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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-17 · Heft 25 (17.6.1904) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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des Innern als Judenfeind hinzustellen. Herr von Plehwe wolle die Judensrage in Rußland lösen, er wolle die russischen Juden „aus ihrer Versumpfung" herausziehen und auf ein „besseres Kulturniveau" heben! Andererseits allerdings sei er, von einem hervorragenden Rechtsgesühl durchdrungen,, niemals für „jüdische Sonderinteressen" zu haben und trete „jüdischen Uebergriffen" mit der Energie entgegen, die ein antisemitisches Blatt, das dieses Interview mitteilt, allen Staatsleitern wünschen möchte. Wir fürchten, daß Herr Plehwe auch mit seinem Preßbureau wenig Glück haben wird. Ausschuß deZ Nadbinrroerbsndrs. s. Berlin, 7. Juni. eute hielt der Zentral-Ausschuß des Rabbiner-Verbands in Deutschland eine gut besuchte Sitzung im Beratungszinuner der jüdischen Gemeinde ab. Der Vorsitzende, Professor Maybaum, gedachte des Hinscheidens des Dr. Rahmer s. A. und berichtete dann über den Stand der schwebenden Angelegenheiten. Die meisten derselben haben Anlaß zu Referaten der gegenwärtigen Tagung gegeben (siehe unten); so auch die Bildung von Rabbiüatsbezirken; doch ist der Referent für diesen Gegenstand, Dr. Kopfstein-Beuthen, durch Krankheit am Erscheinen verhindert? An-sonstigen Angelegenheiten stellt der Bericht zur Erörterung eine noch nicht zu befriedigender Lösung geführte Verhandlung mit der Direktion des Meyer'schen Konversations-Lexikons wegen eines unrichtigen und verletzenden Artikels „Schächten", sodann einen von Dr. Freudenthal in Danzig 'gelieferten Bericht über die Pensions- und Reliktenkasse. Rach diesem ist ein dortiger Mathematiker zu weit ungünstigeren Resultaten gelangt, als sie auf Grund der Berechnung des Berliner Sachverständigen zu erwarten waren. Es wirk) beschlossen, eine erneute fachmännische Prüfung herbeizuführen und bis dahin weder die Prämien zu erhöhen, noch die Quoten zu vermindern, zumal diese statutenmäßig festgelegt seien. Aus dem gleichen Grunde wird eine Anregung d^s Dr. Horovitz betreffs Beitritts von Nichtmitgliedern des Verbandes zur Kasse zurückgestellt. Im einzelnen erinnert Dr. Löb-Emden, daß der Beschluß der Frankfurter Versammlung betreffs der Schomre- Schabbot-Vereine noch der Ausführung harre. Dr. Werner gibt zubedenken, daß die Kasse die großen Kosten für die Sitzungen des Zentralausschusses kaum mehr zu tragen imstande ist. Es sollen demnächst Vorschläge zur Abhilfe gemacht werden. Sodann beginnen die Referate. Als erster spricht Dr. Vögelst ein-Stettin über den Verband der deutschen Juden. Sind auch nicht alle Wünsche des Rabbiner-Verbandes realisiert worden, so darf dieser doch nicht zögern, seinen Anschluß auch formell zu volle ziehen und die Erklärungen seiner Vertreter auf der konstituierenden Versammlung der neuen Organisation gutzuheißen. Nach eingehender Erörterung wird beschlossen: „Der Rabbiner-Verband tritt dem Verbände der deutschen Juden bei. vorbehaltlich der Genehmigung der Generalversammlung (voraussichtlich 1905). — Es folgte ein Referat des Dr. Munk-Marburg über die Schächtfrage. Dieselbe ist in ein neues Stadium getreten; günstige Gutachten werden zurückgezogen, Kommunen verbieten in ihren Schlachthäusern das Schächten. Die preußische Regierung, insbesondere das zuständige Handelsministerium, will dasselbe aus Gründen der Gewissensfreiheit und der Billigkeit geschützt sehen. Das Oberverwaltungsgericht hat dagegen in einem bestimmten Falle (Angermünde) aus formal-juridischen Gründen entschieden, daß die Kommunen nicht angehalten werden könnten, in ihren Schlachthäusern des Schächten zuzulassen. Der Redner bringt das Urteil zur Verlesung, und hält nur eine gesetzliche Regelung, nicht die Errichtung eigener jüdischer Schlachthäuser durch die Synagogengemeinden für eine glückliche Lösung. In ritueller Hinsicht ist dem