Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i | nennen. Wer die Geschichte der Frauenbewegung sowie auch k die Verhandlungen des gegenwärtigen -Frauenkongresses arrfti> : merksam verfolgt, wird die Wahrheit dieses Ausspruchs k sicherlich erkennen. Und wer die Entwicklung der Frauen- * frage innerhalb des Judentums genau überschaut,' der wird 5 es auch begreifen, daß gerade die jüdischen Frauen für die i.... Gesamtheit der Probleme und Forderungen, die in der neuesten Zeit aus der Umgestaltung der Gesellschaft und ihrer Lebensformen sich in bezug auf die Stellung des weiblichen Geschlechts bei den modernen Völkern ergeben haben, ein besonderes Interesse an den Tag legen. Diese gesellschaftlichen, privatrechtlichen und wirtschaftlichen Probleme sind ja im Grunde dieselben wie in den früheren Zeiten, die öffentlich rechtlichen und politischen aber stehen außerhalb des Kreises unserer Betrachtung. In Amerika hat man auch einmal die Idee jüdischer Predigerinnen aufzunehmen versucht, und in anderen Ländern gab man den Frauen das Stimmrecht bei den Wahlen. Bekanntlich ist das Frauenstimmrecht die weitestgehende Forderung unter allen, die in der Bewegung hervortreten und in die diese bei folgerichtiger Entwicklung auch ausmünden muß. Es ist nicht abzusehenk welche Bedeutung es für unsere Verhältnisse hätte, wenn die Frauen als Wähler sich auch am jüdischen Gemeindeleben beteiligen würde; aber schlechter würden die Verhältnisse dadurch in keinem Falle werden, zumal da es sich ja auch im jüdischen Gemeindeleben vielfach um die Wahrung besonderer Fraueninteresfen handelt oder um allgemein menschliche, bei denen die Geschlechtsverschiedenheit gleichgültig ist. Daß durch die Frauenbewegung das alte überlieferte Familienid.eal zerstört werden könnte, ist bei uns niemals aufgekommen, denn als der heiligste Beruf der jüdischen Frau galt von jeher die Sorge um das Haus und für die Familie. Und daran hat auch die neue Zeit im wesentlichen nichts geändert. Wohl aber erscheint eine andere Sorge berechtigt, die in einer solchen Betrachtung zum Ausdruck kommen muß, und die, wie sich gezeigt hat, viele der Frauen, welche an der allgemeinen Bewegung teilnehmen, schon beschäftigt hat. Bekanntlich ist auch die Gründung eines deutsch-israelitischen Frauenbundes anläßlich des internationalen Kongresses beantragt worden, und es ist begründete Aussicht vorhanden, daß diese Idee sich realisieren wird. Auch die Aufgaben dieses Bundes sind bereits präzisiert worden, aber mit vollem Recht hat Frau Rabbiner Dr. Selig mann in der vorigen Nummer darauf hingewiesen, daß eine der vornehmsten Aufgaben dieses Bundes die Sorge für die Erhaltung des Judentums sein müßte. Hier ist ein wunder Punkt und hier müssen alle Hebel angesetzt werden, um gesunde Verhältnisse anzubahnen. Es genügt nicht, daß der künftige 'deutsch-israelitische Frauenbund sich darauf beschränkt, die Wohlfahrtspflege, die Fürsorge und Erwerbstätigkeit der Frauen in den Kreis seiner Aufgaben zu ziehen, sondern er muß dafür sorgen, daß das religiöse Gefühl im Hause wieder erstarke und belebt werde. Das ist unsere besondere Frauenfrage, und für diese werden alle eintreten, denen die Erhaltung, die Neubelebung und Kräftigung des Judentums am Herzen liegt. Wir glauben nicht, daß die Frauenbewegung eine nivellierende oder religionslose ist, und darum hoffen wir auch zuversichtlich, daß die jüdischen Frauen, welche inmitten dieser Bewegung stehen und an dieser teilnehmen, sicher auch zu der Erkenntnis gelangen werden, welche Bedeutung die Religion im Hause habe und welche große Aufgabe gerade den Frauen in dem religiösen Erziehungswerk zufalle. Je mehr diese Erkenntnis auch bei den jüdischen Frauen sich Bahn bricht, desto mehr können wir auf eine Heilung der Schäden hoffen, die das Judentum bedrohen. 