Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-‘ 288 - ‘ ‘ ' m brennend fiel die Sonne nieder, — sie achtete es nicht. Was wird er sagen? Auf Miramonti angelangt, stellte sie vorerst zu ihrer Befriedigung fest, daß das Etablissement völlig unbesucht war. Langsam schritt sie wieder den Abhang hinunter und bemerkte nun in einiger Entfernung einen Reiter in gestrecktem Galopp daherjagen. Ihre Pulse flogen. Mit dem roten Sonnenschirm gab sie ihm die Richtung an, die er nehmen sollte. Und nun parierte er das Roß und sprang ab. „Das können Sie mir antun?" rief er, noch atemlos vom schnellen Ritte. Er war staubbedeckt und tupfte mit dem Tuche über die perlende Stirn. „Melitta! sagen Sie nur, daß das nicht wahr ist, was Sie mir geschrieben haben." „Es ist wahr! Mein Gott, machen Sie mir das Unabänderliche nicht noch schwerer. Es muß sein und ich komme nur, um Abschied zu nehmen." An der einen Seite führte er das Pferd am Zügel, das vom scharfen Trabe in den Flanken zitterte, und die andere Hand legte er um ihre Taille. Fast heiser stieß er zwischen den Zähnen hervor: '„Ich kann Dich nicht lassen! —" Langsam schritten sie zwischen Kornähren hin, die schon hoch in die Halme geschossen waren. Das Pferd wieherte und rieb zärtlich den Kopf an Grittanos Schulter. Er hing an dem Tiere, aber heute beachtete er das Herausfordern einer Liebkosung nicht. „Mädchen — bleibe!" — Seine Stimme klang gepreßt. „Verlange von mir, was Du willst, — es wäre mir kein Opfer zu groß. Ach! ich könnte mich von meiner Fanrilie lossagen, — könnte meinen Abschied nehmen, — alles — alles täte ich für Dich, — aber verlaß' mich nicht!" „Heute — in dem augenblicklichen Taumel wäre Ihnen gewiß kein Opfer zu groß. - Aber später? Denken Sie an Ihren Onkel — an die Verhältnisse, in die Sie nun mal hineingewachsen sind! Eines von uns beiden müßte mit der Vergangenheit, — rnit der Fanrilie und allem, das bisher dem Leben Bedeutung verliehen, vollkomnren brechen; und wer kann von vornherein mit Bestinuntheit sagen, daß er Kraft und Mut genug in sich hat, als reifer Mensch ein vollkomnren neues Leben anzufangen?" „Ich könnte es!" rief er voll Wärme. — „Bleibe, — werde mein!" — Diese Herzenstöne trafen ihr Innerstes und doch schüttelte sie abwehrend das Harrpt. „Lassen Sie mich, das schwache Weib, in diesem Kaurpfe die stärkere sein. Es wird eine Zeit.kommen, in der Sie es nrir danken. Und wenn Sie die höchste Staffel des. Ruhmes und der Ehre erklommen haben, dann denken Sie gewiß meiner wieder ohne Groll!" - Sie reichte ihm die Hand, während heiße Tropfen ihren Augen entperlten. Aber sie schämte sich dieser Tränen nicht. Groß und liebevoll hatte sie die Blicke zu ihm aufgeschlagen; mochte er es wissen, daß ein Stück ihres Herzens hier blieb. Und auch seine Augen umflorten sich und hefteten sich fest in die ihren: „Muß es denn sein?!" Er wollte sie an sich ziehen, doch sie riß sich los: „Es muß! —" Noch ein letzter Händedruck, — ein kurzes Aufschluchzen, — und ehe er recht zmn Bewußtsein kam, enteilte ihre schlanke Gestalt, ohne sich noch einmal nmzuweuden. Wie gebannt folgten ihr seine brennenden Blicke. Er hatte in diesen Minuten das Empfinden, als ginge sein ganzes Glück von ihm, und er bliebe allein und verlassen auf der