möglichst schmerzlosen Niederlegen der Tiere fortgesetzte Aufmerksamkeit zuzuwenden, und ein gewisser Ausgleich der Bedika mit der tierärztlichen Fleischbeschau herbeizuführen, um einer Minderbewertung der ersteren vorzubeugen. Nach lebhafter Debatte wird beschlossen: Die politische und administrative Seite der Angelegenheit soll im Verein mit dem Verbände der deutschen Juden in Angriff genommen, die rituelle (Abfassung eines veterinärkundlichen Anhangs für Schächter u. a.) zur nochmaligen Beratung einer Kommission — bestechend aus Eschelbacher, Gronemann, Munk, Rosenthal-Bres.läu und einem Mitglied des engeren Vorstandes — überwiesen werden. Mit Rücksicht auf das immer noch bestehende. Vorurteil, als ob das.Niederlegen der Tiere zum rituellen Schächten diesen unnötigen Schmerz verursache, betont - die Versammlung, daß die eingeführten Apparate kaum noch verbesserungsfähig sind, ihre allgemeine und sichere. Anwendung aber auch von den polizeilichen Aufsichtsbehörden überwacht werden müsse. Streng genommen, gehört das Niederlegen nicht zum rituellen Schächtakt; die Vermeidung jeden unnützen Schmerzes der Tiere ist aber nicht nur rabbinische Anordnung, sondern mosaisches Gesetz : Zäar baale ehajim. Das letzte Referat: „Sühneversuch bei jüdischen Ehescheidungen durch das zuständige Rabbinat" muß der Referent Dr? Eschelbach er wegen der vorgerückten Zeit erheblich einschränken. Er gibt Kenntnis hon einem Reskript des Justizministers vom 28 Mai d. I., wonach dieser die vom Ausschuß eingereichte Aufstellung der Rabbinatsbezirke durchaus genehmigt und einige wenige Ergänzungen eingefordert hat. Nur im Oberlandesbezirk Hamm wird die Zuweisung noch Schwierigkeiten machen, weil in der dazu gehörenden Provinz Westfalen nur drei Rabbinatssitze angegeben werden konnten. Dr. Horovitz, der den letzten Teil der Verhandlungen geleitet, faßt die wichtigsten Momente der Tagung in einem kurzen Ueberblick zusammen, und empfiehlt besonders die Pensions- und Reliktenkasse der Förderung. Darauf wird die Sitzung mit den üblichen Dankesworten an die Referenten, die Vorsitzenden und die Schriftführer um 5 Uhr geschlossen. Lriek aus Selterreich. Ende Mai. 211 an wird es sicherlich unserer Zeit zum Ruhme anrechnen, daß sie sich gern der Heimgegangenen Größen auf allen Gebieten des kulturellen Lebens erinnert und ihrer in Ehren gedenkt. Wir leben in einer Zeit der Jubiläen und Gedächtnisfeiern. Der manchmal sehr satyrisch beanlagte Talmud sagt auf irgend einem seiner Folien richtig: Das Gedenken der Toten gereicht ihnen, aber auch den Lebenden zu Ehren. Ich weiß nicht, ob ich richtig zitierte, den Sinn der Stelle glaube ich aber getroffen zu haben, wenn ich sage, ein. kleiner Strahl des Ruhmes, der den Verstorbenen gebührt, fällt auch immer auf die Lebenden. Veranstalter von Gedenkfeiern, Grabredner, Obmänner von Jubiläumskomitees und ändere derartige nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden verstehen, was der Talmud meint. Und so gehen wir denn mach dieser etwas philosophischen Einleitung auf unser Thema über. Wir wollen von den Sülzer-Gedenkfeiern sprechen. Am 30. März d. I. waren es 100 Jahre, daß Salomon Sulz er, der Kalir des modernen synagogalen Gesanges, in dem Städtchen Hohenems in Vorarlberg geboren wurde. 1825 kam er nach Wien und wirkte hier bis zu seinem Tode, wenn wir von den wenigen Jahren der Ruhe absehen, die ihm gegönnt waren, nachdem er in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts freiwillig in Pension gegangen war. Wir haben diesen Heros des synagogalen Gesanges zum ersten Male im Jahre 1873 gehört, und müssen sagen, es war ein Stimmgewaltiger, der wie kein anderer den Andächtigen zu erschüttern und zu erheben verstand. Der Versöhnungstag verging jedem Besucher des kleinen'Gotteshauses in der Seitenstettengasse zu Wien im Fl.uge, denn Adolf Jellinek predigte und Salomon Sulzer sang. Man wird wohl selten eine solche Vereinigung

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