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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-24 · Heft 26 (24.6.1904) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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angekommen. Üu nu erst, als ich vor dem Amtmann stand! Wenn die Erd' sich geöffnet int mich verschlungen hätt', ich hätt' sie nn Untergeh'n dafor gesegnet. — „Na, Jakob," sagt der Amtmann, „was haben Sie denn getan, daß der Gendarm Sie hat mitnehmen müssen?" „Was ich getan Hab'?" sag ich, „kein' Gewerbeschein Hab' ich, un wenn Sie mich darum bestrafen müssen, in Gottes Namen, ich kanns nit ändern." „Nun," sagt der Amtmann un hat Mitleid mit mir gehabt, denn ich Hab' arg gezittert un die Tränen sind mir, übers Gesicht gelaufen, „seien Sie nicht so ängstlich und aufgeregt; es wird wohl nicht so schlimm werden. Wie verhält sich die Geschichte denn eigentlich, Herr Gendarm?" „Es ist so, wie er sagt," sagt der Gendarm, „er hat ohne Gewerbeschein gehandelt." „Das ist allerdings strafbar," sagt der Amtmann, „aber was kann der alte Jakob denn groß gehandelt haben?" „Du lieber Himmel," sag ich, „is das denn ein Geschäft, was ich betreib'?" „Nein," sagt der Amtmann, „dafür ist die Lösung eines Gewerbescheines wohl kaum nötig, das weiß ich, ich kenne den Jakob doch nun schon so manches Jahr." „Un werden noch nie was Schlimmes von mir gehört haben," sag' ich. „Nein," sagt er, „das habe ich auch nich. Mit Wissen und Willen hat der Jakob noch nie jemand Unrecht getan. Und auch im vorliegenden Fall wird er sich nichts Böses gedacht haben, Herr Gendarm, lassen Sie den armen Kerl laufen." „Nein," sagt der, „das geht nich; es is meine Pflicht, ich muß ne anzeigen; Gesetz is Gesetz, für den einen wie für den andern." „Gut," sagt der Amtmann, „zeigen Sie ne an. Ich will schon machen, Jakob, daß Sie nich bestraft werden; seien Sie nur ganz ruhig un unbesorgt." - Der Gendarrn aber schreibt mich auf, und dann ging ich. Es dauert nit lang, da krieg ich einen Strafzettel über 30 Mark, weil ich ohne Gewerbeschein gehandelt Hab. Der Amtmann aber schreibt mir darunter, ich soll mal zu ihm kommen. Das tu ich, un er sagt zu mir: „Jakob, die Strafe bezahlen Sie nich." „Das soll ein Wort sein/' sag' ich un lach ne vor Freude an. „Ja," sagt er, „Sie schwören einfach den Offenbarungseid, daß Sie nix haben — das is ja die Wahrheit — un dann is die Geschichte in Ordnung." Ich sollt' schwören, daß ich nix hätt'? Das fiel mir nu wieder schwer aufs Herz. „Nein, Herr Amtmann," sag' ich, „den Eid schwör ich nit." „Warum denn nich?" fragt er un guckt mich verwundert an. „Herr Amtmann," sag ich, „ich Hab noch 'n Häufche Lumpen, un etwas Ware un noch'n paar Mark, die mein sind, un schließlich auch noch meinen Schabbesanzug; wie kann ich da schwören, daß ich n ix hätt?" „Unsinn," sagt er, „alles, was Sie da genannt haben, is so geringwertig, daß es kaum in Betracht kommen kann; un außerdem haben Sie es ja. auch zu Ihrem persönlichen Unterhalt nötig." „Sagen Sie das nit, Herr Amtmann," sag ich, „wenn es sein muß, dann kann ich auch noch das entbehren." Da wird er ärgerlich un sagt, er wüßt genau Bescheid, in was for Verhältnissen ich leb, un wenn er mir sagt, ich dürft den Eid ruhig schwören, dann sollt ich es nur tun. „Nein," sag ich, „das tu ich nit, mein lieber Herr Amtmann; warum? Das will ich Ihnen sagen. Ich bin nun unbeschrieen 74 Jahr alt, un wie lang kanns noch dauern, dann bringen sie mich aus den guten Ort, wo mein Vater un Mutter selig begraben liegen. Nie Hab ich