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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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ISISI - 2g«, - Zeugnis, welches dem Menschen sein eigenes Gewissen ausstellt. Die Nachahmung Gottes ist das ewig zu erstrebende, nie zu erreichende Ziel der Pharisäer. Deshalb soll der Mensch stets im Bewußtsein seiner Verantwortung leben, um aus das Gericht im Jenseits vorbereitet zu sein. Aber auch über diesen letzten Punkt wird von ihnen keine öffentliche Diskussion zugelassen; die Endzeit besteht' vielmehr in dem Gedanken: „Gott ist einzig in der Welt, seine Herrschaft währt ewig."' So. erscheint uns das Bild der Pharisäer, wenn es uns von einem tüchtigen jüdischen Gelehrten auf Grund jüdischer Quellen vorgeführt wird, und zwar solcher Quellen, welche in ihrer Glaubwürdigkeit keiner einzigen Tradition der Evangelien auch nur im geringsten nachstehen. Herr Dr. Elbogen verdient unseren aufrichtigen Dank für seine fleißige und gediegene Arbeit, die sicher viele Vorurteile hinwegräumen und ein anderes Bild von den Pharisäern geben wird als das gegenwärtig existierende. ' S. 0. „Llsubr und Lirbk". Novelle von Clara Baumbach. V. ^^^as war das? Ihr Kind' beichtete ihr nicht? Das erste Mal im Leben! Was auch bisher Melittas Pfad gekreuzt hatte, — Leid und Freud', — all' die größeren und kleineren Eroberungen, — jedes noch so unbedeutende Erlebnis besprach sie mit ihr, der Mutter, — und diesmal tat sie es nicht. Und doch sah sie, daß ihr Kind litt! Das Erlebnis war nicht 31t klein, zu unbedeutend, um ihr des Mitteilens wert zu scheinen, sondern was schlimmer war, so groß, daß Litta die rechten Worte nicht fand. Oder — wollte sie sie nicht finden? War der Einfluß jenes Mannes schon so groß, daß er zwischen sie und ihr Kind trat, es ihr entfremdete, — es ihr raubte? „Gute Nacht, Mutti!" „Und — Littachen, — Du hast mir nichts zu sagen?" „Ich bin so müde," — entgegnete sie ausweichend — „und" fügte sie seufzend hinzu, „es war doch heute ein großer Tag!" „Ja — ein großer Tag," wiederholte die Justizrätin wehuultsvoll — „und hier Dein letzter Tag. —" „Mutter!" Mit einem Schrei fuhr Melitta auf, doch die Rätin setzte sich zu ihr und sagte, während ihr große Tränen über die Wangen liefen: „So geht es nicht weiter, mein armes Kind. -- Ich kann's nicht zugeben, daß dieses süße Gift seine verheerende Wirkung fortsetzt. Hier heißt es eben je eher, je besser aus den Augen!" „Ich kann nicht fort — 0 Gott, ich kann noch nicht", stöhnte Melitta, „nur noch kurze Zeit laß' mich hier." „Das verbietet mir sowohl mein Gefühl für Dich, — als auch meine Ehre." Und nun erzählte sie Melitta von der Begegnung am Nachmittag und der Aeußerung des einen: „War das nicht das Hauptmannsbräutchen?" „Nach alledem wirst und mußt Du einsehen, daß unseres Bleibens hier nicht länger sein kann und ich hoffe von meiner Tochter, daß sie mir recht geben wird." „Aber ich liebe ihn! Und wenn ich Dir tausendmal recht gäbe, so blutet doch dabei mein Herz." — „Was — will — er?" flüsterte die Rätin. „Daß wir uns heiraten, nachdem ich meinen Glauben gewechselt habe." . „Und — was sagtest Du ihm?" Zitternd, in banger Frage sah sie die Tochter an. „Daß — ich das niemals tun werde." Ein konvulsivisches Schluchzen erschütterte Melitta, — ein Weinen ohne Aufhören, — krampfhaft. Sie war mit ihrer Kraft zu Ende, ittib die überreizten Nerven gehorchten ihrem Willen nicht länger. Sanft tröstend strich ihr die Mutter um die Stirn. „Du wirst ihn vergessen! Es ist ein wahres Wort: Aus den Augen, aus dem Sinn." Melitta schüttelte nur abwehrend das Haupt. „Und wenn das nicht so bald gehen sollte," fuhr, die Rätin fort, „so wirst Du doch später sehen, daß ich recht hatte. Bedenke: anderer Glaube, — andere Verhältnisse, — ein anderes Land, — Du wärest hier wie ein entwurzelter Baum, der nur so lange frisch ist, als noch Saft und Kraft der Muttererde, der er entwachsen, ihn erfüllt. In neuen, fremden Boden verpflanzt, würdest Du welken, — nach kurzer Zeit. -~ Grittano ist Italiener; feurig, — ein Augenblicksmensch. Was geschieht, wenn der erste Rausch vorüber, — wenn er erwacht — in Dir die Jüdin sieht? Denn das würdest Du in seinen Augen und denen seiner Kameraden bleiben, — selbst Ivenn Du der Form nach aufgehört, es zu sein. Und ich frage Dich: - könntest Du von allem andern abgesehen —, aufhören — Jüdin zu sein? Könntest Du -dann noch von der Zukunft Segen erhoffen?" „Kann es für mich überharlpt noch eine Zukunft geben, ohne ihn?" -- schluchzte Melitta. - „Ja mein Kind, das kann es und das glaube ich, so wahr ich an Gott glaube! „Was — willst — Dir — von — mir?" „Daß wir morgen reisen." Schaudernd barg Melitta das Gesicht in den Kissen und die Rätin löschte das Licht. Sorgenvoll legte auch sie sich zur Ruhe nieder. Jetzt mußte das Kind allein mit sich fertig werden. Aber Schlaf fanden beide nicht. Melitta war zrr erregt und übermüdet und die Mutter allzu kummervoll. Aber beide wagten kaum zrr atnren, um das andere nicht aus verrneintlicheur Schlummer zu wecken. In fliegender Eile warf am Morgen Melitta einige Zeilen an Grittano aufs Papier: „Wir reisen heute. Wollen Sie mich noch einmal sprechen, so seien Sie gegen 11 Uhr bei Miramonti, Melitta." - Kuvertiert übergab sie den Brief einerrr Boten, hieß ihn mit der Eisenbahn xxad) Eger fahren und ihn Hauptmanrr Grittano im Proviantnragazin persönlich einhändigen. Automatisch half sie alsdann ihrer Mutter beirn Einpacken. Sie war so unendlich müde — nicht nur körperlich — auch seelisch! Ob es wirklich für sie noch eine Zukunft gab? Mußte nicht alles, was jetzt noch in ihr Leben trat, blaß und farblos sein, nachdem er ihr mit seiner Liebe einen Himmel geschenkt — so glühend und farbenprächtig, wie den seiner Heimat? Und alles das, was sie seit dein ersten Augenblick, in dem sie ihn gesehen, mit heißem, unendlichen Glück erfüllte, sollte nur eine Episode in ihrem Leben bedeuten? Es hieß da einfach: das Kapitel ist zu Ende — zieh einen Strich darunter! Der Reisekoffer war schon halb voll. Jedes Stück, das sie hineinlegte, war untrennbar mit ihm verknüpft. Dieses Kleid

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