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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-24 · Heft 26 (24.6.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 24. Juni 1904. Vetlsge zur „ANgemetnen Leitung deK Iuöentumß" lkorrrkpondrn?m und Kschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 20. Juni. Die heutige 15. Delegiertenversammlung des.Verbandes für jüdische Wohltätigkeitspflege gestaltete sich zu einer außerordentlich interessanten Sitzung, zu der sich die Vertreter und Vertreterinnen der angeschlossenen Vereine sowie viele fremde Gäste in so großer Zahl eingefunden hatten, daß der geräumige Sitzungssaal der Repräsentanten nur gerade noch ausreichte. Nach der Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses, der Herren Eugen Caspary, Dr. H. Hildesheimer, Syndikus Dr. Minden und Frau Julie Neumann, welche sämtlich die Wahl annahmen, sprach die Delegierte zum Internationalen Frauenkongreß Miß S a d i e. A m e r i c a n aus Newyork über den Verein jüdischer Frauen für die Vereinigten Staaten von Amerika. Auf den sehr interessanten Vortrag, der viel Neues bot und ein anschauliches Bild der amerikanischen Verhältnisse gab, kommen wir in nächster Nummer ausführlich zurück. Der Vorsitzende des Verbandes, Justizrat Breslauer, gab alsdann, tote üblich, einen Bericht über die Tätigkeit des Verbandes, deren Ergebnisse wir ebenfalls noch, mitteilen werden. . s. Berlin, 20. Juni. Am 15. d. M. verstarb hier in der Blüte seiner Jahre nach langem schweren Leiden Herr Dr. jur. Isidor Cosmann, der Redakteur der Deutschen Versicherungspresse. Zu Cleve am Niederrhein im Jahre 1850 geboren, wendete er sich nach vollendeter Schulzeit dem juristischen Studium zu und promovierte in Jena. Später siedelte er nach Amsterdam über, wo er dem dortigen jüdischen Gemeindeleben reges Interesse entgegenbrachte und gemeinnützige Bestrebungen aufs lebhafte förderte. Im Jahre 1890 begründete er daselbst die israelitische, Begräbnisvereinigung, die ihn bei seinem Wegzuge zum Dank für seine aufopfernde Tätigkeit zum Ehrenmitglied ernannte. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Berlin. Seine berufliche Tätigkeit ließ ihm leider keine Zeit, sich in dem Mäße, wie er es gern gewünscht hätte, mit Gemeindeangelegenheiten zu befassen. Er war allezeit ein guter, glaubenstreuer Jude, der ein wärmfühlendes Herz für seine Glaubensgenossen besaß. Auch wir verlieren in ihm einen treuen Mitarbeiter, dessen Verlust wir schmerzlich beklagen. Die Beisetzung fand gestern unter reger Beteiligung auf dem Friedhofe zu Weißensee statt. Ehre seinem Andenken! f. Berlin, 20. Juni. Der dritte internationale Frauenkongreß, der bis zum 12. d. M. hier tagte, hat allgemeine Teilnähme erregt; allseitig sind die humanitären Bestrebungen und Ideale der Frauenbewegung, welche auch unsere Ideale sind, anerkannt worden. In der am 13. d. M. abgehaltenen ersten Sitzung dieses bedeutsamen Weltkongresses der Frauen sprach Frau Henriette Goldschmidt-Leipzig (geb. Benas aus Krotoschin, die Witwe des verstorbenen Leipziger Rabbiners Dr. G.) über die Bildung der Frau für ihren Mutterberuf im Lichte der Fröbelschen Erziehung. Die greise Vorkämpferin auf dem Gebiete der weiblichen Erziehungsfragen, welche in Leipzig die ersten Kindergärten für Deutschland, die ersten Frauenkurse für weibliche Fortbildung geschaffen hat, die aus 40 jähriger eigener Erfahrung spricht, begann mit den Worten des Zehngebots, in dem es heißt: „Ehre Vater und Mutter, aus daß Dir's wohl gehe auf der Erde." Das deutsche bürgerliche Gesetzbuch erkenne aber leider nur den Vater als Erzieher an und weise der Mutter keine Befugnis zu. Wenn der Frau aber offiziell keine höhere Aufgabe in der Erziehung zugewiesen werde, könne ihr Verständnis für eine ideale Auffassung des Mutterberufs, nicht hinreichend entwickelt werden. Fröbel habe darauf hingewiesen,, daß die Erziehung der Kinder gelernt werden müsse. Seine Methode sei nicht nur für das spielende Kind, sie sei zugleich ein Bildungsmittel für die Mutter und Erzieherinnen. Gegenüber den vielgesürchteten Ausschreitungen auf dem Gebiete der Frauenemanzipation (diese Furcht hat