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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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Nachdem der Verfasser die Außenseite der Religion der Pharisäer vorgeführt und zur Widerlegung mancher unberechtigter Behauptungen protestantischerseits angewendet hat, geht er zum eigentlichen Kern, zur Darstellung, wie die Pharisäer die traditionelle Glaubenslehre weiter gestaltet haben, über. Der Gottesbegriff der Pharisäer ist der jüdische der Tradition (Gott Abrahams und Moses) und ihre Anschauungen sind von keiner philosophischen Spekulation durchsetzt. Sie sind bestrebt, die die Gottheit vermenschlichenden Ausdrücke der Bibel zu mildern. Ausdrücke wie Hand, Arm, Gesicht Gottes, führen sie auf den Grund zurück, die Bibel pflege sich nach Art der Menschen auszudrücken. Je nach der Intelligenz des Menschen sind auch die Bilder, welche er sich von dem göttlichen Wesen zu machen pflegt, deshalb werden antropomorphistische Anschauungen in der Bibel, wie z. B. die Vision im ersten Kapitel Ezechiel, zur öffentlichen Diskussion nicht zugelassen, um Jrrtümer, welche etwaige Aeußernngen hierüber Hervorrufen könnten, zu vermeiden. Man sagt deshalb auch nicht: Gott habe sich offenbart, sondern die Majestät Gottes, oder die Herrlichkeit Gottes. Solche und ähnliche Wendungen haben den Zweck, den Gedanken, auszuschließen, als gäbe es mehrere Wesen in der Gottheit, oder als daß etwa die Bibel zwei Gottheiten lehre. Wegen der polytheistischen Umgebung bemühten sich die Pharisäer den Gottesbegriff abstrakt zu erhalten, und deshalb wird selbst schon die Aussprache des Gottesnamens vermieden. Daß diese Scheu aber nicht „den lebendigen Glauben erstickt, ihn abstrakt und blutleer gemacht habe," zeigt der Opfermut für seine Religion zu sterben, das Martyrimn und der entsagungsvolle Heroismus, welchen das Judentum stets an den Tag gelegt hat. Ueber die Art der Weltschöpfung wurde nicht spekuliert. Gott ist der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde und alles dessen, was sie füllt. Er hat die Welt aus nichts hervorgeryfen. Wiewohl auch ab und zu die Thora, der Logos, das Wort als die Werkmeister der Schöpfung erscheinen, haben sie dennoch innerhalb des Pharisäischen Judentums niemals den Wert von Hypostasen angenommen, sie werden vielmehr als die bestellten Boten Gottes angesehen. Das Ziel der ganzen Schöpfung ist der Mensch. Ein Mensch wurde nur erschaffen, damit jeder einzelne sagen könne: Ich bin für die sittliche Haltung verantwortlich. Von einer „partikularistischen Vermengung" und , von der „nationalen Bedingtheit" der pharisäischen Weltanschauung kann um so weniger gesprochen werden, als in der ganzen rabbinischen Literatur immer nur von der Gottebenbildlichkeit gesprochen wird. Alle Völker, welche den Erdkreis bewohnen, gehören Gott an, jedoch lehre die tägliche Erfahrung, daß in. dieser Stellung der Völker die Israels eine ganz besondere sei, da doch die Thora öffentlich gegeben und doch nur von Israel allein angenommen worden sei. Für die Wahrheit dieses Satzes spricht auch die sittliche Verkommenheit der Heiden der ganzen uns von damals bekannten Welt. Trotz all dem darf man aber von einem Haffe gegen die Heiden nicht sprechen, da es ausdrücklich heißt, Gott habe Israel den Befehl erteilt, Demut gegen die Fremden walten zu lassen. Der Heide, der den Weg der Tugend wandelt, wird dem Hohepriester gleichgestellt, und nicht findet nur das Königshaus von Adiabene eine Verherrlichung im Judentum, sondern die tugendhaften Proselyten werden sogar in das tägliche Achtzehngebet mit eingeschlossen. Auch das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen ist von den Pharisäern in ganz besonderer Art ausgebildet. Es gibt keinen Ausdruck für ein ZärtlichkeitsverhältniI