jeder, Mann, Weib, Kind, gebildet oder ungebildet, Antisemit. In Rumänien fürchtet man die Juden. Die Rumänen sind trüge und ehrgeizig, die Juden dagegen sind fleißig und sie würden gar bald das ganze Land bewohnen, wenn die herrschenden Klassen sie nicht durch die Gesetzgebung daran verhinderten. „In Paris sagten mir meine rumänischen Hörer, daß sie die Juden fürchten. Die Juden, sagten sie, arbeiten zu viel. Die Juden in Rumänien sind zu ehrgeizig. Ich bin oft in Rumänien gewesen und als Professor der Volkswirtschaft bin ich beim Unterricht zu einer guten Kenntnis des rumänischen Volkscharakters gekommen." Die Judensrage in Rumänien kann nur durch Auswanderung nach den Vereinigten Staaten gelöst werden. Denn schließlich ist Rumänien nur ein kleines Land, und es wohnen nicht gar zu viele Juden dort. Aber in Rußland wohnen fünf Millionen, diese können nicht sämtlich auswandern. Da müssen die Verhältnisse in Rußland selbst endlich einmal gelöst werden. Wir möchten hier einschalten, daß der portugiesische Chacham in London, Dr. Gaster, nach einem Vortrage, den er in der letzten Versammlung der anglo - jüdischen Gesellschaft gehalten hat, eine andere, eine optimistischere Auffassung von der Lage der Juden in Rumänien hat. Dr. Gaster, der selbst Rumäne ist, konstatierte, es seien deutliche Anzeichen vorhanden, daß sich ein besseres Verhältnis zwischen Juden und Christen in Rumänien zu entwickeln anfange. Es werden mehr Juden naturalisiert; die Ausweisungen aus den ländlichen Distrikten haben aufgehört; das Handwerkergesetz wird so umgestaltet, daß Juden nicht verhindert werden, Arbeit zu finden, und — das wichtigste — man beabsichtigt offenbar, die in Rumänien geborenen Juden in Zukunft nicht mehr wie früher als Ausländer zu behandeln. Die .Lage der Juden hat sich im ganzen gebessert, und man hofft, daß die Besserung andauern werde, und daß' es sich nicht bloß um ein augenblickliches Anskunstsmittel handele, das man etwa aus Rücksicht auf die Finanzlage und um von den Juden Geld zu erhalten, ergriffen hat. Gewissen Juden.in Frankreich macht der französische Gelehrte zum Vorwurf, daß sie ihren Reichtum allzusehr zur Schau trügen. Besonders interessant ist, daß er sich wegwerfend über solche Juden äußert, die ihrem Glauben entsagen in der Meinung, daß sie den Christen sich dadurch angenehm machen. Das sei ein trauriger Irrtum. Solche Juden mögen gute Patrioten sein, aber es wäre besser, wenn sie auch gute Juden wären. Der Verlauf der Drehfus-Affäre werde aber auch diese Juden stolz machen auf ihr Judentum; ihre allzu große Assimilationslust habe sich durchaus nicht als Heilmittel gegen den Antisemitismus bewährt. Wenn dieser in Frankreich eine größere Ausdehnung gewonnen habe, sv sei das zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Regierung, welche im Kampfe lag mit der katholischen Kirche, bei der Verteilung von Aemtern die Inden hie und da sogar bevorzugte. Man gönne schon den Juden die Anstellung neben Christen, man mißgönne ihnen dagegen eine etwaige Bevorzugung. Auf die Frage eines Interviewers, was er von der Zukunst des Judentums halte, sagte Leroy-Beaulieu: „Ich hoffe aufrichtig und glaube, daß das Judentum leben werde. Die Hauptsätze der jüdischen Religion: die Einheit und Vaterschaft Gottes und die Brüderlichkeit aller Menschen sind Prinzipien, die nienials sterben können. Die philosophischen Teile des Judentums werden bleiben, denn ich glaube entschieden, daß das Judentum eine Philosophie ist. Ich weiß es von meinen Studien, daß der Hauptinhalt des Judentums aus Philosophie beruht. Bis zu einem gewissen Grade jedoch wird das Judentum sich ändern müssen; es muß in Harmonie mit dem modernen Leben, mit der Gegenwart gebracht werden. Immerhin müssen aber einige alte Formen znrückbehalten werden, um das Judentum von anderen Religionen zu unterscheiden. .■ Das Judentum hat eine edle Tradition; es gleicht darin keiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.