Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kutscher schnalzt mit der Zunge; düs Pserd watet durch den Schnee,' der Schlitten quitscht, schwankt, weitersenM sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Ein Schlaf-' taumel überkommt mich. Fahr' ich. über Berge, über Täler? .. / Kälter ergießen sich die eisigen Ströme mir um den Leib. Aber ich verspüre keinen Schmerz mehr, ich verspüre ein merkwürdiges Wohlgefühl, das mich immer mehr überflutet. . . . . Es wird mir so lieb, so süß ums Herz. Ich bewege mich in einem Gefühl gaukelnder Phantasien, Träumereien. Es kommt mir vor, als ob ich schwämme in einem unergründlichen Meer. Alles dreht sich umher. Ich sehe allerlei bunte Gestalten . .. „We—e—e—r da—a—a?" schreit plötzlich mein Kutscher. „W—a—a—s w—i—i—llst Du?" antwortet eine ziemlich nahe Baßstimme. „Wir i—i—irren. . . Komm he—e—er!" Ich erwache, öffne meinen Pelzkragen. Wie mit tausend glühenden Zangen zupft mich der Frost am Körper. Wie mir alles nur so schwer ist, der Kopf, die Arme, die Füße. ... Wiederum sehe ich einen dunklen Gegenstand sich näher-, wälzen. Aber der dunkle Gegenstand ist so groß, so riesig. . : „Wohin willst Du?" sagt der dunkle, riesige Gegenstand mit heiserer Stimme zu meinem Kutscher. „Ah, Mausche!" erwidert, mein Kutscher in plötzlichem Entzücken. „Das ist Mausche, Herr — ein Jude. ... Kennt auf acht Meilen jed's Bäumlein, jed's Gräslein . . . ein Luchs hat keine besseren Augen. . ." „Nun, wohin willst Du, Frund? Ich Hab kein' Zeit." „Nun — wenn Du kein' Zeit hast — nach S. . ." „Nach S,? Warum fährst Du . nicht den großen Weg?" „Würd' schon fahren, Freund. . . Wo ist er aber, — das ist das Kunststück —" „Hier ist er ja, gleich links. Ein Blinder kann ja die Telegraphenstangen sehen." Mausche nahm die Leme und kutschierte. Nach einigen Minuten schlug er mit dem Peitschenstiel an eine Telegraphenstange. „Siehst Du — hier ist sie." „Hab' mir gleich gedacht, der Mausche wird schon finden!" Dann fragte ihn mein Kutscher: „Wo bist Du gewesen?" „In T. . ." „Wozu?" fragte er ihn weiter nach einer neuen Pause. „Nach einem Fläschchen Wein . . . mein Kind ist krank." Man hörte es Mausche an, daß er nicht gern antwortet. Der alte Bauer merkte dies und schwieg. Bald daraus erblickten wir ein Lichtlein. Es leuchtete trüb und ungewiß, tauchte auf und verschwand. „Das ist mein Stübchen," erklärte Mausche, „'s liegt im Tal." Ein Stübchen — das war ein Erlösungswort für mich. Ich empfand heftige Frostschmerzen, nachdem ich aufgewacht. „Wird man bei Ihnen für einige Zeit absteigen können?" fragte ich unfern Führer. „Wie's Ihnen auskömmt, Herr . . . sechs Kinder, eins ist krank.. mein' Frau auch . . aber wenn's dem Herrn beliebt..." „'s ist mir scheußlich kalt." „Nu — denn gewiß . . . wenn der Herr will —" Wir fahren an Mansches Wohnung heran. Durch ein einziges, mit einer dicken Eis- und Schneeschicht bedecktes Fensterlein fällt ein trübes Licht. Mausche springtaus dem Schlitten heraus wie ein Hase, hinter ihm wackelt mein Kutscher. Mit schwerer Mühe steig'ich aus. Mausche ist ungewöhnlich hoch und muskulös. Sein Gesicht ist lang und abgemagert. Um die Ohren trägt er ein rotes, fadenscheiniges Tüchlein. Die Hüften hat er mit einem Riemen so fest zusammengeschnürt, daß sein langer Körper in zwei Teile zerlegt erscheint. Seine Wohnung ist, ein armseliges Holzhäuschen. Die Wände find aus