Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hejjrrmsns und kein Drama „Ghetto". Von Dr.. med. Apfel-Barmen. ." ln Nr. 24 dieses Blattes wird eine absprechende Kritik des Dramas „Ghetto" von dem holländischen Schriftsteller Hermann Heijermans jr. aus der Feder des Herrn Dr. med. Cohen-Essen veröffentlicht. Wenn ich auch in der Be- resp. Verurteilung dieses Dramas Ungefähr den Standpunkt des Herrn Kollegen, welcher die Wirksamkeit desselben von der Bühne her beurteilt, teile, so dürfen doch gewisse Vorzüge des genannten Dramas, das mir nur durch eingehende Lektüre bekannt ist, nicht verschwiegen werden. Es geht ein kräftiger, malerischer Reiz, ein starkes, stoffliches Interesse von den einzelnen Szenen aus, es sind, vom bühnentechnischeri Gesichtspunkte aus betrachtet, eine Reihe „dankbarer Rollen" vorhanden, alles Momente, welche bei sorgfältiger. Inszenierung einen guten äußerlichen Erfolg erwarten lassen. Und dieser Erfolg wird um so weniger ausbleiben, als leider die durch und durch einseitigen, verzerrten Vorgänge und Charaktere des Stückes vor einem Publikum in Szene gehen werden, dessen überaus große Mehrzahl von dein wahren inneren Wesen und Werte des Judentums sich keine auch nur annähernd richtige Vorstellung machen kann. Heijermans hat sich seit mehreren Jahren wiederholt mit jüdischen Motiven beschäftigt. In einer kleinen, vor mehreren Jahren erschienenen Erzählung „Ein Judenstreich" behandelt er noch in verhältnismäßig objektiver Weise die Folgen einer Mischehe. Der im Mittelpunkt stehende junge jüdische Akademiker ist klar und richtig charakterisiert. In der Folgezeit aber tritt eine schroff einseitige Tendenz, welche in das Gewand sozialreformatorischer Absichten gekleidet ist, bei Heijermans immer stärker hervor, sobald er sich mit jüdischen Stoffen beschäftigt. Noch unangenehmer wie in dem Drama „Ghetto" macht. sich diese Art Heijermans in der unlängst erschienenen Studie „Sabbath" geltend. Auch hier, wie im „Ghetto", ein Haften am rein Aeußerlichen, ein förmliches Schwelgen im rein Stofflichen, das ganz meisterhaft dargestellt wird, auch hier ^ein vollständiges Verkennen des jüdischen Lebens, wie es sich als organisches, religiös-soziales Gefüge der historischen Betrachtung darbietet. Im Amsterdamer Judenviertel erschaute und flüchtig erlebte Szenen werden in fälschlicher und durchaus voreingenommener Weise in das Gebiet des allgemein gültigen, des Typischen erhoben. Trotzdem Heijermans selbst aus dem Judentum hervorgegangen ist, fehlt ihm jegliche Liebe zum Judentum. Und dafür ist besonders das Drama „Ghetto" ein vollgültiger Beweis. Heijermans wollte in dieser Tragödie die zahlreichen, zu Konflikten drängenden Gegensätze innerhalb des heutigen Ghettos wie in einem Brennspiegel vereinigen. Aber wahrend beispielsweise ein Zangwill in seinem ganzen Denken und Fühlen, in seiner ganzen Weltanschauung Jude ist, sein Judentum seine Werke lebensvoll durchdringt, wie das Blut die Körperorgane, ist für Heijermans das Judentum nur ein ästhetisches Problem, das ihm künstlerische Stoffe und Konflikte bietet. Was bei den Zangwillschen Dichtungen Herzblut und stärkste, dichterische Potenz ist, erlebtes und erlittenes Judentum, das ist bei Heijermans aus dem Wege der kühlen Reslektion in seine Schöpfungen hineingebracht. — So hat er auch in dem Drama „Ghetto" sich ein Ghetto zu gunsten seiner -künstlerischen Absichten konstruiert und eine zwar immerhin