Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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von Rede und Sang finden, wie sie damals von diesen zwei Männern geboten wurde. Jellinek sprach nicht Pathetisch, aber hinreißender machte keine schönen Worte, war kein Schauspieler, aber ein Redner, der wie kein anderer die Herzen zu packen'und das tiefinnerste Gemüt aufzuwühlen verstand. Die Jellineks sind tot, aber auch die Sulzers. sind nicht mehr. Sulzer ergänzte Jellinek; was dieser sagte, das sang jener. Beiden war die Gewalt über ihre Zuhörer gegeben, jeder verstand sie, und doch wurden sie niemals banal. Sulzer verdient es, daß man sich seiner erinnere, nun es ist auch in würdiger Weise geschehen. In Wien wurden zwei Feiern abgehalten, die eine während der Pessachwoche, die andere am 12. Mai. Die erstere war eine wirkliche Tempelfeier, die letztere hatte aber mit einem Konzerte eine verzweifelte Aehnlichkeit. Wurde sie doch im großen Musikvereinssaale veranstaltet, wo man doch nur weltliche Musik zu hören bekommt, und Konzerte und Bälle abgehälten werden. Es war wenig würdig, die alten Tempelgesänge dort ertönen zu lassen, wo oft Unterhaltungen sehr zweideutigen Charakters, wie etwa Maskenbälle in der Faschingszeit, abgehalten werden. Indessen muß es aber gewürdigt werden, daß das Wiener Publikum diesen Feiern' ein großes Interesse entgegenbrachte, und daß insbesondere der Feier im Musikvereinssaale Tausende beiwohnten, während Tausende keinen Einlaß mehr finden konnten. Auch die Kantoren Mährens veranstalteten eine Sulzer- Feier. In der Landeshauptstadt versammelten sie sich, es wurde schön gesungen, man hielt Tisch- und Festreden, man begeisterte sich an den alten Liedern und den schwungvollen rednerischen Leistungen, welche die Bedeutung Sulzers hervorhoben. Es waren am Abend des 8. Mai einige hundert Festgäste zusammengekommen, die sich freuten, wieder einmal jüdische Lieder, jüdische Worte zu hören, und doch konnte man sich des Gedankens nicht erwehren, diese Feier hätte verdient, daß man ihr von Seite der Berufenen, der Rabbiner und Vorsteher, mit mehr Interesse entgegengekommen wäre. Rabbiner und Vorsteher glänzten durch ihre Abwesenheit. Die Manen Salomon Sulzers wurden von dieser Seite wenig geehrt. Freilich ist man hier gewohnt, zu sehen, daß sich die genannten berufen sein sollenden Faktoren von derartigen Veranstaltungen immer fern halten. Wir wollen nicht untersuchen, warum dies geschieht. Wir können den Herren Rabbinern sagen, den Herren in den kleinen oder den großen Gemeinden : sie tun es nicht zu ihrem Vorteile, aber auch nicht zum Vorteile. des Judentums. Mit hochtrabenden Worten bei irgend einer Gelegenheit gewinnt man die Herzen des jüdischen Volkes längst nicht mehr; vor dem talmudischen Charifus der Herren, vorausgesetzt, daß sie es besitzen, hat das Volk längst den Respekt verloren; die Herren verkennen ihre Zeit, wenn sie es nicht für passend finden, unter das Volk zu treten, mit ihm zu fühlen, sich mit ihm zu freuen und seine Bedürfnisse kennen zu lernen. Mit wenigen Worten: Man hat es bei uns gänzlich verlernt, in den Rabbinern seine Vertreter zu sehen. So ist es wenigstens in den meisten Gemeinden Oesterreichs. Gerade diese Sulzer-Feste hätten vielen unserer Rabbiner Gelegenheit gegeben, wieder ein wenig den sehr tief schlummernden Sinn für Jüdisches in unserem Volke zu erwecken. Was aber haben sie getan? Sie haben sich diesen Gedenkfeiern fern gehalten; es war, als sollte damit gekennzeichnet werden, wie wenig