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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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68. Jahrgang. No 24 (SkNlklEkÜÜtk. Veilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums Korrespondenten und Mgchrichtrn. Deutschrand. ■/V» Berlin, 5. Juni. Am 29. v. M. tagte hier im Sitzungssaal der Armenkommission der jüdischen Gemeinde eine.Konferenz, welche sich mit der Frage der Rückwanderer, die Deutschland passieren, beschäftigte. An der Konferenz nahmen teil Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde, ebenso Herren, welche die Gemeinde in Breslau, Köln, Königsberg, Posen, Kattowitz und Hamburg vertraten, als Delegierter des Israelitischen Unterstützungsvereins für Obdachlose in Hamburg Herr Laskar-Hamburg und Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden der Alliance israelite universelle. Herr Julius Cohn begrüßte die Erschienenen namens der Berliner Armenkommission und schlug die Wahl des Herrn Theodor Oschinsky aus Breslau zum Vorsitzenden vor. Der Vorschlag fand allgemeine Billigung und Herr Oschinsky Übernahm den Vorsitz. Herr Laskar wies auf die durch das Reskript des Ministers des Innern geschaffenen äußerst schwierigen Lage speziell an der holländischen Grenze hin, wo die preußische Negierung den Rückwanderern den Eintritt verwehrt, falls diese nicht im Besitz größerer Geldmittel sind, lim dieser Schwierigkeit zu begegnen, empfahl Herr Laskar zweierlei: 1. Eine Organisation derjenigen größeren Gemeinden, welche auf dem Wege von der holländischen Grenze nach Berlin liegen, damit dieselben die mittellosen Rückwanderer, die ihnen von der Grenze aus, respektiv von Rotterdam aus zugeschickt werden, entsprechend weiter befördern, bis dieselben in Berlin und in den Bereich der schon vorhandenen Organisation, die ihre Repatriierung vornimmt, gelangen. Um die seitens der Regierung gemachten Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, empfahl Herr Laskar eine Audienz beim Minister des Innern nachzusuchen und von demselben die Anerkennung der bereits bestehenden Repatriierung der jüdischen Rückwanderer zu verlangen. Außerdem richtete Redner einen warmen Appell an die Anwesenden, durch Heranziehung derjenigen Gemeinden, die sich bisher von diesem Hilsswerk fern gehalten hätten, die Mittel der Organisation, die leider außerordentlich gering sind, zu stärken. Der Vorsitzende verlas einen Brief des Vereins „Montefiore" in Rotterdam, in dem derselbe zunächst bedauert, zu der Konferenz keinen Delegierten entsenden zu können, und dann mitteilt, daß im vorigen Jahre über 500 mittellose jüdische Rückwanderer in Rotterdam gelandet sind, welche auf Kosten des Vereins nach Köln weiter befördert wurden, daß aber jetzt die Gefahr vorläge, daß diese Weiterbeförderung durch die Polizeimaßregeln der preußischen Negierung unmöglich würde. Herr Feilchenseld-Köln und Herr Dr. Nathan-Berlin weisen darauf hin, daß für alle diese Rückwanderer, ob sie nun aus England oder den Vereinigten Staaten von Nordamerika kommen, der Weg über Rotterdam und die darauf folgende große Landreise in jedem Fall einen bedeutenden Umweg vorstelle. Dabei gewinne nur der preußische Eisenbahnstskus, während die Wohltätigkeitsanstalten der Gemeinden die unnütz vermehrten - Lasten zu tragen haben. Es müsse darauf hingewirkt werden, daß die Rückwanderung auf dem geographisch nächsten Wege zu geschehen habe und besonders empfehle sich die Route über. Hamburg. Herr Dr. Nathan hob noch hervor, daß es auch im Interesse aller beteiligten Faktoren liegt, die Rückwanderung möglichst zu konzentrieren, um mit einem geschulten Personal an die Prüfung der einzelnen Fülle heranzutreten. Ein nicht unerheblicher Bruchteil der Rückwanderer besteht aus Elementen, deren Beruf der Wanderbettel fei und deren Unterstützung mit aller Energie abgewiesen werden müsse. Eine derartige Prüfung sei wohl in einem oder zwei Häfen möglich, aber ganz unmöglich, wenn die Leute über eine weitausgedehnte Landesgrenze an vielen Stellen vereinzelt herüberkämen. Herr Laskar führte demgegenüber aus, daß es sich bei den Rückwanderern in ihrer großen Mehrzahl um ganz bedauernswerte Elemente handle. Die Leute sind mit ihren eigenen