Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-17 · Heft 25 (17.6.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228607--60896-3274689
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Zum Schlüsse hielt Professor Dr. Horowitz-Thorn einen einstündigen Vortrag über das Thema: „Was können wir für unsere schulentlassene Jugend tun." Der Vortrag wurde mit Beifall ausgenommen und der Wunsch ausgesprochen, ihn veröffentlicht zu sehen. Um den von dem Redner gestellten Forderungen eine praktische Folge zu geben, wurde zunächst beschlossen, durch den Verbandsausschuß eine Kommission erwählen zu lassen, welche bei der Berufswahl und Fürsorge für schulentlassene Kinder der Provinz den Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. An die Tagung reihte sich ein gemeinsames Festessen im „Danziger Hof", bei dem auch in frohen Worten der ersprießlichen Tätigkeit des Vorstandes und seiner Verwaltung Anerkennung gezollt wurde. e. Schönlanke, 10. Juni. Am 23. v. M. fand hier die Beerdigung des weitbekannten Rabbiners Salomon Waeldler statt, der, wie bereits mitgeteilt, am 19. d. M. nach vollendetem 73. Lebensjahre nach kurzen! Leiden sanft entschlafen war. Das Ableben dieses ehrwürdigen Mannes hat in weiten Kreisen schmerzliche Gefühleerweckt; am meisten aber in seiner Gemeinde, in der er fast 40 Jahre als treuer, hingebender Seelsorger mit der ganzen Kraft seines warinen und reichen Herzens zum Segen gewirkt hat. An allen Interessen, der Gemeinde nahm er den regsten Anteil und strebte mit nie ermüdendem Eifer dem einen Ziele zu, seine Gemeinde zu echter Gottesfurcht und zu reinempfundener Frömmigkeit anzuleiten. Dazu war aber nicht minder als seine hingebende berufliche Tätigkeit in der Predigt, im Unterricht der Jugend und in der sorgfältigsten Pflege der religiösen Institutionen sein eigenes mustergültiges Leben vor Gott und Menschen geeignet. Der große Talmudgelehrte, der aus seinem Gebiete den Ruf einer Autorität genoß, der behufs Beantwortung halachischer Anfragen, die aus nah und fern, von Amtsgenossen und Privaten Talmudgelehrten an ihn gerichtet wurden, täglich bis weit über die Mitternacht hinein in Studien und Arbeiten versenkt war, hatte sich die volle Empfänglichkeit für einen einfachen, herzlichen Verkehr mit jedem Gemeindemitglied bewahrt und war jedes Freund und Berater. Bei seiner imposanten Erscheinung voll männlicher Würde hatte seine tiefe Bescheidenheit, seine Freundlichkeit, Güte und Milde etwas Rührendes, was ihm auch die Herzen aller gewann, die ihn je gekannt. Die Liebe und Verehrung, die dem Dahingeschiedenen von Nah- und Fernstehenden, von seiner eigenen und auswärtigen Gemeinden, sowie von seinen Amtsgenossen entgegengebracht wurde, fand ihren würdigen Ausdruck in der Trauerfeier, zu welcher außer den Angehörigen die ganze Gemeinde, ein großer Teil der städtischen Bevölkerung und Amtsgenossen aus verschiedenen Gemeinden sich eingefunden hatten. Aus allen Reden, die im Trauerhause, in der Synagoge, vor demBeth-Hamidrasch und dem offenen Grabe von den Herren Rabbinern Dr. Nichter-Filehne, Dr. Perlitz- Nakel, Dr. Wreschner-Samter, Dr. Weil-Czarnikau, Dr. Levy-Neustettin, sowie von vier Schwiegersöhnen gehalten wurden, und die die herzlichen Worte des Gemeindevorstehers Herrn Salinger würdig abschlossen, klang neben der Klage über den Verlust dieses hervorragenden Vertreters der Talmudgelehrsamkeit die hohe Würdigung des Verstorbenen hervor, als eines Mannes, der sein Lebenswerk wie zu seiner eigenen, so zur Ehre seines Berufes und des Judentums vollbracht hat. Sein Andenken sei gesegnet! Sondershausen, 14. Juni. Heute feierte unser greiser Rabbiner, Professor Philipp Hei den he im, seinen 90. Geburtstag. Er ist also wohl der älteste Rabbiner Deutschlands. Geboren 1814 in Bleicherode als Sohn eines kleinen Handelsmannes und zu gleichem Berufe bestimmt, brachte er es durch Privatunterricht und durch Selbststudium so weit, daß er in Erfurt das preußische Lehrerexamen machen konnte und 1834 als Lehrer und Prediger in Sondershaufen angestellt wurde. Die dabei erzielten günstigen Resultate veranlaßten den Fürsten beziehungsweise dessen Minister, Heidenheim bereits im Jahre 1840 an der Staatsschule anzustellen. 1845 machte er in Schönlanke und Berlin bei den Oberrabbinern Plaschke und Oettinger das Rabbinatsexamen und fungierte dann als staatlich beziehungsweise städtisch angestellter Rabbiner in Sondershausen, sowie als Oberlehrer (seit 1881 Professor) in den Oberklassen der staatlichen Realschule (Deutsch, Geschichte, Geographie und Mathemathik). Neben diesem Doppelberuse unterhielt Professor Heidenheim ein großes Pensionat, in dem Hunderte junger Deutscher, Engländer und Amerikaner ihre Ausbildung genossen. 