Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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die vorhandenen/' wurden --hinausgegraUlt. Als . Konkurrenz gegen Vereine, in denen sich ein derartiger Beschluß nicht durchsetzen ließ, . wie derjuristische und medizinische, wurden neue geschaffen unter. einem auf Täuschung berechneten Aushängeschild „Verein für Rechtswissenschaft", „Verein für Heilkunde" u. a.- Die Korps hatten sich von jeher gegen die Aufnahme von Juden reserviert verhalten; nur wenn man das jüdische Geld brauchte, weil es von anderer Seite nicht so leicht zu beschaffen war, etwa um ein wegen Schulden oder aus anderen Gründen suspendiertes Korps wieder aufzumachen, wie es anfangs der achtziger Jahre in Greifswald der Fall war — Geldgeber war der später im Duell erschossene Assessor Wollstein aus Rakelwurden auch Juden der hohen Ehre gewürdigt, Mitglied des feudalen S. C.-Verbandes zu werden. Immerhin kämpftey die Korps, da sie auch während der sogenannten „liberalen Aera" in den siebziger Jahren aus ihrer Antipathie, gegen unsere Glaubensgenossen kein Hehl machten, mit offenem Visier. So brauchten sie ihre Traditionen nicht zu verleugnen, wenn nach und nach die jüdischen Mitglieder aus ihren Reihen ganz verschwanden. Wesentlich anders lag die Sache bei den Burschenschaften, den Erben einer großen Vergangenheit. Es war geradezu ein Schlag ins eigene Antlitz, als die einstigen Vertreter des demokratischen Gedankens beschlossen, ihren ehemaligen Antipoden, den Korps, deren äußeres Gebühren sie freilich schon lange nachäfften, auch innerlich sich als geistesverwandt zu zeigen und sich ebenfalls von nun ab „judenrein" zu halten. ■ So lagen die Verhältnisse um > die Wende desneunten Jahrzehnts im vorigen Jahrhundert. Es war also die höchste Zeit, daß von freiheitlicher und lichtfreundlicher Seite etwas geschah. Vorbereitet war der Schritt, der gewissermaßen in der Luft lag, schon lange. Hatten doch nach der öffentlichen Erklärung der 70 „Notablen", zu denen die hervorragendsten Zierden an der Berliner Universität gehörten,- im November 1880 zahlreiche Studenten in einem Zeitungsaufruf eine ähnliche Toleranzerklärung erlassen. Gleichwohl dauerte es nach den famosen Vorgängen bei der Dezennarseier des Zustandekommens des deutschen Reiches, wie bereits oben angedeutet wurde, noch einige Monate, bis das schon getaufte Kind offiziell das Licht der Welt erblickte. Endlich ging im Juni, 1881 die Konstituierung glatt von statten. Paten standen außer , den weltberühmten Kulturträgern Th e o d o r M o m m s en und. Rudolf Virchow noch der liebenswürdige August Wilh. von Hofmann, der damalige Ueetormagnificus, der Erfinder des Anilin und sonstiger bahnbrechender Entdeckungen auf dem Gebiete der Chemie, ebenfalls ein Mann von Weltruf. Auf dem ersten Stiftungsfest zollte, beiläufig bemerkt, auch der berühmte Pandektist, Professor Windscheid-Leipzig, der wegen.seiner Teilnahme an der Ausarbeitung des „Bürger-- lichen Gesetzbuches" in Berlin anwesend war und als dem Kommers beiwohnte, in einer Ansprache der neuen Ver-" einigung beredte Worte der Anerkennung. l, Seit der Gründung der F. W. V. spitzten sich sämtliche Wahlen zu allen der Studentenschaft gemeinsamen Korporationen, beispielsweise zu dem damals bestehenden Ausschuß und zu der akademischen Lesehalle, vermittels Flugblätter und Redeschlachten zwischen der F. W. V. und ihrem erbitterten-' Gegner zu.