Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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trug sie bei der ersten Neunion — das Promenadenkostüm nannte er „fesch", — hier die italienische Grammatik hatte er ihr geschenkt und einen feurigen Widmungsvers in seiner Muttersprache hineingeschrieben, — da in ihr Stammbuch, das den „Stamm" ihrer Freunde vereinte, hatte er ein Akrostichon auf „Melitta" gedichtet und eine feinstilisierte Randzeichnung darum ausgeführt. Jetzt legte sie ein anderes Buch hinein, da entfielen ihm beschriebene Rosenblätter: „ich liebe Dich" stand aus dem einen. Es war noch keine Woche vergangen, daß er ihr den Marechal-Niel-Rosenstrauß zur Morgenkur gebracht hatte. Sie freute sich darüber, ohne zu ahnen, welch' Bekenntnis einem versteckten Rosenblatte anvertraut war, bis er schließlich kleinlaut eingestand, daß er gewagt, „durch die Blume" zu ihr zu sprechen. Da fand sie denn die zierlich eingravierten Worte. Nun nahm sie den Ballfächer zur Hand, den er zu ihrem Platze zurückgetragen hatte und als Quadrillenkommandeur die Musik so lange pausieren ließ, um sie öffentlich auszuzeichnen. Immer wieder er — und er. - Und jetzt sollte sie ihn nur noch ein allerletztes Mal im Leben sehen! Kannte sie ihn denn nicht schon immer? Er erfüllte sie so ganz, als hätte sie niemals ein Leben ohne ihn geführt; — er war in kaum drei Wochen — ein Stück von ihren: Selbst geworden. Zärtlich umarmte die Rätin ihr Kind: „Du wirst sehen, mein Lieb, es geht vorüber!" Ein tiefer Seufzer: „Niemals, Mutti!" Der Koffer war fertig gepackt. Im Garten nahmen sie um 10 Uhr einen Imbiß, und die Gräfin mit Tochter, die jetzt von der so plötzlichen Abreise hörten, konnten das gar nicht fassen.- „Doch hoffentlich keine schlechte Nachricht von Hause?" fragte Gräfin Redwitz mit einem Blick auf Melittas von: Weinen gerötete Augen. Diese schüttelte stumm verneinend das Haupt. Sie fürchtete, daß ihr beim Sprechen die Stimme versagen könne. Ellen begriff bald alles. „Gelt, Schatzerl', der Grittano ist schuld?" flüsterte sie der Freundin zu, Arm in Arm mit ihr den Garten durchquerend. Und als jene nicht widersprach, gestand sie, daß sie sich damals, als er in Prag stand, sehr für ihn interessierte habe, „doch er hat mich fast niemals ang'schaut", fügte sie mit komischem Seufzer hinzu. „Und der Baron?" fragte Melitta mit einem mißglückten Versuch, einen scherzhaften Ton anzuschlagen. „Aber gehen S', — der ist doch gar zu fad'! — Ist es denn wirklich wahr, — fest und wahrhaftig wahr, daß Sie schon abreisen? Ich mag's gar net glauben! Läßt sich die G'schichte denn nicht wieder einrenken?" Ellen neigte das blonde Defreggerköpfchen auf die Seite und zwinkerte schelmisch mit den Augenlidern. Einrenken! Wie weit ab doch ihre Annahme von der Wirklichkeit war. Das Komteßchen konnte sichs gewiß nicht vorstellen, daß der Grund für diese Trennung kein Wortwechsel oder derartiges, sondern ein nur zu gutes Einvernehmen sei. — Sie zog die Uhr; schon Vall. Wie komme ich los? dachte Melitta. Da kam ihr ein rettender Gedanke. „Mutti, wir haben ja an die Brunnenmädchen noch keine Trinkgelder gegeben." „Ah richtig! das hätte ich beinah vergessen. Littachen, das mußt Du noch schnell besorgen." Binnen