Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
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dem Regime des Gestrengen stieg die Zahl der Zurückgewiesenen von 0,7 Prozent ' im Vorjahre auf 1,02 Prozent. Die Paschawirtschaft dieses Herrn wurde schließlich selbst der Newyorker Presse zuftoll und führte zu zahlreichen Reklamationen seitens, mehrerer/ hochangesehener Körperschaften. Es braucht nicht erst besonders erwähnt zu werden, daß speziell die Juden von der Willkür des Mr. Williams schwer zu leiden hatten. Wir fügen zum Vergleiche die Ziffern der Zurückgewresenen aus den letzten vier Jahren hinzu: sie betrugen 1900: für die gesamte Immigration 0,94 Prozent, für die Juden 0,95. 1-901: für die gesamte Immigration 0,72, für die Juden 0,59. 1902: für die Gesamtimmigration 0,76 Prozent, für die Juden 0,58 Prozent. Im Berichtsjahre dagegen: für die Gesamtimmigration 1,02 Prozent, für die Juden 1,3 Prozent. Von den zurückgewiesenen Juden waren angeblich 254 krank, 715 Paupers und 24 sogenannte Kontraktarbeiter. 78 Juden wurden im ersten Jahre nach erfolgter Landung noch nachträglich des Landes verwiesen. Bildungsgrad. Sehr überraschend wirkt auf den Uneingeweihten der große Prozentsatz der jüdischen^ „Jlliteracy", d. h. derjenigen erwachsenen Immigranten, die der Kunst des Lesens und Schreibens unkundig waren. Von den 57 159 erwachsenen Juden waren nicht weniger als 15 141 26,49 Prozent „Jlliteracy". Zwar wiesen ihre polnischen, litauischen und ruthenischen Landsleute noch mehr von dieser Sorte auf, nämlich 35,64 Prozent, und die Süditaliener brachten es sogar auf 48,46 Prozent. Allein der Durchschnitt betrug doch nur 25,04 und sank bei den germanischen Völkern bis auf 2,14 Prozent herab. Es will geradezu unglaublich erscheinen, daß das Volk der Schrift, welches seit der „Leuchte des Exils" (Rabbi Gerschom)', also feit mehr als acht Jahrhunderten in seinem bekannten Cheder die freiwillig durchgeführte, aber allgemeine Schulpflicht füx, Knaben besitzt, noch so viele des Lesens Unkundige ausweisen soll. Allein die Lösung des scheinbaren Widerspruchs ist schon in dem Ausdruck „allgemeine Schulpflicht für Knaben" gegeben. Das alte Cheder ist in der Tat nur für Knaben geschaffen worden, während das jüdische Mädchen „von Religions wegen" einen Unterricht weder bekommen soll noch ihn auch in der Wirklichkeit bekommt. Zieht man nun von der Gesamtzahl der erwachsenen jüdischen Einwanderer die der 22 696 erwachsenen Frauen ab, so ergibt sich, daß sämtliche erwachsenen jüdischen Männer und außerdem 7556 erwachsene Frauen mindestens des Lesens kundig, waren. Dennoch sollen die von der amerikanischen Regierung gelieferten Zahlen üns zum Nachdenken veranlassen. Sollte — was von sehr einflußreichen Parteien im Lande schon seit lange angestrebt wird — einmal bei der Zulassung von Immigranten ein Bildungszensus eingeführt werden, so wird die prinzipielle Ausschließung des jüdischen Weibes aus dem Cheder den auf die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten einmal angewiesenen russischen Juden die schwersten Schäden zufügen. Beschäftigung. Die Tatsache, daß die jüdischen Einwanderer eine sehr große Anzahl Frauen und Kinder mitnehmen, darf beim Studium der jüdischen Immigration keinen Moment aus den Augen gelassen werden. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Einwanderungstabellen und beeinflußt auch das spätere Leben der jüdischen Einwanderer in der neuen Heimat in ganz ungeahnter Weise. So wird durch die Mitnahme der Frauen und Kinder u. a. auch die Zahl der erwerbenden Immigranten ganz bedeutend herabgesetzt. - Während im Durchschnitt auf je hundert Immigranten 23,31, bei den christlichen Landsleuten der jüdischen Einwanderer gar nur 9 Nichtarbeitende kamen, betrug diese Zahl bei den Juden 40,88. Dies will bedeuten, daß''je 59,12 arbeitende Juden 40,88 nichtarbeitende mit zu ernähren haben. Die Engländer hatten 33,56, die Deutschen 35.44 Nichtarbeitende. Der Nachteil, so viele Esser ernähren zu müssen, kommt aber bei den jüdischen Einwanderern wenig in Betracht, da sie fast alle große Verdiener sind. Es ist für das Wohlergehen des Einwanderers in seiner neuen Heimat doch - von sehr wesentlichem Unterschied, ob er, wie der Slovake, höchstens als Holzfäller zu verwenden ist, oder ob er als qualifizierter Arbeiter Anstellung in einem großen industriellen Etablissement findet. Von den 657 245 arbeitenden Immigranten waren 90 883 13,82 Prozent in der Landwirtschaft, 92 686 — 14,01 Prozent als Gesinde, 320 642 — 48,77 Prozent als ungelernte Tagelöhner und 124^683 18,96, Prozent als gelernte Arbeiter beschäftigt. Nur ein geringer Teil der Einwanderer ist demnach in der Lage, sich bei dem auch in den Vereinigten Staaten sich vollziehenden Uebergange aus einem Agrarin einen Industriestaat lebhaft zu beteiligen. Unter diesen wenigen Einwanderern nehmen aber die Juden den ersten Platz ein, den sie selbst gegen Engländer und Deutsche siegreich behaupten. Von den 45 051 arbeitenden Juden waren 380 in der Landwirtschaft und 345O 7,65 Prozent im Handel tätig. 6664 14,97 Prozent mußten sich als Tagelöhner und 7034 " 15,63-Prozent als Gesinde ernähren. 26 010 --- 57/75 Prozent waren gelernte Arbeiter! Die Landsleute der jüdischen Immigranten, die Polen, Litauer und Ruthenen, hatten 4470 gelernte gegen 64 925 ungelernte Arbeiter. Mitgebrachtes Geld. Nebst ihren gesunden Armen haben die Einwanderer in Berichtsjahre ihrer neuen Heimat nicht weniger als 16 517 113 Dollar 65 Millionen Mark als Morgengabe mitgebracht. Bei einer kommunistischen völlig gleichmäßigen Verteilung dieses) Betrages -unter sämtliche Immigranten würde jeder von ihnen 19,27 Dollar erhalten. Allein damit wären die Engländer, welche nahezu 50 Dollar und die Deutschen, die 34 Dollar mitbrachten, wenig zufrieden. Von den Landsleuten der jüdischen Immigranten hatten die Polen ' 9,60, die Litauer 9 und die Ruthenen 9,40 Dollar pro Kopf. Fast genau ebensoviel, nämlich 9,60 Dollar pro Kopf haben auch die Juden mitgebracht. Nun sollte zwar die Frage, wieviel Manunon jemand hat, für keinen vorurteilsfreien Menschen von irgend welchem Belang sein, da Armut doch angeblich keine Schande ist. Am. wenigsten sollte in einem Lande wie die Vereinigten Staaten nach dem Gelde gefragt werden, wo nicht das tote Metall, das leicht verloren und bald aufgezehrt ist, sondern die lebendige Energie und persönliche Tüchtigkeit des arbeitenden, leicht Geld erwerbenden. Menschen ausschlaggebend ist. In Anbetracht des in der letzten Zeit namentlich in England gegen die jüdischen Einwanderer sq oft und so laut erhobenen Vorwurf des Pauperismus wollen wir jedoch konstatieren, daß zwischen den jüdischen Immigranten und ihren polnischen/litauischen und ruthenischen Landsleuten auch in bezug auf das mitgebrachte Geld denn doch ein gewaltiger Unterschied besteht. Ein oberflächlicher Blick auf das vom Einwanderungsamte gelieferte statistische Material lehrt nämlich, daß eine ganz erhebliche Anzahl Einwanderer, und zwar nicht weniger als 217 478 25,37 Proz. aller Immigranten bei der Landung überhaupt keinen Cent in der Tasche hatte. Nebst 102431 Kindern werden diese mittellosen Einwanderer vermutlich zum allergrößten Teil aus verh e ir ateten Frau en bestehen, die ja gewöhnlich kein selbständiges Vermögen besitzen. Solche ohne Mittel Eingewanderten bildeten bei den Deutschen 34,25 Prozent, bei den reichen Engländern 30,66 Proz., dagegen bei den Slovaken