unbehobelten Klötzen Zusammengefügt: Verfaultes Moos füllt -dürftig die Lücken. Aus; dem: Strohdächlein hat der Wind mehr als eine Strohzunge heraüs- . gezupft und pfeift nun drin seine schaurigen Melodien. < Eine gräßlich dicke Luft schlägt mir entgegen, wie ich die Tür öffne. Feuchtigkeit, Staub, Rauch und Schweiß hat sich zu einer atembenehmenden Dunstwolke zusammengeballt. Die Stube, ist ungediehlt, der Fußhoden eiskalt. An den ungetünchten Wänden starrt zwischen den Fügen der Klötzer ein eisiger Reif. Durch den großen, öden Raum geht das quickende . Weinen eines Kindes. Das klingt so schauerlich! An einem einscheibigen Fensterlein brennt ein dünnes Wachslichtlein. Es ist dem Erlöschen nahe und. ringt wie ein Sterbender.' Ein trübes Flämmchen flackert auf und sinkt herab, flackert auf und sinkt herab / . . In einer Ecke liegen zusammengedrängt einige Gestalten, eine große, schwangere Frau und um sie herum einige halbverfrorene Kinderchen. Sie haben ihre rotausgelaufenen Händchen unter die Jacke der Mutter geschoben, um sich an ihrem Fleische zu erwärmen . .: Wie gräßlich, diese lange, hagere Frauengestalt in ihrem jetzigen Zustande! ... Dazu krächzt sie fortwährend . . . Die Backenknochen ihres Gesichts starren heraus, zwei tiefschwarze Augen blicken glanzlos und abgestumpft um sich. Und fest an sie angeklammert eine Schar von Kindern mit abgemagerten, vergilbten Gesichtern, schmutzig, zerlmnpt.:. Und hart neben ihr an der feuchteisigen Wand, mit einem Strohsack bedeckt, liegt ein langer, achtzehnjähriger Junge —'fieberkrank, delirierend. Die Frau blieb sitzen, hob nur schwerfällig den Kopf und. richtete auf uns ihren gebrochen-glanzlosen Blick, als wir eintraten. Die Kinder aber eilten auf den Vater zu. Acht blutrote, aufgedunsene Kinderfüßchen, nackt in flache Holzschuhe. gesteckt, klapperten über den eiskalten, steinharten Fußboden. „Tate, wos host Du gebrocht? , . . Host Du . . ." „Kinder, laßt ihn doch in Ruh" — rief krächzend die Frau — „seht Ihr nit, daß er müd' is? . . . Oi, die Zähn', die Zähn! . ich werd schier verbrennt . . . Host Du das Fläschele?" Mausche sprach kein Wort. Er. ging ans Tischchen, wo das Wachslichtlein in den letzten Zügen lag, zog-ein mit grünem Papier umwickeltes Fläschchen aus der Tasche und nahm behutsam das Papier ab. Es war ein Fläschchen Tokaier mit einem blauen blechernen Ring um den Hals. „A schen Fläschele," riefen die Kinder mit glänzendem' . Blick, „a scheu Fläschele!" Da erhob sich der Fieberkranke. „Das Fläschele," schrie er mit hohler, schriller Stimme, . wie ein Irrsinniger, „das Fläschele!" „Gib ihm's nit," sagte Mausche, „er wirds zerbrechen." „Fläschele, Fläschele," schrie der Fiebernde noch lauter und hohler. Die Mutter nahm und gab es ihm. Im selben Augenblick schlug es knallend auf den Boden. Ein Schrei, ein wahnsinniger, qualvoll verzweifelnder Schrei scholl durchs Zimmer. Die Mutter war es, die so markerschütternd aufgeschrieen. Mausche aber, der riesige, lange Mausche, stand einige Augenblicke kreidebleich und lautlos vor dem ersterbenden Lichtlein. Dann lachte er hohl auf. „Ich hätt' mir die Müh' sparen können!" Dunkelrote Ströme Tokaierweines flössen über den kahlen Fußboden. Die Scherben schillerten. Im öden Raum war es leichenstill. . . Druck und Verlag von RudolsMosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaltion: Max Bauchwitz in Berlin.