interessante, in der Hauptsache aber durchaus verfehlte Problemdichtung geschaffen. Heijermans fühlt die durch die besonderen Verhältnisse des Ghetto verstärkte, gewaltige Tragikomödie eines vorwärtsdrängenden' Prinzips im Streite mit Uralten Vorurteilen, weil er als moderner Künstler ein enrpfindliches Kulturgewissen hat. So treten in seinen: Dramadessen Inhalt bereits Dr. Cohen flüchtig gezeichnet hat und auf den ich daher nicht im be-' sondern eingehen will, die allgemeinen kulturellen Umrisse scharf und richtig hervor, aber die Zeichnung seiner Charaktere ist verzerrt, einseitig und tendenziös. Die Träger der alten Ghettokultur sind in dem Heijermansschen Drama, alle, ohne Ausnahme, als boshafte, schlechte Menschen, verknöcherte Krämerseelen, der Vertreter des Priesterstandes wird als spitzfindiger, selbstzufriedener Opportunist, der im ausgesahrenen Geleise einer altersgrauen Dogmatik ein selbstgefälliges Wohlleben führt, dargestellt, während der Autor den Rafael, den Charakter, welcher aus Sehnsucht nach Licht, Freiheit und individueller Lebensbetätigung die Mauern und Ketten des Ghettos sprengen will, ideal, jung, allem Schönen zugewandt, sprechen und — beinah handeln läßt. An das Problem selbst ist Heijermans' nur rein äußerlich, mit vorgefaßter Tendenz, ohne Kenntnis von der Entwickelung des modernen Judentums, das sich gerade in unserer Zeit in starker Gärung befindet, herangetreten und hat das jüdische Problem völlig verfehlt. Rafael, der in diesem Drama die Anschauungen des Dichters vertritt, hat kein Recht, von unserem Volke zu sprechen, denn Rafael alias Heijermans muß seinen Handlungen und Worten gemäß ohne innere Beziehungen zur Vergangenheit, zur Gegenwart und Zukunft des jüdischen Stammes ausgewachsen sein. Das Ghetto, das seelische, das innere Ghetto, in welchem heute noch sehr viele westeuropäische Juden leben, kennt Heijermans noch weniger, wie die osteuropäischen Ghettos, in welchen gerade zu unserer Zeit gewaltige geistige Strömungen lebendig sind, welche die Mauern dieses Ghettos überfluten und den Boden für eine neue bessere Zukunft bereiten wollen. Heijermans gibt uns nur ein tendenziöses Zerrbild des Ghettos, nur ein Gaukelbild einer neuen und unbestimmten Religion. Gerade wegen mancher künstlerischer Vorzüge, welches das Drama unstreitig besitzt und demselben einen starken Erfolg sichern, wird die dichterische Absicht in das Gegenteil verkehrt. „Die Gräben des Hasses", welche uns umgeben, werden durch dasselbe nur vertieft werden. Heijermans will in seinen Werken und durch dieselben erzieherisch wirken. Soweit diese erzieherischen Absichten sich auf Juden und Judentum beziehen, müssen wir den Erzieher Heijermans ganz entschieden ablehnen. Es fehlen ihm zu dieser großen Eigenschaft die zwei unerläßlichsten Vorbedingungen: Die eingehende Kenntnis des Judentums nicht nur in seinen äußeren, sondern auch in allen seinen inneren Beziehungen, sowie die Liebe, das A und O einer jeden Erziehungsmethode. 7232 issm tjahab, der Lumpensammler. Nach einer wahren Begebenheit. Von S. Grünewald -Siegen. och ist sicher in aller Erinnerung lebendig, wie vor - etlicher Zeit mehrere große deutsche Bankinstitute verkrachten und als was für Charaktere sich die Herren Direktoren derselben bei dieser Gelegenheit answiesen. Noch wird mancher sich darüber nicht zu Ende verwundert haben, wie diese Leute es über ihr Gewissen bringen konnten, die Menge der Ver-