- So ist es bis auf den heutigen Tag geblieben, obwohl.! die „Freie Wissenschaftliche Vereinigung" etwas an Bedeutung - verloren hat. Neue Zeiten und neue Verhältnisse bedingen eben neue Institutionen. - Die: überall - stärker hervortretende Betonung des sozialen Gedankens zeitigte auch „sozial-wissenschaftliche" Studentenvereinigungen, die ideal gesinnten Mitgliedern aller Konfessionen Aufnahme gewährten, inzwischen aber auch aufgelöst wurden. Das reaktionäre .Gebühren der Burschenschaften, der einstigen Träger des freiheitlichen Gedankens unter der. akademischen- Jugend, veranlaßte vorrrrteilslose Männerwie unfern Oberbürgermeister Kirschner, Professor Dr. Schulze, den Direktor des Französischen Gymnasiums u. a.> in öffentlicher Kundgebung sich von dieser Gemeinschaft, der sie einst auch und damals mit berechtigtem Stolz angehört hatten, loszusagen. Leider ziehen nicht alle ehemaligen jüdischen Burschenschafter dieselben Konsequenzen. Die meisten sandten allerdings das Burschenband zurück; verschiedene „alte Herren" bringen es aber noch heute fertig, nicht bloß im Mitgliederverzeichnis, einer Burschenschaft zu prangen, sondern diese auch materiell zu unterstützen und die Feste eines Vereins zu feiern, .ja bisweilen sogar weite Reisen zu machen, um dem „Studienerinnerungsfeste" einer Verbindung beizuwohnen, in der sie selbst doch nur noch geduldet sind, ihren Glaubensgenossen aber der Zutritt zur Mitgliedschaft seit Jahren statutenmäßig verwehrt ist. Bei allem Verständnis, das wir studentischen Einrichtungen und der Anhänglichkeit an die schön verlebte Studienzeit ent-, gegenbringen, ist uns ein derartiges Verhalten, um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen, völlig unverständlich. ^Erfreulicherweise sind nun unter der Aegide des Geheimen Sanitätsrats Dr, Küster vor etwa einem Dezennium Re sormburschen sch asten entstanden, die sich in bezug auf die Aufnahme jüdischer Mitglieder bisher stets vorurteilslos erwiesen haben. Als dritte Gruppe von Neugründungen neben den sozialwissenschaftlichen Vereinigungen und Reformburschenschaften haben wir spezifisch jüdische Institutionen als Ausfluß der entsprechenden, die Allgemeinheit beherrschenden Strömungen und ihres Niederschlages, die in bestimmten Gründungen ihren Niederschlag gefunden haben. Hierher gehört der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur", dessen Name schon sein Programm bezeichnet, und die „Vereine jüdischer Studenten", die sogar ein eigenes Vereinsörgan „Derjüdische Student", Sektionen für Turnen, Fechten rc. aufzuweisen haben; selbstverständlich ist die zionistische Bewegung auf die für Ideale besonders empfängliche akademische Jugend nicht ohne Rückwirkung geblieben. So zeigt sich auch hier wieder an diesem kleinen Mikrokosmus der akademischen Welt in ihrem Zusammenhänge mit den Zeitströmungen, wie berechtigt Meister Heraklits Ausspruch ist- „Alles ist im Flusse begriffen." Hat auch dieser kurze geschichtliche Rückblick wenig Erfreuliches geboten und nur die alte Wahrheit bestätigtdaß bie Entwicklung der Menschheit sich nicht steil aufwärts, sondern in Wellenlinien vollzieht, so läßt sich doch das eine erfreuliche Moment heraüsschälen, daß die Scheu, welche so häufig , den jüdischen Studenten einer früheren Generation anhaftete, ihre Konfession zu bekennen, im allgemeinen gewichen ist. Mit Stolz erklärt jetzt-auch der gegen die Dogmen seiner Religion indifferente jüdische akademische Bürger offen: „Ich bin ein Jude", und auch diese durch die maßlosen Provokationen unserer Feinde gezeitigte Erscheinung, in deren . Gefolge die wachsende Erkenntnis von der geschichtlichen Bedeutung und seiner Kulturmission sich von Tag zu Tag immer mehr geltend, macht, ist mit Fug und Recht als Gewinn zu bezeichnen.