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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-24 · Heft 26 (24.6.1904) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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Wenn man weiß, wie streng die Zensur die russische Presse namentlich in der Provinz überwacht, so kommt man bei der Lektüre dessen, was diese auch jetzt während des Krieges gegen die Juden bringt, zu der Ueberzeugung, daß der jndenfreundliche Kurs nur für. das Ausland gilt, für das Inland aber nicht. Es ist geradezu empörend, wie selbst heroische und patriotische Taten von Juden zu gunsten ihrer russischen Mitbürger von diesen Blättern in „Schandtaten" der Juden verwandelt werden. Die „Welt" bringt folgende charakteristische Beispiele dazu: „Ein jüdischer Fleischlieferant hat mit einem großen Fleischtransport die Blockade der japanischen Schiffe vor Port Arthur durchbrochen und das Fleisch dem russischen Kommandanten der Festung abgeliefert. Es war ein kühnes Stück. Aber aus diesem Wagnis wurde eine Schandtat gemacht. Die offiziellen „Irkutskija Gubemskija Wjedomosti“ druckten die Erzählung eines Zeitungsausträgers ab, wonach der jüdische Lieferant den Japanern einen Fleischtransport geliefert hätte. Wohl erwies sich die Erzählung als böswillige Erfindung, wohl wurde der phantasiereiche Zeitungsausträger eingesperrt, aber die giftige Legende drang in das Volk ein und erzeugte eine den Juden feindselige Stimmung. Sogar in Charbin fand man die Muße und den Mut. die Juden arg zu verleumden. So wußte der „Charbinskij Wjestnik“ zu melden, daß die in Charbin lebenden Juden Gottesdienste für den Sieg der japanischen Waffen Veranstaltern Die verleumdeten Juden haben zwar den „Charbinskij Wjestnik“ sofort verklagt, aber bis zur gerichtlichen Feststellung der Perfidie des im fernen Osten erscheinenden russischen Blattes gelten die Juden als Vaterlandsverräter. Was Wunder also, daß der „Swjet“, welcher in seinem Hasse gegen die Juden jedes Mittel für erlaubt hält. Korrespondenzen aus verschiedenen russischen Städten publiziert, in denen die Juden als Freunde der Japaner hingestellt werden. Erst unlängst wußte dieses Blatt aus Kertsch zu melden, daß eine Jüdin angeblich die Japaner öffentlich gepriesen und dadurch einen Streit mit einer Russin provoziert habe, welcher sogar die Einmischung der Polizei erforderte. Der Polizeimeister von Kertsch, Oberst Janow, beeilte sich, im „Juschny Kurjer“ die ganze Geschichte als böswillige Erfindung zu bezeichnen und dem „Swjet" sehr bittere Wahrheiten ins Gesicht zu schleudern; aber das in Kertsch erscheinende Blatt „Juschny Kurjer“ wird nur von den dortigen Einwohnern gelesen, während der „Swjet“ unter den Russen in denZentralgouvernements stark verbreitet ist,und seine Lügen über die Juden überall einen geschickt vorbereiteten Boden finden." Nach solchen Vorkommnissen wird man begreifen können, warum den Juden im Zarenreiche der Glaube an eine bessere Zukunft in Rußland so schwer beizubringen ist, daß sie, wie russische Blätter täglich berichten, ununterbrochen scharenweise die Heimat verlassen. Alle Welt hat sich seinerzeit darüber verwundert, warum der frühere russische Kultusminister Senger so plötzlich und ungnädig entlassen wurde. Jetzt wird die Sache klar. Er war der antisemitischen und Militärpartei noch* nicht scharf genug gegen die Juden vorgegangen. Zu dieser Partei gehört auch der jetzt so viel genannte General Kuropatkin, der damals die Absicht hatte, allen Judenabkömmlingen den Eintritt in sämtliche militärische Erziehungsanstalten zu verbieten. Der Chef dieser Anstalten, Großfürst Konstantin, billigte dieses schöne Projekt. Herr Senger konnte sich dafür nicht begeistern, wie aus dem folgenden, eben erst publizierten