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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-24 · Heft 26 (24.6.1904) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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trauensseligen, die ihnen ihre Spargelder in Verwahrung ge-» geben hatten, so zu täuschen und die Gläubigkeit derselben mit Untreue zu vergelten. Nicht aus Not haben sie so gehandelt, denn sie lebten ja in üppiger Fülle; auch nicht aus Unwissenheit, denn sie gehörten ja zu den feinsten Bildungskreisen. Auch waren sie keine Juden, was. man antisemitischerseits so gern gesehen hätte, sondern fromme Christen. Zwar soll nicht behauptet werden, daß sie es schier aus Schlechtigkeit des Herzens getan hätten; mißliche Geschäftsverhältnisse mögen sie in die Enge getrieben haben. Es fehlte ihnen nur die sittliche Kraft, unter allen Umständen bei dem Rechte zu verharren. An sie nun wurde ich, als ich im Sommer vor einem Jahr auf einem Besuche in meiner Heimat, dem westfälischen Teil des Teutoburgerwaldes, den alten Jakob traf, erinnert, nicht etwa nach dem Gesetz der Aehnlichkeit, sondern vielmehr nach dem des Kontrastes, da er. sowohl hinsichtlich feiner Gesinnung, als auch feiner Bildung und Vermögenslage das gerade Gegenteil von ihnen war. Selbst durch die Religion war er von ihnen verschieden, denn er war ein Stockjude. Jakob war unter den drückendsten Verhältnissen ausgewachsen; seine Jugend hatte in ihm keine freundliche Erinnerung zurückgelafsen, als an die Liebe seiner Eltern. Der Hunger war ein guter Bekannter von ihm. Infolgedessen waren sein Körper und sein Geist nicht zur vollen Entfaltung gekommen; ihr Maß reichte kaum über das eines fünfzehnjährigen Knaben hinaus, so daß er allgemein für etwas beschränkt galt, obgleich er eigentlich nur unentwickelt war. Sein Brot erwarb er sich durch Lmnpensammeln, und zwar nicht gerade aus reiner Neigung zu diesem Geschäfte, sondern weil zu demselben just nicht mehr Geld und Klugheit gehörte, als er besaß. Trotz der Schwere seines Schicksals war er allezeit guten Mutes und mit Gott und der Welt zufrieden. Gleich beim Erwachen freute er sich auf feine Morgenandacht als auf einen Herzensgenuß, dem er sich alsdann mit Gemächlichkeit und Behagen hingab. Nachdem er darauf sein Frühstück verzehrt hatte, warf er seinen blauleinenen Kittel über, schob einen tüchtigen Knubben trockenen Brotes in die Tasche, hängte den Quersack um und machte sich in Gottes Namen auf den Weg in die umliegenden Ortschaften. Obgleich er, wie man sich hiernach ausmalen kann, durchaus keine schöne Erscheinung war, ward er doch überall gern willkommen geheißen; denn außer wegen feiner unentwegten Ehrlichkeit hatte ihn jeder seines bescheidenen, freundlichen, gefälligen Wesens wegen gern. Nie wurde er mit seinen Handelsangelegenheiten lästig und aufdringlich; ein nutzloser Weg, eine vergebliche Nachfrage, ob ein Geschäft zu machen fei, verschlugen bei ihm nichts; ebenso heiter, wie er in ein Haus gekommen war, .verließ er es auch wieder, wenn er dort nichts ausgerichtet hatte. Und konnte er jemandem einen Dienst erweisen, so freute er sich darüber nicht weniger als derjenige, dem seine Bereitwilligkeit zugute kam, und wenn sie ihm auch eine Last von fünfzig Pfund zwei Stunden weit zu schleppen eintrug. Für die ersammelten Lumpen gab er selten den Preis in barer Münze; meistens tauschte er sie gegen allerlei Kurzwaren, wie Knöpfe, Band, Nadeln, Zwirn und dergleichen ein, wovon er stets einen kleinen, das heißt seinen ganzen Vorrat bei sich führte. So hat er sein Geschäft fast sechzig Jahre betrieben und eben soviel davon gehabt, daß er zuleben hatte, mehr nicht. Zum Glück brauchte er sein kärgliches Brot nicht mit Weib und Kind zu teilen. ' Letzthin aber waren die Zeiten für ihn so schlecht gewesen, daß sich die Ausgabe für den Gewerbeschein kaum lohnte, und da es > ihmohnehin schwer, genug wurde, sie zu bestreiten,. hatte er denselben nicht wieder erneuern lassen. „Du lieber Himmel," erklärte er mir, „wozu; brauch' ich einen Gewerbeschein? Mein Geschäft; .