Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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295 Die Milche Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika pro 13112/1983. Von I. Turoff. ie Wanderung der Juden nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist für Gegenwart und Zukunft der gesamten Judenheit von so enormer Tragweite geworden, daß man sich wundern muß, wieso derselben bisher von' keiner Seite mehr als eine gelegentliche oberflächliche Betrachtung gewidmet worden ist: Es ist das um so erstaunlicher, als das erforderliche Material von offizieller Seite in kaum geahnter Fülle geliefert wird. Im naHstehenden wollen wir es versuchen, an der Hand des offiziellen Berichts ein Bild von der jüdischen Auswanderung nach den Vereinigten Staaten im Jahre 1902/03 zu entwerfen, in der sichern Erwartung, daß die kleine Arbeit jüdischen Statistikern und Soziologen als Anregung dienen werde, das wirklich spruchreife, schier unerschöpfliche Material nach allen Richtungen hin zu bearbeiten. Zahl der Immigranten. Nach den vom Chef des Einwanderungswesens, des Generalkommissioner F. F. Sargent, dein Finanzministerium erstatteten Bericht haben in den 12 Monaten vom 1. Juli 1902 bis 30. Juni 1903 nicht weniger als 921 315 Personen amerikanischen Boden betreten. Davon gingen 64 269 Kajütenpassagiere ab, welche zwar registriert, aber nach dem Gesetze weiter nicht behelligt werden dürfen, da von ihnen angenommen wird, daß sie Geschäfts- oder Vergnügungsreisende sind und mit den eigentlichen Immigranten, welche in der Regel nur als Deckpassagiere ankommen, nichts zu schaffen haben. Solche Zwischendeckpassagiere gab es nun im Berichtsjahre 857 046. Es ist das ein seit Bestehen der Vereinigten Staaten noch nie erreichter echt amerikanischer Rekord! Fast alle Länder und Erdteile haben an dieser zu keiner Zeit und in keinem Lande dagewesenen friedlichen Völkerwanderung teilgenommen. Afrika, Australien, das übrige Amerika sowie die Inseln des Atlantischen, Indischen und Stillen Ozeans sandten 12 573 =: 1,46 Prozent, der asiatische Kontinent beteiligte sich mit 29 966 3,49 Prozent aller Einwanderer. Der Löwenanteil an der gesamten Immigration entfiel jedoch auf Europa, das 814 507 --- 95,05 Prozent aller Einwanderer geliefert hat. Von den einzelnen europäischen Staaten gab es manche mit sehr weiten Ländergebieten, die dem allgemeinen Wettrennen als wenig beteiligte Statisten zuschauten, während andere wiederum sich als überaus lebhafte Akteure betätigten. An der Spitze der gesamten Immigration marschierte in diesem Jahre das kleine Italien, das micht weniger. als 230 622 Emigranten lieferte, ihm folgte Oesterreich-Ungarn mit 206 011. Das weite Zarenreich nimmt mit 136 093 Auswanderern erst den dritten Platz .ein. Zwar haben auch die Untertanen des weißen Zaren reichlich Ursache zur Unzufriedenheit, allein was ein eigentlicher Russe ist, wandert nach Sibirien aus, und die nach Amerika emigrierenden „Russen" sind Deutsche, Finnländer, Polen, Juden, Litauer, kurz alles andere nur keine Russen. Die erstgenannten drei Länder liefern demnach zusammen 572 726, d. i. 66,62 Prozent der gesamten und 70,32 Prozent der europäischen Emigration. Auch die Zusammensetzung der Immigration hat gegen die Zeit von vor 30 Jahren eine wesentliche Alteration erfahren. Die bis vor kurzem dominierend gewesenen germanischen Rassen entsandten in diesem Jahre nur 185 917 Immigranten und mußten den ersten Platz den Romanen abtreten, welche mit 255 940 Auswanderern den dritten Teil der gesamten europäischen Emigration gestellt haben. Die Slaven stellten sich