Mitteln, nachdem sie das letzte, was sie besaßen, verkauft haben, nach England oder Amerika gereist und haben versucht, sich dort eine neue Existenz zu schaffen. Dabei sind sie gescheitert, und das Elend, das sie durchzumachen hatten, war so groß, daß ihnen das Elend, das sie in ihrer Heimat Rußland oder Galizien verlassen hatten, noch erträglicher erschien. Teils als Arbeiter auf den Schiffen, teils mit Hilfe irgend welcher Unterstützungen arbeiten sich diese Elemente bis zu den Hafenstädten durch. Dann aber sind ihre Mittel vollkommen zu Ende, und wenn man sich ihrer nicht annimmt, müssen sie als Wanderbettler das Land überschwemmen. Dadurch wird nur die Abneigung gegen die Juden gestärkt und anderseits eine erhebliche Summe Geldes, die den Leuten tropfenweise zufließt, verschwendet. Darum bildet die seit zwei Jahren ausgezeichnet funktionierende Organisation für die Repatriierung dieser Rückwanderer, eine außerordentlich segensreiche Institution, die leider noch nicht genug bekannt ist, und infolgedessen von Gemeinden und Privaten nicht genügend berücksichtigt wird. Herr Feilchenfeld aus Köln empfiehlt, mit den englischen, holländischen resp. amerikanischen Komitees in Verbindung zu treten, damit dieselben diejenigen Rückwanderer, die sie unterstützen, ausschließlich nach Hamburg dirigieren: andererseits verspricht er, dahin zu wirken, daß sowohl die Kölner Gemeinde, die er vertritt, wie die benachbarten Armenverbände in Westfalen und Hannover der Organisation namhafte Beiträge zur Verfügung stellen, die dann eventuell dazu verwendet werden können, die Mehrkosten, welche in Hamburg durch den erhöhten Rückwandererstrom entstehen würden, zu decken. Herr Laskar betont, daß der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg sowie die Hamburger Gemeinde bereits 38 000 Mark jährlich für diese Zwecke ausbringen und damit an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind. Würde eine weitere Vermehrung der Rückwanderer eintreten — insbesondere dadurch, daß die Route über Rotterdam aufgegeben wird — so müßten in der Tat die auswärtigen Gemeinden die Hamburger unterstützen. Nach längerer Diskussion werden zwei Anträge des Herrn Feilchenfeld-Köln angenommen. Der erste geht dahin, eventuell unter Zuziehung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes noch einmal bei allen größeren Gemeinden, die die neue Organisation nicht finanziell unterstützen, um eine solche Beihilfe vorstellig zu werden. — Der zweite Antrag wünscht, daß sich der Vorstand mit den Komitees in London und Rotterdam in Verbindung setzt, um zu erreichen, daß die durch die Wohltätigkeitsinstitutionen in diesen Städten expedierten Rückwanderer sämtlich über Hamburg geleitet werden. Alsdann bringt Herr Oschinsky den Antrag der. Synagogengemeinde Breslau zur Sprache, daß als Vorort der genannten Rückwandererorganisation an Stelle von Breslau Berlin gewählt werden soll. Die Mehrzahl der Anwesenden spricht sich indessen gegen diesen Antrag aus, weil die Geschäfte zurzeit in Breslau ganz vorzüglich geleitet würden und man infolgedessen keine Veränderung wünschen könne. Die weitere Beratung des Breslauer Antrages wird schließlich bis zur nächsten Sitzung vertagt. Auf Vorschlag von Herrn Laskar werden die Gemeinden in Köln und Königsberg aufgefordert, je einen Delegierten in den Vorstand zu entsenden. Herr Grodzenski-Königsberg dankt als geborener russischer Jude den Versammelten für ihr warmes Interesse für seine früheren Landsleute. Nach Besprechung einiger Einzelsälle schließt Herr Oschinsky die Sitzung mit einigen Dankesworten an die Erschienenen. /V Berlin, 7. Juni. Der dritte Jahresbericht über die Tätigkeit des Kuratoriums der Pensions-, Witwen- und Waisenkasse des „Verbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche" für 1903 ist erschienen. Auch das dritte Geschäftsjahr hat wie die vorhergehenden eine weitere Entwicklung der Kasse gebracht. Von denjenigen, die sich um Ausnahme in die Kasse beworben haben, mußten drei Bewerber abgewiesen werden, der eine, weil er eine pensionsberechtigte Stellung inne hat, die beiden anderen, weil sie die in den Satzungen festgesetzte Altersgrenze überschritten hatten.

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