Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
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y-r^y.:^ Auf die detaillierten Vorschläge, wie die Glaubensgenossen im Orient für die eben erst gewonnene Freiheit zu erziehen seien (Memorandum), meldete sich mit als eine der ersten die von L. von Wertheimstein geführte Großgemeinde Wien. In Paris, in Brüssel wurden die ersten Komitees gegründet. Ans das Memorandum in betreff der jüdisch-orientalischen Frage ging ein Aussatz von Elias Karpeles, Rabbiner in Eiwanowitz, dem Vater des Redakteurs dieses Blattes, am 12. Juni 1854 wie folgt ein: „Es muß in der Tat jedem. Juden das Herz höher schlagen, wenn er bedenkt, daß wir Männer unter uns haben, die uns aus der trägen, Jahrhunderte langen Letargie mit mächtigen Worten aufmuntern, den Welthändeln, die wir sonst mit abgestmnpfter Passivität oder höchstens mit merkantilisch berechnenden Augen betrachteten, mehr Aufmerksamkeit zu schenken . . . Nein, wir sind nimmer eine „lebende Mumie der alten Zeit." So weit wir auch zerstreut sind, wir fühlen uns als ein noch blühender Volksstamm, dessen ängstliche Fürsorge nimmer engherzig auf die bescheidenen Grenzen eines Bezirkes beschränkt ist. Von diesem Gedanken beim Lesen Ihres Memorandums beseelt, lege ich Ihnen meinen Plan vor, der ein mächtiger Hebel zur Weckung und Wiederbelebung eines frommen, religiösen Volkssinnes unter den Juden der Türkei sein würde." Es handelte sich um die Übersetzung der heiligen Schrift, der Gebete, der Mischna rc. in die türkische Landessprache, die aber anfangs nur in jüdischer Schrift gleich der ersten Mendelssohnschen Bibelübersetzung abgefaßt werden müßte. Denn dies seien doch die einzigen Bücher, die von ihnen gelesen werden, die auf sie mit unwiderstehlicher Kraft einwirken, und vor aller sonstigen europäischen Bildung ist das Verständnis der Landessprache ihnen höchst notwendig, damit sie aus ihrer Isolierung heraustreten. „Sie sollen doch israelitische Türken werden, wie wir alle deutsche Juden geworden sind." Da die Juden in der Türkei als sogenannte „Spaniolen" damals und zum großen Teil auch noch heute ihr verdorbenes Spanisch sprechen, war dieser Gedanke sehr beachtenswert. Er ist auch in den letzten 50 Jahren in den Schulen der Alliance mit einer Energie verfolgt worden, die bereits schöne Früchte zu tragen begonnen hat. Ueberhaupt liegen ja die Verhältnisse heute in der Türkei ganz anders. Heute ist die Türkei der Hort der Toleranz und Rußland der Rückhalt aller Barbarei. Es ist zu hoffen, daß der kranke Mann am Bosporus, der jetzt wieder etwas frei aufatmen wird, nun die Gelegenheit zu Reformen, die ihm der große Krieg bietet, ergreifen, und auch die in seinem Staatsgebiete wohnenden ausländischen Juden zu türkischen Untertanen machen wird. Wenn sich die Türkei der russischen Bärentatzen erwehren kann, so wird ja auch das Mißtrauen, das sie gegen alle Ausländer hegt, schwinden und damit auch dem Verbot der Einwanderung und Kolonisierung in Palästina die letzte Stunde geschlagen haben. Man sieht, welche ungeahnte Folgen ein solcher Krieg nach sich ziehen kann. Dir Woche. Berlin, 21. Juni, wei Vorfälle, die sich in dieser Woche zufällig an einem Tage ereigneten, geben Gelegenheit, über eine Erscheinung zu sprechen, die sich jetzt in unserm öffentlichen Leben immer öfter wiederholt und die deshalb fast gar nicht mehr beachtet wird, die aber andererseits so bedenklich ist, daß