diesmal mit 180 895, die Irländer nlit 36 366 ein und die Juden kamen in der bisher noch nicht erreichten Anzahl von 76 203 ----- 9,35 Prozent der gesamten europäischen Immigration! Ursachen der jüdischen Emigration. Die Zahl der jüdischen Emigranten ist im Berichtsjahre ungewöhnlich groß gewesen. Es ist augenscheinlich: den Juden geht es nicht gut. Sie haben Ursache mit ihrem Schicksal unzufrieden zu sein und sie suchen dasselbe durch einen Domizilwechsel zu korrigieren. Die Ursachen des jüdischen Mißvergnügens sind gewiß zum erheblichen Teil rein wirtschaftlicher Natur; ein näheres Eingehen auf die statistischen Zahlen läßt jedoch erkennen, daß neben den Gründen ökonomischer Natur wohl noch andere Ursachen die jüdische Emigration sehr wesentlich beeinflussen müssen. Es sind Juden in .die Vereinigten Staaten eingewandert: Aus Rußland 47 689 62,58 Prozent, aus Oesterreich 18 759 ^24,51 Prozent und aus Rumänien 8 562 11,23 Prozent, aus den genannten drei Ländern zusammen 75 010 — 98,43 Prozent aller jüdischen Immigranten., Diese Zahlen sprechen eine sehr beredte Sprache. Einen weiteren Beweis für einen speziell aus den Juden lastenden Druck liefert das Studium derjenigen nichtjüdischen Immigranten, welche aus den gleichen Ländern wie die jüdischen kommen. Aus dem Ansiedelungsrahon kommen nebst Juden auch Litauer und Polen, aus Galizien Polen und Ruthenen. Die jüdischen Auswanderungsländer haben nebst 66 448 Juden noch 9819 Ruthenen, 14 220 Litauer und 77 047 Polen, zusammen 101 086 gegen 66 448 Juden entsendet. Die Juden lieferten in jener Gegend demnach nicht weniger als 39 Prozent sämtlicher Auswanderer. Noch prägnanter sind die Zahlen über Rumänien. Dieser kleine Raubstaat lieferte im ganzen nur 9310 Amerikawanderer, darunter waren aber 8562 ---- 91,96 Prozent Juden. Wer aber diese Emigranten nicht als.p o l i t i s ch e F lü ch tl i n g e anerkennen will, der ist mit Blindheit geschlagen! Alter und Geschlecht der Immigranten. Eine weitere Analyse der von der amerikanischen Regierung gelieferten Zahlen ergibt, daß unter den 76 203 jüdischen Einwanderern sich 36 463 Männer und 22 696 -- 29,78 Prozent erwachsene Frauen befanden. Solche Zahlen weisen auch manche andere Nationalitäten aus/ obwohl das Durchschnittsverhältnis für die gesamte Immigration nur 22,48 Prozent beträgt. Um die einwandernde erwachsene Frau als das, was sie sein soll, als Familienmutter zu legitimieren, gehören zu den Frauen noch die entsprechenden Kinderscharen und diese weist kein, anderes Volk in so überwältigender Zahl auf, wie die jüdischen Amerikawanderer. Die Zahl der von ihnen mitgebrachten Kinder (im Alter von unter 14 Jahren) betrug im Berichtsjahre 19 044 25 Prozent aller Einwanderer. Der Durchschnitt belief sich auf 11,95 Prozent, sank aber bei den Polen rc. aus 9,42 Prozent und betrug selbst bei den Germanen nicht über 14,37 Prozent. Diese goldne Mischung aus 4b Prozent Männern, ca. 30 Prozent verheirateten Frauen und 25 Prozent Kindern erhebt die jüdische Immigration aus eine sehr hohe moralische Stufe und stempelt sie zu einem vortrefflichen Menfchenmateriät, wie ihn ein auf Menschenzuwachs durch Einwanderung angewiesenes junges Staatswesen sich gar nicht besser wünschen soll. Von der Landung zurückgewiesen. Dennoch sind im Berichtsjahre nicht weniger als 991 Juden von Mr. Williams, dem neuernannten Einwanderungskommissar, für unwürdig erklärt worden, amerikanischen Boden zu betreten. Der Grund lag weniger an .der Minderwertigkeit der jüdischen Einwanderer als an eben diesem Mr. Williaurs, der auch unter den nichtjüdischen Einwanderern gut gefegt hat. Unter