-das M^kein-Geschäst^'ich geh' mehrfor mein Pläsier, als ums Geschäft; wann handle ich denn mal was? Hätt'. ich. aber geahnt, was. danach kommen würd', ich hätt' mir doch lieber'n Schein gelöst." „Was ist denn danach gekommen?" fragte ich, während ich ihm eine Prise bot; er fchrnrpfte leidenschaftlich gern, gestattete sich bei feiner Sparsamkeit aber nicht, auch nur einen Pfennig für dieses Vergnügen zu opfern. — „Danke, -- das will ich Ihnen verzählen. Seh'n Se, ich habe auch ohne Gewerbeschein -'n bißchen zu verdienen - gesucht; auf sein Brot muß doch jeder aus sein. — Was hat nu aber der liebe Himmel zu tun? Läßt sich der alte Gendarm pensionieren; der hat mich all lang gekannt un hat mich nie nach meinem Gewerbeschein gefragt. Wie ich nu eines schönen Tages in M. bin un gerade aus ein Haus komm', wo ich 'n paar Pferdehaar' gekauft Hab',.-- die kauf'ich auch; du lieber Himmel, warum nit? — kurz un gut, da geht just der neue Gendarm daher. Ich kann Ihnen sagen, der Schreck, den ich da krag, der war nit klein. Warum? Weil der mich nit kennt un ich kein' Gewerbeschein Hab'. Ich mach' mich rasch in ein ander Haus un frag' die Frau: „Kind", sag' ich, „habt Ihr nix for mich?" — „Nein, Jakob," sagt sie, „es tut mir leid." Nu könnt' ich ja eigentlich wieder gehen.- Ich geh' aber noch nit, sondern setz' mich erst ein bischen hin, als wenn ich müde wär', un sprech' mit der Frau von dies un das. Un ich beruhige mich endlich un denk', der Gendarm is seiner Weg gegangen. Un ich sag' zu der Frau: „Adjö, Kind," sag' ich, „un grüß'mir Dein'Mann," un geh'langsam 'raus. Aber was hat der liebe Himmel zu tun? Steht da mein Gendarm vor der Tür un wartet auf mich. „Sie haben gebettelt," ranzt -.er mich an. „Nein," sag' ich so ruhig, wie ich kann, „ich Hab' Gott Lob nnd Dank nit nötig, zu betteln." „Was haben Sie denn da im Papier?" fragt er. „Da sind Pferdehaare drin," sag' ich. „Was für'n Beruf haben Sie?" fragt er weiter. „Du lieber Himmel," sag' ich, „was soll ichrsein? Handelsmann bin ich."' „Zeigen Sie mir Ihren Gewerbeschein." „Meinen Gewerbeschein?" sag' ich in meiner Angst, „den Hab'ich nit bei mir, den Hab' ich vergessen einzustecken." Aber der Gendarm muß mir wohl angesehen haben, daß ich nit die Wahrheit sag'; er guckt mich von der Seite scharf an un sagt: „Ich glaub'. Sie haben gar keinen Gewerbeschein." „Nein," sag ich heraus, „wenn Sie es genau wissen wollen, ich Hab' keinen, ich weiß mir'n leider Gottes nit zu verdienen." „Sie gehen mit mir nach N. auf's Amt," sagt er. Was sollt' ich machen? Ich geh' also neben ihm Her. „Gehen Sie rascher," sagt er nach 'ner Weile. „Mein lieber Herr'Gendarm/' sag' ich, „wenn Sie erst mal zu Gesund un Scholem 74 Jahr alt sind, wie ich, dann werden Sie vermutlich auch nit rascher gehen können." — Endlich kommen wir in die Stadt. Die Leut/ gucken hinter uns her; sie kennen mich ja alle. Ich meint', ich hör' sie fragen: /,Warum holt' der Gendarm den Jakob?" Lieber Gott, wie Hab'ich mich geschämt? Das kann ich Ihnen sagen, ich bin in den Hungerjahren 1847 ün 48 bei die Bauern herumgegangen un Hab' Brot un Kartoffeln zusammengesucht for meine Leut', un das waren keine leichten Wege, besonders wenn ich so wenig mit heimbracht, daß ich wußt', sie konnten nit satt davon werden. Un wie mein Vatter un Mutter selig gestorben sind und ich hinter ihrem Sarg hergegangen bin, da is mir auch nit ganz Wohl zumut' gewesen, das glauben Sie mir doch Wohl. — Aber hiergegen — nein, da war das alles nix, so schwer is mir noch nie was

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