es als dringend notwendig erscheint, bei jedem Anlässe immer von neuem darauf hinzuweisen. Wir meinen den geflissentlichen oder auch unbeabsichtigten Ausschluß, des Judentums und der jüdischen Konfession, wenn von allgemeinen religiösen Dingen die Rede ist. Im Abgeordnetenhause hat am 17. d. M. Gras Douglas eine sehr hübsche Rede gegen „Partikularismus und Unduldsamkeit gegen Andersgläubige, die naturgemäß ein starkes Mißtrauen Hervorrufen müssen", gehalten. Unmittelbar darauf sagte er aber: „Jede Konfession möge vielmehr bei ihren Gliedern eine wahrhaft christliche Gesinnung erwecken und vertiefen." Das Judentum ist also ausgeschaltet. Wäre es aber nicht genau dasselbe gewesen, wenn anstatt „wahrhaft christliche" wahrhaft religiöse Gesinnung gesetzt worden, wäre? Früher war es so. Und wenn man von den verschiedenen Konfessionen im deutschen Vaterlande sprach, so meinten selbst gutkonservative und fromme Männer darunter Protestanten, Katholiken und Juden. Heute ist immer nur von „den beiden Konfessionen" die Rede. Noch auffallender war die Sache beim Frauertkongreß. Dort fand am selben Abend eine allgemeine Versammlung über das Verhältnis der Frauenbewegung zu den politischen und konfessionellen Parteien statt. Fräulein Jka Freudenberg aus München hielt einen sehr langen Vortrag, in dem sie das Verhältnis der Konfessionen zu der Frauenbewegung sehr scharf beleuchtete. Aber sie sprach nur von der katholischen und protestantischen Konfession. Das Judentum wurde nicht mit einem Worte erwähnt. Schon während der Rede gab sich vielfach Verwunderung und Unwillen darüber zu erkennen. Eine Diskussion war ausgeschlossen; sonst hätte zweifellos eine der Zahlreichen jüdischen Frauen, die an dem Kongreß in so hervorragender Weise sich beteiligten, gegen diesen Ausschluß des Judentums protestiert. Und das ist m der ganzen Frage der springende Punkt. Wenn bei jedem derartigen Anlasse, im Parlament so gut wie in der Volksversammlung, so oft von „den beiden Konfessionen" die Rede ist, von jüdischer Seite in aller Bescheidenheit, aber auch mit voller Bestimmtheit, auch auf das gute Recht der jüdischen Konfession in einem Staate, der allen seinen Bürgern volle Gleichberechtigung gewährt, hingewiesen werden möchte, so würde dieser Sprachgebrauch — denn nur als solchen wollen wir es betrachten — von „den beiden Konfessionen" mit Ausschluß des Judentums ebenso rasch wieder verschwinden, wie er gekommen ist. * Eine Nachricht, die erfreulich wäre, wenn sie ans Wahrheit beruhen würde, bringt das „Leipziger Tageblatt" aus London. Sie lautet folgendermaßen: „Die englische Regierung wird den Gesetzentwurf, welcher die Einwanderung von Fremden gewissen Beschränkungen unterwirft, vorläufig zurückziehen. Da sich das Gesetz hauptsächlich gegen die Einwanderung unbemittelter Juden aus Ost-Europa richtete, hat das unter dem Vorsitz des Lord Rothschild stehende jüdische Hilfskomitee London-List die Verpflichtung der Ueberwachung aller jüdischen Einwanderer übernommen. Das Komitee wird die persönlichen Verhältnisse aller zureisenden Juden genau prüfen und nötigenfalls für jeden in London Verbleibenden eine Bürgschaft für dessen Wohlverhalten auf zwei Jahre übernehmen." Leider scheint hier eine Verwechselung vorzuliegen. Vorschläge zur Gründung eines solchen jüdischen Ueberwachungskomitees sind allerdings gemacht worden — aber von eindr Zurückziehung der Fremdenbill ist nirgends die Rede gewesen. #