Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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6‘8.Jährgang, No. 26. “'* — - Berlin, 24. Juni 1904. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerslr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag'der. „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49.. zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 2 M. Redakteur: Gustav Rarpele». . Vor künftig Jahren. Berlin, 21. Juni, n unseren Gebeten befindet sich auch der Segensspruch: „Gelobt sei, der die Zeiten ändert." Wenn es überhaupt etwas gibt, das eine Gemeinschaft vor Kleinmut und Verzagtheit auf der einen, vor Uebermut und Ueberhebung auf der anderen Seite bewahren kann, so ist es ein Rückblick auf die Vergangenheit, bei dem uns die Fürsorge des Allwaltenden, der die Zeiten ändert, von Grund aus einleuchten muß. Welche, gewaltigen Fortschritte haben die Menschheit und Israel allenthalben auf dem Erdrunde allein in den letzten 50 Jahren gemacht! Um die Nörgler, denen der schnelle Gang der Weltgeschichte noch nicht schnell genug, denen bald dieses, bald jenes in unseren Kreisen noch „zu jüdisch" ist, kümmern wir uns . hier nicht; allen denen zu Liebe aber, denen das fortdauernde Elend von unzähligen Juden aus dem Erdenrunde wahrhaft zu Herzen geht/ wollen wir zum Trost einen solchen systematischen Rückblick auf die Zeit vor 50 Jahren unternehmen, damit sie sehen, wie gewaltige Fortschritte doch schon in dieser im Rahmen der Weltengeschichte unendlich kurzen Spanne Zeit von uns gemacht worden. sind. Im Jahre 1854 war die Weltlage der jetzigen nur in dem einen Punkte ähnlich, daß dasjenige Land, in dem die meisten unserer Glaubensbrüder wohnen, nämlich Rußland, in einen seine Kräfte ungewöhnlich angreifenden Krieg/den Krimkrieg, verwickelt war. Die Erregung unter den Juden West- und Osteuropas war eine außergewöhnlich starke, da man die Lösung der jüdisch-orientalischen Frage, soweit es sich um die Besserung der Lage der Juden . in Palästina handelte, ganz nahe wähnte. Die europäischen Mächte hatten zwar ihre Forderungen nur bezüglich der christlichen Bewohner der Türkei gestellt, als sich der Sultan zur Emanzipation der Rajahs (aller Nichttürken) bereit erklärte. Da richtete der Begründer und damalige Herausgeber dieser Zeitung, Dr. Ludwig Philippson, am 26. März 1854 je ein Schreiben an den Herrn Baron von Rothschild in London und an den Herrn Baron von Rothschild in Paris, in. dem sich das damals noch so starke Sölidaritätsgesühl der mitteleuropäischen Juden in dem folgenden Notschrei Bahn brach„Frankreich und -England verhandeln jetzt mit seiner kaiserlichen Hoheit, dem Sultan der Türkei, um die Emanzipation der christlichen Bewohner der dem türkischen Zepter unterworfenen Länder . . Werden die türkischen Juden bei so großer weltgeschichtlicher Gelegenheit übergangen, dann ist auch, unser Schicksal besiegelt, und gleichsam durch die ganze Erde ausgerufen: die Nachkommen Judas bleiben ein zurückgesetztes, bedrücktes Geschlecht! Im Gegenteil, spricht der Sultan die Gleichstellung mit der christlichen Bevölkerung aus, so muß ' dies auch auf diejenigen christlichen Staaten jetzt und später wirken, welche uns jene noch immer versagen." Bald darauf verkündete die „Zeitung des Judentums": „Fröhliche Botschaft", da Albert Cohn im Namendes Hauses Rothschild antwortete : „Ich habe im Namen dieses Hauses das Vergnügen, Ihnen anzuzeigen, daß sämtliche Schritte, die zu diesem Zwecke führen, schon geschehendaß die mit dem türkischen Anlehen sich befassenden Mitglieder dieses Hauses unmittelbar die passenden Vorstellungen gemacht, daß Vali-Pascha, türkischer Botschafter in Paris, ein eigenhändiges Schreiben in bezug aus diese. Frage an die Pforte gerichtet hat — daß, so weit die aus Konstantinopel hier eingegangenen Berichte zu glauben gestatten, mit Gottes Hilfe die Lösung der Frage zu unseren Gunst e it stattgefunden hat. Die Pforte . hat nämlich im fünften Artikel des provisorischen. Traktats die Gleichheit vor. dem Gesetze und die Zulassung aller türkischen Untertanen, ohne Unterschied des Glaubens, zu allen Aemtern zugestanden.. So weit menschliches Urteil ein gewisses ist, glaube ich Ihnen sagen zu können, diese Frage ist gewonnen." . : Bereits in Nummer 20 zog diese Zeitung die Konsequenzen in einem Artikel, der uns einen interessanten Einblick in die damalige Stimmung der Weststaäten gegen .Rußland gewährte, das Philippson insofern gewissermaßen noch verteidigt, als ja auch die übrigen „christlichen Staaten", trotz aller 1847 aus dem Schoße der Bevölkerungen ergangenen Petitionen, damals ihre Juden noch nicht emanzipiert hatten.. Wir lesen da in dem Aufsatz: „Was könnte die Welt aus dem orientalischen Kriege lernen?" . . . „Nun ist das Geschrei groß, und man schlägt die Hände zusammen, welche Ungerechtigkeit, welche Gewalttat Rußland der Türkei tun wolle, 'man erkennt den „edlen, hochherzigen" Zar nicht wieder, man 'erkennt ihn als den Feind des Konservatismus, man schilt ihn sogar , „revolutionär," (!) . . . . . Kann man ein kräftiges Wort Nachweisen, welches die Vossische und Spenersche Zeitung gegen die Rechtsbeschränkungen der Juden und die dafür aufgewendeten Grundsätze erhoben? Was machen sie aber nun für einen Lärm gegen die Anwendung derselben Grundsätze aus die Türkei? Und warum schreiet'ihr jetzt erst? Weil ihr doch nun merket, daß mit der Zertrümmerung der Türkei unter den Schlägen des russischen Adlers alle Selbständigkeit, Freiheit, Wissenschaft, Kultur Europas zu Ende, oder doch gefährdet wären? . . . Gut. So habet ihr denn alle abermals erfahren: daß nicht bloß die Welt Gottes in der Natur, sondern auch die sittliche Welt der Menschheit eine Einheit ist."