1848 von den 80 .Lehrern der höheren Schulen im Lande als Deputierter zu der großen deutschen Lehrerversammlung in Eisenach gewählt, setzte Heidenheimes durch, daß Paragraph 1 der gefaßten Beschlüsse nicht wie vorgeschlagen: „Die Grundlage aller Erziehung ist eine „christliche", sondern — ist eine „religiös-sittliche" lautete. 1879 erhielt Heidenheim den Schwarzburgischen Hausorden II. Klasse, ließ sich im Jahre 1886 von seinem Lehreramte pensionieren, behielt aber das Rabbinat bei und verwaltet dieses nach nunmehr siebzigjähriger Tätigkeit noch heute in segensreicher Weise. Mögen dem greisen Rabbi, der seit mehr als sechzig Jahren ein treuer Freund und Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ist, noch viele Jahre geistiger und körperlicher Frische beschieden sein. Bonn, 10. Juni. Zu den bisher in unserer Gemeinde bestehenden Vereinen, welche sich zur Aufgabe gestellt haben, die Kenntnis des Judentums unter den Gemeindemitgliedern zu fördern (Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Cbevroh-G’milus- Chassodim) ist Nunmehr auch ein dritter Verein mit ähnlichen Zielen hinzugetreten.. Derselbe führt den Namen „Israelitischer Jünglings-Verein" und verfolgt insbesondere den Zweck, bei der reiferen Jugend der Gemeinde Bibelkenntnisse zu verbreiten. Derselbe hat am 1. d. M. seine konstituierende Sitzung abgehalten, bei der Rabbiner Dr. Kalischer die Ausgaben des Vereins und die Mittel und Wege, denselben gerecht zu werden, des Näheren erörterte. Nach stattgehabter Vorstandswahl wurde Dr. Kalischer zum Ehrenvorsitzenden, Kantor Baum sowie der Vorsitzende der Gbevrob-G^mitus-Obasgodim, Herr Voß, zu Ehrenmitgliedern ernannt. Möge der Verein, dessen Entstehung freudig begrüßt wird, zum Wohle der Gemeinde und des Judentums gedeihen! — Karlsruhe, 10. Juni. In einem Spezialfall hat der Oberrat beschlossen, daß die Frage, ob ein mit dem Bildnis des Verstorbenen ausgestattetes Grabdenkmal auf einem badischen israelitischen Friedhof ausgestellt werden dürfe, als „Religionssache" im Synagogenrat unter Zuziehung, Vorsitz und Stichentscheid des Rabbiners gemäß § 4 der landesherrlichen Verordnung vom 15. Mai 1833, die Bildung der Synagogenräte in den israelitischen Gemeinden betreffend, zu verhandeln ist. Gleichzeitig hat die Religionskonferenz des Oberrats sich dahin geäußert, daß das Anbringen von Porträts und sonstigen Bildnissen auf den israelitischen Friedhöfen und insbesondere an Grabdenkmälern für religionsgesetzlich unstatthaft zu erachten sei. R. Br. Sulzburg, 8. Juni. Das vierte ober badische Synagogen chorfest fand am Pfingstsonntag in Emmendingen statt. Daran beteiligten sich außer dem festgebenden Vereine die Shnagogenchöre von Bühl, Eichstetten, Freiburg, Kippenheim, Nonnenweier und Offenburg, im ganzen sieben Vereine mit 150 Sängern. Freundlich glänzte die Maiensonne über dem schmucken Städtchen, als außer diesen Sängern noch Hunderte von Gesangsfreunden von nah und fern zur Beteiligung herbeiströmten. Nach vorangegangener Hauptprobe und Generalversammlung, die in dem vom Gemeinderate bereitwilligst zur Verfügung gestellten Nathaussaale stattfand, begann gegen 2 Uhr in dem reichverzierten Saalbau zum Dreikönig in Anwesenheit von über 800 Zuhörern, worunter die Vorstände dr>s großherzoglichen Bezirksamts und Amtsgerichts, sowie andere höhere Beamte waren, die Aufführung der synagogalen Gesänge. Von mächtiger, erhebender Wirkung waren insbesondere die Gesamtchöre, welche von Kantor Goldberg aus Emmendingen trefflich geleitet wurden. Unter den Einzelchören leisteten naturgemäß die der Stadtgemeinden das beste. Dabei rangen Freiburg, Bühl, Emmendingen und Offenburg um die Palme. Freiburg verdient um so höhere Anerkennung, da die unmittelbar vorher eingetretenen jugendlichen Sänger sich prächtig bewährten. Bühl ragte durch die schönen und gutschulten Damenstimmen hervor. Auch die Chöre der Landgemeinden hatten weder Mühe noch Opfer gescheut, um ihrerseis zum Gelingen des Ganzen beizutragen. Unter ihnen verdient Kippenheim ehrende Anerkennung. Bei den Solisten glänzten namentlich die Kantoren Sommer-Freiburg, sodann Bruchsaler-Bühl und Goldberg-Emmendingen. Als Solistin bewährte sich wieder Frau Dreyfuß-Hauser aus Bühl. In andächtiger Stille lauschten die Gäste dem zweistündigen Konzerte, das einen ebenso schönen als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.