zwei Minuten war diese auf und davon, noch bevor Ellen womöglich Vorschlägen konnte, sie zu begleiten. „Das letzte Mal!" murmelte sie vor sich hin — und „das letzte Mal" hallte es in ihrem Innern wieder, während sie wie gejagt durch die Anlagen hastete und vorerst .an dem Brunnen ihre Mission erfüllte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen: was wird er sagen? Wie wird er das Unerwartete aufnehmen? — Ach! — da kam Baron von Tertz'kh. Mit ausgesuchter Eleganz verneigte er sich vor ihr und reichte, wie immer, die Hand in der ihr widerwärtigen, gigerlmäßigen Art von oben. „Wie ist, wenn ich mir die Frage jestatten darß den Damen der jestrige Ausflug bekommen?" Dabei schloß er sich ihr, wie selbstverständlich an. Verwünscht, — wie war der jetzt loszuwerden? „Nicht zum besten." „In der Tat sehr bedauerlich! Die Jnädige sehen auch heute merkwürdig abjespannt aus. Schlecht jeschlafen?" „Gar. nicht." „O! — Nun, Sie bleiben ja noch einige Wochen hier, da werden Sie sich schon wieder erholen! Ist vielleicht, -- wenn ich mir sozusagen die Frage jestatten darf, — das Herz in Mitleidenschaft jezogen?" Mit einem impertinenten Lächeln sah er sie fragend an. Sie erwiderte kurz: „So viel ich weiß, sind meine Organe, und somit auch das Herz gesund. — Im übrigen: wir reisen schon heute nach Hause." „Aber weshalb denn? — Das ist ja unjlaublich! Nein, — das tut mir riesig leid!" Wie schüttle ich ihn nur ab? grübelte sie. „Wir waren doch so jute Freunde jeworden," sichr er eifrig fort. — Sie sah ihn erstaunt an, mit einem Blicke, woriü jeder andere gelesen hätte: — So? davon ist mir nichts bekannt. „Denn sehen Sie, jnädiges Fräulein, — Sie haben da meine vorjefaßte Meinung sozusagen erschüttert. Sie wiffen, ich war Antisemit." Er warf sich voll Ueberzeugung in die Brust, — „aber jetzt bin ich es nur noch bedingungsweise." Sie ließ ihn schwatzen; beschäftigte sie doch jetzt etwas anderes weit mehr als das Verlangen, sein Glaubensbekenntnis entgegenzunehmen. „Ich habe erfahren, daß es Ausnahmen jibt — und ich werde mir mal jetzt die Juden, — und — äh" — er klemmte sein Monoele fester ins Auge, -- „auch die Jüdinnen etwas jenauer ansehen." „Sehr schmeichelhaft." Sie verzog keine Miene. „Denn die Jüdinnen haben unbedingt Temperament --- und auch hier sind einige ganz famose Mädel;—Rasse sage ich Ihnen! — Apropos! Wann reisen Sie?" „Mit dem Mittagzuge." Da. mußte er ja schleunigst Abschiedssträuße bestellen. Hoffentlich nahm sie es nicht übel, wenn er sie nicht weiter begleitete. „Wo wandern Sie denn da noch hin?" forschte - er, „in IV2 Stunde jetzt ja bereits der Zug ab." Sie sah, daß er stehen" blieb und atmete erleichtert auf. Es klang daher um vieles freundlicher, als sie erwiderte: „Ich suche nur noch ein letztes Mal meinen Lieblingsort auf." Er lüftete den Hut und applizierte den' üblichen Händedruck von oben herab: „Also dann auf Wiedersehen am Bahnhöfe." „Auf Wiedersehen, Herr Baron." Wie spät? In 10 Minuten 11 Uhr. Sie jagte vorwärts. Immer einsamer wurde es um sie her. Bis hier heraus kamen die Kurgäste nur vereinzelt, und besonders vormittags, wo sie zu baden hatten, blieben sie mehr im Zentrum. Zwischen wogenden Hafer- und Kornfeldern eilte Melitta hindurch, —