Schreiben hervorgeht; Ministerium für Volksaufklärung Departement der allgemeinen Angelegenheiten Den 23. November 1903. Nr. 36/509. An den Herrn Kriegsminister! In der Meldung vom 12. d. M. sub Nr. 142 haben Ew. Exzellenz die Güte gehabt, meine Ansicht über einen auf Beschluß des Kriegsrates dem Staatsrate vorzulegenden Gesetzentwurf hören zu wollen, wonach der Uebergang zum Christentums den Juden noch nicht das Recht zum Eintritt in irgend eine militärische Erziehungsanstalt gewährt. a .. - ' . Anläßlich dessen erachte ich es für meine Pflicht, Ew. Exzellenz zu benachrichtigen, daß ich nicht in der Lage bin, mich zu gunsten dieses Projektes auszusprechen. Dasselbe würde einerseits einer offiziellen Verleugnung der geheimnisvollen Wirkung der heiligen Taufe gleich kommen. Andererseits aber würde eine solche Maßregel in unsere Gesetzgebung ein ganz neues Prinzip einführen, durch welches die Rechte des einzelnen russischen Untertanen an eine bestimmte Abstammung, geknüpft werden. Nach Proklamierung eines solchen Prinzips würde es unverständlich bleiben, wie die allgemeine Wehrpflicht noch auf die Judk^n, angewendet werden kann. Gez.: Der Minister für Volksaufklärung Senger. Inzwischen hat die Anwendung der allgemeinen Wehrpflicht auf die Juden in recht weitem Umfang stattgefunden. Derselbe Kuropatkin, der die Juden bis ins zehnte Geschlecht rechtlos machen wollte, hat nunmehr weit über 20 000 Juden unter feinem Kommando. Kultusminister Senger aber ist, weil er es sehr schüchtern gewagt hat, für die Juden und gegen denselben Kuropatkin einzutreten, sang- und klanglos aus den: Amte geschieden. * Auch nach Kanada nimmt die jüdische Auswanderung von Jahr zu Jahr immer größere Dimensionen an. Nebst den Juden, welche sich da als Ackerbauer niederlassen und mit Hilfe der J.- G. A. auswandern, gibt es hunderte von jüdischen Emigranten, die aus eigene Faust nach Kanada gehen, um da als Händler und Handwerker sich eine Existenz zu suchen. Diese letzte Kategorie von Auswanderern, welche selbstredend die ungeheuere Mehrzahl bilden, lassen sich naturgemäß in den größeren Städten nieder und tragen sehr zur raschen Vermehrung der jüdischen Gemeinden in Toronto, Ottawci und namentlich Montreal bei. Letztere Gemeinde weist schon feit einigen Jahren eine Jahreszunahme von über 1000 Seelen auf. Es braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden, daß der größte Teil der Einwanderer sehr arm ist und daß die alteingesessenen Juden in allen diesen Gemeinden sie erst kräftig unterstützen müssen. Allein die Juden von Kanada tuen wirklich ihre Pflicht und so bringen sie manchmal ganze Schiffsladungen mit jüdischen Immigranten in den verschiedenen im Lande aufblühenden industriellen Etablissements unter, ohne viel Lärm zu machen oder ihre Glaubensgenossen in Europa deswegen irgendwie in Anspruch zu nehmen. Sie wissen eben, daß jeder zur Unterstützung der Emigranten ausgegebene Dollar eine vorzügliche Kapitalsanlage ist und daß jeder in Kanada gut untergebrachte jüdische Einwanderer dem kanadischen Judentume frisches Blut zuführt und neue Stärke verleiht. Leider ist in der letzten Zeit mit den Juden auch der Antisemitismus in Kanada eingewandert. Wir sagen ausdrücklich „eingewandert", da unter den eingeborenen Kanadiern so ein Ding wie Antisemitismus völlig unbekannt ist. Aber neuerdings sind aus Frankreich verjagte Pfaffen in Kanada eingedrnngen, und diese machen es wie Pater Creagh in Limerick, der kaum in Irland angelangt, sofort seinen aus Frankreich mitgebrachten Judenhaß aus dem Koffer gepackt hat. Allerdings so offen und so toll wie in Limerick dürfen es die Herren im freien Amerika nicht treiben. Dafür ist der amerikanische Boden wirklich wenig geeignet.

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