290 - Dir Woche. Berlin, 14. Juni, on Zeit zu Zeit taucht unser alter Gönner, der Hosprediger a. D. Herr Adolf. Stöcker, aus .der politischen Versenkung wieder auf, um etwas Judenhetze zu treiben. Erst jetzt wird bekannt, wie weit diese Hetze bei der letzten Reichstagsnachwahl in Straßburg-Land getrieben wurde. Daß sie absolut mißglückt und daß Herr Stöcker persönlich dabei schlecht abgeschnitten hat, war ja schon früher bekannt geworden. Es ist aber doch interessant, das Nähere über die Rolle zu hören, die der christlich-soziale Agitator und sein Leiborgan da gespielt haben. Das Verhalten beider hat gerade bei ihren Freunden und Parteigenossen, den streng positiv gerichteten Protestanten, bedingungslose Verurteilung gefunden. Die Folgen sind auch nicht ausgeblieben. Das Motiv für Herrn Stöcker bei seinem Eingreifen in den Wahlkampf war übrigens einzig und allein die Befriedigung einer bei dem Prediger christlicher Nächstenliebe doppelt unangebrachten Gehässigkeit, weil der Abgeordnete Blnmenthal im Reichstag ihn einmal etwas unsanft angefaßt hatte. Das „Volk" hat übrigens die Bekämpfung des demokratischen Kandidaten mit den Waffen des Antisemitismus bis zum letzten Augenblick aufrecht erhalten, indem es Blumenthal fortgesetzt, als „getauften Juden"! bezeichnete. Von der „Straßburger Zeitung" auf die Unrichtigkeit dieser Annahme aufmerksam gemacht, brachte das „Volk" die folgende, für die christlich-soziale Kampfesweise recht charakteristische „Berichtigung": „Aus dem Namen Daniel Blnmenthal schlossen wir, daß der Straßburger Reichstagskandidat ein getaufter Jude sei, da er sich als evangelisch bezeichnete. Das war nicht richtig. Herr Blumenthal hat sich um die evangelische Kirche so verdient gemacht, daß er ihr schon von frühester Jugend an . angehört, es hat also wohl schon einer seiner Vorfahren den Uebertritt vollzogen, nicht erst er selbst." Bemerkenswert ist hier zunächst die Art, wie ein frommchristliches Blatt die Taufe behandelt. Im übrigen bemerkt mit Recht die „Straßburger Zeitung", deren Herausgeber und Chefredakteur ein früherer Amtsbruder des Herrn Stöcker ist: „Das „Volk" hat sich also gegenüber dern Herrn Blumenthal nur einen „verzeihlichen Irrtum" zu schulden kommen lassen. Mit der Naivität, die wir auch bei Stöcker bewundert haben, hält dies Blatt es mit christlicher Gewissenhaftigkeit — und die muß man doch von einem christlich sich nennenden Blatt verlangen — für vereinbar, tendenziöse Behauptungen auf willkürliche Schlüsse aufzubauen, statt sich vorher genau über den Tatbestand zu informieren. Wenn eine „christlich-sozial" sich nennende Partei mit dem gemeinsten Antisemitismus durch dick und dünn geht, dann erheben wir Protest und halten die schärfsten Worte nicht für scharf genug, um dieses unchristliche Gebaren nach Gebühr zu kennzeichnen!" 4p Die dritte Lesung der Fremdenbill, welche am 8. d. M. im englischen Unterhause stattfand, hat gezeigt, daß die Opposition gegen das Gesetz bis weit in die Reihen der Regierungspartei sich erstreckt. Mr. Akers-Douglas stellte den Antrag, die endgiltige Beratung der Bill der großen allgemeinen parlamentarischen Gefetzkommission zu übertragen. Der sonderbare Antrag stieß jedoch auf hartnäckigen Widerspruch der Opposition. Nicht weniger als achtzehn Redner erhoben sich nach einander, um den Vorschlag des^Ministers des Innern zu bekämpfen. Mr. Travelhan erblickte in dem Antrag der Regierung einen Versuch, die Diskussion^über das Gesetz zu strangulieren. Die Fremdenbill habe mit der Gesetzkommission ebensowenig zu tun, wie etwa das Gesetz über