Aehnlichkeit mit der. Angst vor der Judenemanzipation vor 50 Jahren) richtet Frau Dr. Henriette Goldschmidtden Mahnruf an die studierenden Frauen, sie sollten ihre höhere Bildung in den Dienst'der mütterlichen Erziehung stellen, welche zugleich die Erziehung des Menschengeschlechts zu höheren sittlichen Idealen sei. Frau Dr. Goldschmidt beantragte mit leichter Ironie gegen den Kastengeist unserer stereotypen Universitätsbildung die Errichtung einer fünften Fakultät, welche die Universitäten heute noch nicht haben, .einer Fakultät sich edle, gute Mütter. Die Patriarchin der Frauenbewegung, welche mehr als ein halbes Menschenalter im rastlosen Dienst ihrer Ideale geopfert hat, schloß mit dem Mahnruf: „Ihr Frauen erzieht, ihr könnt es allein, die glückliche Nachwelt." — An dieser Stelle sei uns noch gestattet, darauf hinzuweisen, daß die verwitwete Frau Rabbiner Dr. Henriette Goldschmidt vielen Töchtern von Rabbinern und Kultusbeamten den idealen Beruf! der weiblichen Erziehung in den unter ihrer Aegide entstandenen Kursen in Leipzig erschlossen hat. Jedenfalls waren ihre klaren, vielfach weit über das einseitige Pathos des Klassenkampfes hinausgehenden und zum Herzen sprechenden Worte eine Ehre für das Judentum, das. zu diesem Kongreß eine ganze Reihe edler Vorkämpferinnen gestellt hatte. s. Berlin, 19. Juni. Am 13. d. Mts. fand im Genesungsheim zu Lehnitz die Ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins „Jüdisches Genesungsheim" unter Leitung des Herrn Martin Simon statt. Aus dem erstatteten Geschäftsbericht pro -1903 geht hervor, daß 358 weibliche Pfleglinge für durchschnittlich vier Wochen Aufnahme in dem Heim gefunden hatten, und daß die erzielten Erfolge durchweg gute waren. Die aus dem Vorstande ausscheidenden Herren: Dr. Feilchenfeld, Hugo Heilmann, Professor Dr. Lazarus, M Metzenberg, Emil Pincus, sowie die Damen: Frau Dr. Frankl, Frau Franziska Ginsberg, Frau Rosa Sachs wurden einstimmig wiedergewählt. Zu Revisoren wurden die Herren Kommerzienrat Heinrich Buchholz, Oskar Rathenau, Gustav Sachs durch Zuruf wiedergewählt. An der sich an die ordentliche Mitgliederversammlung satzungsgemäß anschließenden konstituierenden Vorstandssitzung wurden zum Vorsitzenden Herr Martin Simon, zu dessen Stellvertreter Herr Louis Sachs, zur Schriftführerin Frau Dr. Frankl,' zu deren Stellvertreterin Frau Hermine Rathenau, zum Schatzmeister Herr Emil Pincus, zu dessen Stellvertreter Herr H. Witkowski wiedergewählt. Außer den Mitgliedern nahmen an dem durch schönstes Wetter begünstigten Ausfluge nach Lehnitz viele Freunde und Gönner des Vereins teil, welche nach Erledigung der geschäftlichen Obliegenheiten eine Besichtigung des Hauses Vornahmen. Die Verwaltung hatte für Bewirtung der Gäste gesorgt, welche bis zum späten Abend beisammenblieben. Wohl alle Teilnehmer kehrten in dem Gefühle nach Berlin zurück, daß durch die'Schöpfung an den Ufern des schönen Lehnitzsees eine segensreiche Institution ins Leben gerufen worden ist, die einer großen Anzahl von Frauen und Mädchen Gelegenheit gibt, ihre Gesundheit zu kräftigen und ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten bezw. wiederzuerlangen. V o. Königsberg i. Pr., 19'. Juni. Ein Vorfall, der hier viel von sich reden macht, hat auch seinen Weg in die auswärtige Presse gefunden. Vor einiger Zeit wurde hier eine Säuglingskrippe gegründet. Das Unternehmen, welches eine, jüdische-Frau, Frau Dr. Stern, angeregt hatte, fand in allen Kreisen der Bevölkerung lebhafte Teilnahme, und daß die Juden das Ihrige beitrugen,, ist wohl nicht erst hervorzuheben. Wegen Leitung der Krippe wurden mit einer Dame, welche viele Jahre als Krankenpflegerin tätig ist und von verschiedenen Aerzten empfohlen war, Verhandlungen gepflogen. Unmittelbar vor Abschluß dieser Verhandlungen erhielt die Dame von der Protektorin, von Frau Oberbürgermeister Körte, nachstehendes Schreiben: „Sehr geehrte Frau Kirschner! Bei nochmaliger reiflicher Ueberlegung hinsichtlich Ihrer Anstellung in der Krippe muß ich Ihnen mitteilen, daß ich die Bedenken, die ich von Anfang an gegem die Uebergabe der Leitung an eine

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