in der Sprache, welcher nicht auf Gott angewendet wäre. Gott ist der Vater im Himmel und der König der Welt. Das Himmelreich ist bei den Pharisäern der Abhängigkeit von Menschen entgegengesetzt. In viel ausgedehnterem Maße ist aber Gott der Vater, und vor Christus schon ist das Bild der Gotteskindschaft im Judentum eingebürgert. Das gegenseitige Verhältnis zwischen dem Vater im Himmel und seinem Volke ist von bestimmten Leistungen ganz und gar unabhängig, geradeso wie zwischen einem Vater und seinem Kinde. In bezug nun auf dieses Vaterverhältnis besteht insofern ein Unterschied zwischen Judentum und Christentum, als - ersteres dieses Verhältnis zwischen Gott und Mensch nur als uninittelbares anerkennt, während Christus auf Gott-Vater für seine eigene Person in erster Linie einen ganz bestimmten Anspruch erhebt. Die Anschauung des Judentunrs gleicht somit auch jenem Gehorsam, welchen der treue Sohn seinem liebevollen Vater entgegenbringt. Der Zorn Gottes ist kein Affekt, sondern bloß Reaktion gegen alles Niedere und Unsittliche. Er soll deshalb ebenso ertragen werden wie die Wohltat, denn was Gott tut, ist Gerechtigkeit und — wohlgetan. Aber seine Gerechtigkeit wird von der Liebe übertroffen, welche er allen Menschen ohne Unterschied ihres Glaubens zu teil werden läßt. Dieser pharisäische Gottesbegriff ist somit ein Paradoxon, denn derselbe Gott, vor den man mit Scheu und Furcht hintritt, zieht auch jeden durch seine große Liebe an sich heran. Auf diesen Vorstellungen beruhen auch die Pflichten des Menschen, seine Aufgaben und sein Zweck... Die Seelen sind bei der Weltschöpfung mit erschaffen worden, find also rein und müssen auch rein erhalten bleiben. Das Mittel hierzu ist die Gottesfurcht einerseits, die Scheu vor der Sünde, welche durch das sich Vertiefen in die Gotteslehre bedingt ist, andererseits ist es die Heiligkeit, die auf der Heiligung des göttlichen Namens durch die Sittlichkeit beruht. Die Heiligkeit ist somit den Pharisäern nicht etwa die Beobachtung des „Kultischen und Gesetzlichen", sondern die Nachahmung Gottes inseinen ethischen Attributen, und diese ist auch die allerhöchste Pflicht, die allergrößte Aufgabe des Menschen. Zusammengefaßt wird sie schon in der Bibel durch die Worte „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," III. Mos. 19, 18, und von Hillel in die Form umgegossen: „Was Du nicht willst, das man dir thu', das füg^ auch einem anderen nicht zu." Diese vielgerühmten Worte der Nächstenliebe sind Eigentum der Pharisäer, und werden beide Mal im Evangelium als das Gebot; des alten Bundes zitiert. Diese Liebe ist den Pharisäern selbstlose Hilfeleistung und Förderung des Nebenmenschen in jeder Beziehung, dem gegenüber wiederum das Gebot der unbegrenzten Dankbarkeit steht. Zu der Forderung der Heiligkeit gehören auch Opfer, Gebet und Fasten, ohne daß diese irgendwie als Last oder Druck aufgefaßt würden, obwohl sie ohne Gesinnung und Andacht ihren gottesdienstlichen Wert verlieren. - „Jedes Häufen von Formeln auf Formeln, als wolle man sich Gott vernehmlicher machen, ihn erschreien" ist den Pharisäern geradezu verhaßt, im Gegenteil lehren sie „daß das Gebet der Frommen recht kurz sei". Ihnen verdanken wir auch die Schöpfung jener Synagoge, welche frei von allem Kultischen Und Zeremoniellen, von Luxus und Gepränge, und ein Gottesdienst im Geiste ist. ' Das pharisäische Judentum, dem das Streben nach sittlicher Vollkommenheit der Antrieb zur Erfüllung des göttlichen Gesetzes ist, lehrt nicht: „Wer viel leistet, habe viel Lohn zu erwarten, während das Gegenteil Strafe nach sich ziehe", sondern: „Heil dem, der an Seinen Geboten Gefallen hat, jedoch nicht an dem Lohn für die Erfüllung derselben." Vielmehr ist die Belohnung einzig und allein das

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