wahrhafte Synrpathie für den Gesang in unseren Synagogen und dessen Vertreter bei den Rabbinern herrsche. Es wäre wirklich an der Zeit, wenn, unsere Rabbiner daran dächten, daß es nicht allein ihres Amtes sei, bei passenden oder minder geeigneten Gelegenheiten ein Paar hochtrabende Redensarten von sich zu geben: Die Sulzer-Feier bot ihnen Gelegenheit dazu, zum Volke zu sprechen, und zu zeigen, daß man als Rabbiner noch etwas anderes ist, denn Trauungs¬ und Grabredner? Wo ist der Rabbiner? Diese Frage hört' man bei uns oft, wenn es gilt, hier Versammlungen und Feiern abzuhatten. die wirklich einem Bedürfnisse des Judentums gelten. Der Rabbiner hält sich in unnahbarer Ferne; er meint, es würde seiner Ehre schaden, wenn er zum Volke Hinabstiege; kein Wunder, wenn in den Gemeinden die Führerschaft dem Rabbiner nach und nach entwunden wird, und man ihn für nichts hält, als einen bezahlten Redner, als einen Meschubed, ähnlich, wie andere mehr oder weniger entbehrliche Organe unseres Gemeindelebens. Salomon Sulzer bleibt aber nichtsdestoweniger, ob man es zugibt oder nicht, der Regenerator unseres jüdischösterreichischen Gottesdienstes. Ihm standen Männer, wie - Manheimer und Jellinek zur Seite. Und es betrübt uns, daß in unseren Kantoren, aber auch in unseren Rabbinern so wenig von dem Geiste dieser Männer zu finden ist. Den Kantoren geht der Sinn zuviel aus das Opernhafte, die Rabbiner aber lassen es an. jener heiligen Begeisterung fehlen, die Manheimers und Jellineks Wort beseelte. „Das' ganze Volk vernahm die Donner und schaute die Blitze", heißt es. Die Donner find verhallt, und die Blitze sind Theaterseuer geworden. Kein Wunder, daß das Volk schlaff wird und schläft. Die Sulzer-Feier, sie' erweckte in uns den wehmütigen Gedanken: Wann bekommen wir wieder Redner wie Jellinek und Sänger wie Sulzer? Iwri. Trsmmgs- und Grabreden. Von Dr. I. Norden in Mhslowitz^ Geehrter Herr Redakteur!' ie Briefe Ihres österreichischen Korrespondenten Iwri lese ich stets mit regem Interesse; fesseln sie doch durch die Flüssigkeit des Stils und durch die unerbittliche Schärfe, mit welcher sie an 'den Schäden unserer Zeit Kritik üben. Den Inhalt des letzten Briefes hingegen kann ich beim besten Willen nicht unterschreiben; ich glaube im Gegenteil, daß er aus Rabbinerkreisen nicht unwidersprochen bleiben darf; denn in dem Briefe wird den „Vertretern des Judentums" *) nichts weniger vorgeworfen, als daß sie leeren Formen das Wort reden und unsere alten Bräuche durch unjüdische Institutionen verdrängen. A Herr [wri spricht nämlich von jüdischen Trauungen und Leichenbegängnissen und fordert bei ihnen mit vollem Rechte Ordnung und Würde; von „fremden Einrichtungen" bei diesen religiösen Funktionen will er dagegen nichts wissen, und als solche gelten ihm die Predigten bei den erwähnten Anlässen. Wenn nun aber die Predigt in der Synagoge eine echt jüdische Einrichtung ist — und seit dem Erscheinen von Zunzens „Gottesdienstlichen Vorträgen der Juden" dürste das wohl niemand mehr in Zweifel gezogen haben — so.möchte ich wirklich wissen, was an den sogenannten Kasualreden „fremd" und „unjüdisch" sein soll? Mir scheint überhaupt, als. werde mit dem Begriffe „Chukkas ha-Goi“ neuerdings wieder ein gewisser Unfug getrieben, und zwar nicht zum Nutzen einer gefunden Fortentwicklung unserer religiösen Institutionen. Herr Iwri fragt: „Muß von dem Prediger wirklich bei i) Durchaus nicht d en Vertretern des Rabbinerstandes, sondern nur manchen unter ihnen galten die Vorwürfe jenes Briefes. ' : , Die Red.