Welt zurück. Trotz der so schnell inszenierten Abreise hatte sich doch auf dem Bahnhof ein großer Teil der Bekannten eingefunden, um den Frauk'schen Damen den obligaten Abschiedsstrauß zu überreichen. Baron von Tertzky traf einige der ihm befreundeten Offiziere, nicht ohne von der Abreise berichtet zu haben, und diese sowohl als die Gräfinnen hatten es sich nicht nehmen lassen, den Damen das Geleit an den Bahnhof zu geben. „Adieu, liebste Melitta," flüsterte Ellen bewegt, die Freundin umarmend, „schreiben S' nur, wie Sie gereist sind!" Da standen nun die Getreuen auf den: Perron und wechselten, zum geöffneten Coupefenster hinauf, mit den Damen die üblichen Abschiedsworte. Aber zwischendurch blickten sie immer erwartungsvoll nach der Tür des Wartesaales und wechselten untereinander verständnisvolle Blicke. — Kam er noch nicht? Wenn er sich nun nicht beeilte, ging ihm der Zug vor der Nase ab und er hatte rnit seinem Niesenbukett das Nachsehen; denn mit einem solchen würde er doch gewiß antreten, nachdem er der Melitta ganz auffallend die Cour gemacht hatte. Oder ob er überhaupt von ihrer Abreise nichts wußte? Das würde er sich jedenfalls nie verzeihen, um den Abschied gekommen zu sein. Er würde Augen machen, der gute Hauptmann, wenn man ihm erzählte: „Ihre Melitta ist ja abgedampft." Ha ha! Na, — daß sie nicht den Anschluß verpaßt hatten, war jedenfalls eine kleine Revanche dafür, daß der Hauptmann sie bei dem hübschen Mädel so ohne weiteres arrsgestochen hatte. Eine Figur hatte die — und ein paar Augen — Donnerwetter! Mit geringen Variationen waren dies die Gedanken der Vertreter der Egerer Garnison, als sie, zum Coupefenster hinaufblickend, respektvolle Worte drechselteil. Melitta war auffallend bleich und ernst. Fast widerwillig antwortete sie den einzelnen aus direkte Anrede. „Die Kur scheint ihr nicht' besonders bekominen zu sein," flüsterte, mit verhaltenem Lachen, ein Oberleutnant seinem Kameraden zu. „Welche," erwiderte.jener, „die mit „u" oder mit „ou"?" „Wohl beide!" Die Herren hatten Mühe, nach außen Haltung zu bewahren, so glänzend fanden sie ihren Witz. Das Abfahrtssignal wurde gegeben. Wieder blickten sie nach der Wartehalle. „Er scheint lucht mehr zu kommen!" meinte einer. „Wer denn?" fragte die Gräfin. „Härrptmann Grittano," scholl es mehrstimmig zurück. „Grüßen Sie ihn!" rief Melitta, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte. „Adieu — glückliche Reise — adieu — adieu —." Ein Tücherschwenken auf beiden Seiten, dann eine Kurve, — die Komödie war zu Ende. Lallt aufweinend sank Melitta in die Kissen. — — — SpreHsaal. Sehr geehrte Redaktion! Tk^er Druckfehlerteufel hat in meinem Aussatz: „Lehrlingserziehung und Lehrlingsheime" arge Verwüstungen angerichtet. Soweit sic granunatischer Natur sind oder in Satzverrenkungen bestehen, seien sie ihm großmütig verziehen. Wenn sich aber dieser Satan in diabolischer Lust selbst an der geheiligten Majestät der Logik vergreift und den Fallgesetzen zum Trotz aus körper losen Bewohnern der Sphären einfach körperliche macht, so darf er sich nicht wundern, wenn er hiervor aller Welt schonungslos an den Pranger gestellt wird. Berlin, den 30. Mai 1904. Bernhard Traubenberg. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.