Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 25. Berlin, 17. Juni 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. rreöakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von rrabbine» Ludwig Philippsou. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und' Lxs-edilion sind an die' Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Ierusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Die Frauenkrsge. Berlin, 14. Juni, iese Woche gehört den Frauen. Aus allen Teilen der Welt haben sie sich hier versammelt, um über ihre Fragen, ihre Sorgen und Hoffnungen gemeinsamen Gedankenaustausch zu Pflegen. Das Interesse, welches der Frauenbewegung an sich schon zugewendet wird, ist dadurch noch wesentlich gesteigert, und man wird es daher begreiflich finden, daß wir, wie wir dies seit jeher getan haben, auch in diesem Falle den Standpunkt des Judentums solchen Fragen gegenüber zu beleuchten versuchen. Als Friedrich Delitzsch mit seinem ersten Vortrag über Babel -und Bibel auftrat, versuchte er auch einen Angriff aus die Stellung der Frau im biblischen Altertum, der aber voll- ' ständig mißglüHe. und nichtß^lsseine mangelhafte Kenntnis der einschlägigen Materie gründlich erwiesen hat. Bei keinem Volke des Altertums nahm die Frau eine solche Stellung ein wie bei den Israeliten. Die Meinungen darüber sind ja vielfach geteilt gewesen. Während die einen behaupten, daß die Frau keine andere Stellung gehabt habe als bei den Völkern im Orient überhaupt, verfielen die anderen in den entgegengesetzten Fehler, die Frau der Bibel „nach dem Zuschnitt der Frauenemanzipations-Jdeen der neuen Zeit" darzustellen. Beides ist falsch. Aber schon die Tatsache, daß der hebräische Name für Weib •--= ischah nach seiner dreifachen Bedeutung Männin, Herrin und Frau bezeichnet, spricht für die Stellung des Weibes im alten Israel. Mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß in dem Ausspruch, der an Abraham ergeht: „Bei allem, was Dir Sara sagt, höre auf ihre Stimme" die Würdigung der Frau am schönsten charakterisiert ist; sowohl in der Häuslichkeit wie im öffentlichen Leben spielte die Frau eine hervorragende Rolle. Richterinnen, Predigerinnen und Sängerinnen bewährten sich als klug und heldenmütig, voll Vaterlandsliebe, Entschlossenheit und Aufopferung. Da es an Männern fehlt, tritt Deborah auf und entflammt durch ihren Mut das ganze Volk zum Kampf. Das Gesetz begründet und fordert diese angesehene Stellung des Weibes, und das freimütige Auftreten der Töchter des Zelaphchad für ihr gutes Recht wird gelobt und in Schutz genommen. Das spätere Schrifttum verherrlicht die Stellung der Frau im Buche Ruth, in den Sprüchen Salomonis und auch im Hohenliede in einer Weise, wie sie das Schrifttum der anderen Völker des Altertums nicht gekannt hat. In der talmudischen Zeit ist die Stellung der Frau keine andere und keine schlechtere. Im Gegenteil. Man kann aus den bezüglichen Stellen des Talmud und in ihrem Zusammenhänge die hohe Würdigung entnehmen, die die Rabbinen der Frau zuteil werden ließen. Jetzt waren es nicht mehr die Heldinnen, sondern die gelehrten Frauen, denen besondere Achtung gezollt wurde. Die wichtigste Aufgabe, die Erziehung der Kinder zu überwachen, schien natürlich den Männern des Talmud als die bedeutendste im Leben der Frau, und 1800 Jahre vor Schiller hat schon ein Rabbi des Talmud gepredigt: „Ehret die Frauen, sie bringen Euch Segen." Auch im Mittelalter war das Verhältnis kein anderes. Die Frauen bewährten sich wie früher im häuslichen und im öffentlichen Leben, und die Zahl derer, die als Märtyrerinnen für ihren Glauben oft in den qualvollen Tod gegangen sind, ist wahrlich nicht gering. Obwohl die Frauen von gewissen religiösen Funktionen aus natürlichen Gründen befreit waren, besuchten sie doch stets das Gotteshaus und manche versah bei ihren Glaubensschwestern das AM^einer Vorsängerin. Die .Pforten-8er-Lehrhäuser standen ihnen offen, und^wie gering auch der Wert war, welcher auf den Unterricht und die Ausbildung im allgemeinen gelegt wurde, so scheuten sich doch wißbegierige Frauen nicht, unter den Jüngern des Lehrhauses Platz zu nehmen, um dem Vortrag des Meisters zu lauschen. So nahm die jüdische Frau an allen öffentlichen Ereignissen, an Volksversammlungen, an dem allgemeinen Wohl und Wehe des Judentums lebhaften Anteil. Im späteren Mittelalter und in der neuen Zeit gestaltete sich im Ghetto auch die soziale Frage der Erwerbstätigkeil der Frau nach der Lage der damaligen Verhältnisse in einer Weise, die im Grunde genommen allen modernen Anforderungen entspricht. Die Frau war im Erwerbsleben genau so, ja oft noch tätiger als der Mann. Nicht selten leitete sie allein das Geschäft, während der Mann nur dem „Lernen" sich widmete. Im Osten ist dieses Verhältnis auch heute noch sehr häufig anzufinden. Als die neue Zeit heraufdämmerte, waren die jüdischen Frauen die ersten, welche ihre Forderungen verstanden. In Berlin und in Wien haben sie in der Gesellschaft und in der Literatur zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eine maßgebende Rolle gespielt, und ebenso war die jüdische Frau, als die Frauenfrage züerst aufs Tapet kam, mit großer Begeisterung und Entschiedenheit für diese eingetreten. Es muß uns zur Genugtuung gereichen, daß in dem Troß der Vorkämpferinnen einer Emanzipation des Fleisches säst gar keine Jüdinnen zu finden sind, daß dagegen unter den Frauen, die die Bestrebungen für Erwerbssähigkeit des weiblichen Geschlechts, das heißt den Frauen alle die Zweige der Lebenstätigkeit zu eröffnen, die ihnen bloß Vorurteil und Unverstand bisher verschlossen, gerade jüdische Frauen an der Spitze stehen. Wir brauchen keine Namen zu