Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Drr jüdische Frauenbund. s. Berlin, 15. Juni. ie große Woche des hier tagenden Internationalen Fraüenkongresses, zu dem aus allen Weltteilen die Vertreterinnen der Frauenvereine herbeigeströmt sind, hat auch eine für das Gesamtjudentum bedeutungsvolle und hocherfreuliche Neuerung geschaffen. In einer vorberatenden, zahlreich besuchten Sitzung, die von den Damen Frl. Pappenheim, Frau Rabb. Dr. Seligmann, Frau Dr. Blau, Frl. Epstein-Frankfurt a. M., Frl. Sidonie Werner- Hamburg einberufen war und im Prinz Albrechts-Hotel stattfand, ist die Konstituierung eines „Jüdischen Frauenbundes" beschlossen worden. In dem einleitenden Referat gab Frl. Bertha Pappenheim eine kurze Entwickelungsgeschichte dieser Idee, die in Frankfurt a. M. vor zwei Jahren entstanden, in Hamburg bei dem Israelitischen humanitären Frauenverein auf fruchtbaren Boden gefallen und bereits lebhafte Förderung erfahren habe. Gerade daß es so viele Dinge gäbe, die, obwohl sie in das ausschließliche Gebiet der Frauentätigkeit fallen, heute noch von Männern behandelt würden, sei für die Frauen die Veranlassung gewesen, sich zu gemeinsamem Schaffen zusammenzuschließen. Besonderen Nachdruck legte die Nednerin darauf, zu betonen, daß der Bund keinerlei religiöse oder politische Tendenzen verfolge, daß vielmehr in ihm Raum für alle Parteifärbungen vorhanden sein solle. Die Aufgabe des Bundes werde darin bestehen, nicht zu trennen, sondern zu verbinden und in gemeinsamer "Bekämpfung der das Judentum bedrohenden Schäden Ersprießliches zu leisten. § 2 des provisorischen Statuts umschreibe die Tätigkeit des Bundes. Sie soll bestehen: a) in gegenseitiger Anregung für die Interessen der Allgemeinheit. Als Arbeitsgebiete gelten zunächst die Wege und Ziele sozialer Hilfstätigkeit, der Volkserziehuyg, der Förderung des Erwerbslebens jüdischer Frauen und Mädchen, Hebung der Sittlichkeit, Bekämpfung des Mädchenhandels rc. b) im Erwecken des Interesses an allgemeinen jüdischen Bestrebungen der Gegenwart und durch Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins. * Ein Hauptziel der Tätigkeit des Bundes werde in der Abwehr des Antisemitismus nach außen liegen müssen, so u. a. in der Bekämpfung der leider noch immer in weiten Kreisen der Bevölkerung herrschenden furchtbaren Ritualmordbeschuldigung. Die innere Mission müsse auf die Selbsterziehung, aus die Erziehung der Kinder gerichtet sein. Liebe und Treue zum angestammten Glauben müsse gepflegt, das religiöse Gefühl im Hause wieder erstarken und belebt werden und hierdurch der für den Bestand des Judentums verhängnisvollen Neigung zur Taufe in wirksamer Weise gesteuert werden. Auch die jüdischen Frauen selbst müssen erst zur sozialen Hilfsarbeit erzogen, die bisher bei den Juden geübte traditionelle Wohlfahrtspflege, die ja gewiß viel Gutes gestiftet, in rationelle soziale Hilfsarbeit umgestaltet werden. Wohltaten dürfen nicht allein mit dem Herzen, sondern müssen auch mit dem Verstand gegeben werden. Eines der Endziele müsse sein, die umfangreiche Gruppe der professionellen Bettler allmählich bis zum völligen Verschwinden herabzumindern. Dieses Ziel sei nicht zu erreichen durch planlose Gaben an die Schwachen und Elenden, sondern nur durch planvolle, ausreichende Unterstützung derselben, durch Schaffung derjenigen Hilfe, welche die Möglichkeit einer eigenen Existenz verbürge. Der Bund wolle unter den angeschloffenen Vereinen soziales Verständnis wecken und pflegen; nicht plötzlich solle alles bisher Bestehende für falsch erklärt, die vorhandenen segensreichen Institutionen beseitigt . werden, sondern durch sein Beispiel und seine Tätigkeit wolle vielmehr der Bund zu erkennen, geben, daß es besser als bisher gemacht, die bisherigen Fehler vermieden werden können. Die gesamte Tätigkeit könne nur eine langsame sein, wie bei jeder Zentralleitung, die nur durch gemeinsamen Austausch von Gedanken und Anregungen zu einem endgültigen Resultat gelange; die Hilfstätigkeit erleide dadurch keinen Schaden, da e8 sich ja nicht um vom Bunde ausgehende Unterstützungen von Einzelpersonen, sondern um Umgestaltung von Prinzipien im Rahmen sozialer Hilfstätigkeit handle. Als dritten Punkt erörtert die Rednerin den galizischen Mädchenhandel und ruft alle Vereine, ja jede deutsche Frau zur Beseitigung und nachdrücklichen Bekämpfung dieses schändlichen Erwerbs * auf. ' Sie gab -' der Ueberzeugung Ausdruckdaß kein Verein sich' den großen Aufgaben, die