was getan, daß ich mich vor ihnen schämen müßt. Wenn ich aber diesen Eid schwör, den ich mit gutem Gewissen nit schwören kann" — hier übermannten ihn seine Gefühle und seine Rede ward zum Schluchzen — ,>meinVatter un Mutter selig würden sich doch noch im Grab von mir abwenden. — Un dann will ich Ihnen noch sagen," — diese Worte galten mir, — „es war kurzvor unsere heilige Feiertäg, da 'wollt ich doch nit in der Schul stehn und Widde kloppen mit'nenn Meineid auf dem Gewissen." v Ich muß gestehen, mich ergriff eine tiefe Ehrfurcht vor diesem alten, unansehnlichen, in Lunchen gehüllten Manne! Ich mußte in Gedanken einen Vergleich anstellen zwischen ihm und den eingangs erwähnten Herren der vornehmen Welt. „Nun," fragte ich, „was ist denn weiter aus der Angelegenheit geworden?" „Nun, was soll daraus geworden sein? Ich Hab' / mein Häufchen Lumpen un das bischen Ware un meinen Schabbesanzug verkauft un meine paar Mark genommen, un die Strafe bezahlt, un Hab' mir auch gleich wieder'n Gewerbeschein ausstellen laffen, damit es mir nit noch mal so , geht." „Aber," rief ich, während mein Blick zugleich voll Bewunderung und Mitleid aus ihm ruhte, „was wollen Siedenn nun anfangen, da Sie nichts mehr haben? Wovon wollen Sie leben?" „Darum is mir nächst Gott nit bange," antwortete er heiter, „so lang ich leb', will ich auch schon was zu essen finden.". . . Als ich mich bei nächster Gelegenheit nach ihm .erkundigte, erfuhr ich zu meiner aufrichtigen Betrübnis, daß er inzwischen gestorben sei. Bis wenige Tage vor seinem Tode hatte er in gewohnter Weise seine oft stundenweit ausgedehnten Geschäftsgänge gemacht, die Beschwerden und Gebrechen des Alters nicht achtend. Aber er hatte seine Kräfte überschätzt, man fand ihn auf der Landstraße zusammengebrochen und brachte ihn ins Krankenhaus. Gegen sein bisheriges arm- und mühseliges Leben kam er sich bei der sorgsamen Pflege, die ihm nun zu teil wurde, wie im Himmel vor. Das bekundete fein ganzes Wesen, welches dem eines überglücklichen Kindes gleich, das behaglich in seinem Bettchen liegt und von der liebevollen Mutter gehätschelt wird. Die Mütter waren für ihn die Pflegeschwestern, deren Herzen er durch sein dankbares Gemüt im Fluge gewann. Als am dritten Morgen nach seiner Einlieferung die diensthabende Pflegerin in sein Zimmer kam, sah sie ihn stillvergnügt vor sich hin lächeln, als sie näher hinzutrat, fand sie, daß er tot war. Er hat in der Welt ja nur eine unbedeutende, fast lächerliche Rolle gespielt, aber um seine kindliche, reine, ruhige, zufriedene Seele könnte ich ihn beneiden. - ichHs« IJajmnrr und t|uSm. Von Julius Stettenheim. ein alter Freund Wippchen sendet mir aus Mukden (im talmudischen Idiom bekanntlich Mazze-donien) die folgenden Mitteilungen: " Mukden, den 10. Juni 1904. W. Es ist das gute Recht des Kriegsberichterstatters, in den Tagen eines Sommerfeldzuges matt zu sein, wie die Seele der Geliebten Ferdinands, obschon ich nicht daran denke, mich auf eine Stufe mit der Limonade oder irgend einem anderen Getränk zu stellen. Ich will mich von den Strapazen der Berichterstattung zu erholen suchen, indem ich einen Schleier lüfte, mich also einer historischen Arbeit widme. Die Vergangenheit aller Völker ist reich an Schleiern. Es gibt kein Volk, dessen Vorzeit nicht verschleiert ist. Diese Schleier sind von der Sage und der Fabel gewoben, und wie das ganze Menschengeschlecht nichts von seiner Wiege weiß, so weiß kein Volk etwas von seinem Ursprung. Und doch muß ein Ur-

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