sich der Bu^rd gestellt, entziehen und freudig, unbeschadet seiner engeren Tätigkeit, sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen werde. In der darauf folgenden Diskussion wurde im allgemeinenkein Widerspruch gegen die von der Referentin dargelegten prinzipiellen Punkte erhoben. Im einzelnen wurden, wie dies stets bei der Schaffung einer neuen Institution der Fall zu sein pflegt, besondere Wünsche nach verschiedenen Richtungen hin geltend gemacht. Zunächst sprach Mrs. Hannah G. Solomon, die-anläßlich des Internationalen Frauenkongresses hier weilende Präsidentin des Oounoil ok Jewish Woinen, ihre Freude über den zu begründenden Bund aus, der bei ihren amerikanischen Schwestern volle Sympathie Hervorrufen werde. Sie sei in der Absicht nach Europa gekommen, in allen' größeren Städten Deutschlands propagandistisch für die Errichtung eines Bundes, ähnlich der amerikanischen Vereinigung, zu wirken und sei hocherfreut, deutsche Frauen.auf dem gleichen Wege begriffen zu sehen. Sie berichtete sodann, daß der amerikanische Bund in70 Städten bereits über 10 000 Mitglieder aus allen Parteischattierungen in den angeschlossenen Vereinen zähle, daß er im großen und ganzen die gleichen Ziele verfolge, die sich der hiesige Bund gestellt und die in Amerika glänzende Resultate und segensreiche Früchte gezeitigt hätten. Der amerikanische Bund, nehme eine so achtunggebietende Stellung ein, daß es bei den Andersgläubigen Verwunderung errege, wenn eine Jüdin diesem Bunde nicht angehöre. Trotzdem hätten sich amerikanische Jüdinnen den allgemeinen Interessen nicht entzogen und wenden ihnen nach wie vor reges Interesse zu. Zum Schluffe ihrer Ausführungen gab sie der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß es gelingen möge, den deutschen Bund in gemeinsamer Arbeit deutscher und amerikanischer Jüdinnen zu einem Weltbund zu gestalten. Miß K.Halford, die verdienstvolle Sekretärin der „Union ok Jewish Women“ in England, brachte ein Glückwunschtelegramm ihrer Vereinigung zur Verlesung. Sie berichtete alsdann von dem in England vor zwei Jahren begründeten Bunde^ der bereits über 7 Ortsgruppen verfügt, ca. 900 Mitglieder zählt und Korrespondentinnen nicht nur in England, sondern auch in Deutschland, Amerika und Südafrika besitzt, uni die dort gesammelten Erfahrungen für seine eigene Tätigkeit verwerten zu können. Eine aus der Mitte der Versammlung erhobene Forderung, die Schaffung von jüdischen Geschichts- und Literaturvereinen statutarisch festzulegen, wurde nachdrücklichst von Frau Professor H o r o w i tz - Thorn zurückgewiesen, die mit vollem Recht dagegen einwendete, daß nur lokale Bedürfnisse für Begründung derartiger Vereine maßgebend sein können, ferner aber die bereits jetzt bestehenden über ganz Deutschland ausgebreiteten 180 Vereine außerordentlich gut von Männern der Wissenschaft geleitet werden und segensreiche Erfolge zu verzeichnen hätten, somit also eine Frauenarbeit nach dieser Richtung nicht erforderlich sei. Sie schlägt vor, ein Arbeitskomitee zu wählen und in dasselbe möglichst aus allen Provinzen Deutschlands Vertreterinnen zu entsenden, welche innerhalb dieser engeren Grenzen besser für die Notwendigkeit der Begründung des Bundes wirken könnten. Sie regt noch an, einen Termin festzusetzen, bis zu welchem die Einzelvereine ihren definitiven Beitritt erklären sollen. Nach längerer Debatte einigte man sich schließlich dahin, zur Vermeidung einer Erschwerung der Sache in das Arbeitskomitee nur 17 Damen zu delegieren, dagegen wurde für das Propagandakomitee eine bestimmte Zahl nicht festgesetzt, sondern die Tätigkeit recht vieler Damen für außerordentlich wünschenswert erachtet. In das vorbereitende Arbeitskomitee würden gewählt : Fräulein Berta Pappenheim-Frankfurt a. M., I. Vorsitzende, Fräulein Sidonie Werner-Hamburg, II. Vorsitzende, Frau Direktor Mah-Berlin, I. Schriftführerin, Frau Bensheimer-Mannheim, II. Schriftführerin, Frau Professor Horowitz-Thorn, Kassiererin; als Beisitzerinnen : Frau Rabbiner Dr. Frankl-Berlin, Schwester Gordon-Hamburg, Frau Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfürt a. M., Frau Rabbiner Dr. Vogelstein- Stettin, Frau Kommerzienrat Herzfeld-Hannover, Frau Dr. Wedell- Düsseldorf, Frl. Auerbäch-Halberstädt, Frau Knopf-Bromberg, Frau Calvary-Posen, Frau .Eichelbaum -Königsberg; für Dresden und München sollen Vertreterinnen designiert werden. Als Termin des definitiven Beitritts dev einzelnen Vereine wurde der . 15. Oktober