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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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Entstellung ihres Strebens hat die Verwechslung der Begriffe „Lehre" und „Gesetz" sehr viel beigetragen. Das Wort „Thora" ward nämlich von den griechisch schreibenden Juden durch .„Gesetz" wiedergegeben, und an dieser Übersetzung halten die protestantischen Bibelforscher sest. Freilich, wenn „Thora" und „Gesetz" sich identifizieren ließen, hätten jene Gelehrten recht, wenn sie behaupten, daß durch die Aus- und Weiterbildung des Gesetzes von den Pharisäern das gesamte religiöse und sittliche Leben in die Sphäre des Rechts herabgezogen wurde. Bleiben wir aber bei der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Thora", so wird es sich ergeben, daß die Pharisäer auf jenen Grundzug dieser Lehre hingewiesen haben, welcher nicht bloß auf das Lernen und Lehren, nicht bloß auf das Forschen und Nachsinnen, sondern auch auf das Beobachten und Tun Wert legt. Die Beobachtung der Lehre bezieht sich aber nicht auf die Religion allein, sondern auf jegliches Tun des Menschen, auf sein Verhältnis zum Nebenmenschen, zum Staat, zur Familie und zur Gesellschaft. Wenn nun die Pharisäer die Frömmigkeit zur wichtigsten Aufgabe des Lebens gemacht, so müssen wir darunter jene Frömmigkeit verstehen, welche in der Befolgung der gesamten Lehre bestanden. Unter dem Schlagworte „das Leben unter dem Gesetz" haben die protestantischen Theologen Theorien über die religiösen Vorschriften des Judentums aufgestellt, welche haarsträubend sind. Die alten, längst bekannten verbotenen Arbeiten für den Sabbat werden nochmals der Reihe nach aufgezählt, um zu zeigen, welch ein Joch dem armen jüdischen Volke von seinen Rabbinen auferlegt ward. Die Befolgung des Gesetzes sei ein Rechtsvertrag zwischen Gott und dem Volke und beide wären zum Einhalten bestimmter Versprechungen verpflichtet. Die jüdische Ethik und die jüdische Theologie löst sich bei ihnen in Jurisprudenz auf, welche, eine Vergiftung des sittlichen Prinzips, lähmend und erstarrend auf den frischen Pulsschlag des sittlichen Lebens wirken mußte. Wenn wir durch eine solche Darstellung uns durchgerungen, dann behalten wir den Eindruck, daß das Gesetz auf dem Judentum wirklich gewuchtet und gelastet habe. Aber in drei Abschnitten „Last des Gesetzes", „Gesetz und Gesinnung", „Gesetz, und Moral" entrollt uns nun der Verfasser ein Bild, welches nicht nur das Gegenteil des oben gesagten ist, sondern die Behandlung eines ganz anderen Stoffes, zu sein scheint. Aus jüdischen und nichtjüdischen Quellen wird uns gezeigt, daß die Beobachtung des Gesetzes als Freude, Begeisterung und Wonne aufgesaßt wurde. Dies war auch der Grund, weshalb die Römer sich so sehr zur jüdischen Religion hingezogen fühlten, so daß selbst Seneca, der römische Philosoph und Judenfeind, den Ausspruch getan: „Die Besiegten (Juden) hätten den Siegern (Römern) Gesetze gegeben." Auf das zeremonielle . Gesetz wurde in Wirklichkeit nur deshalb ein solches Gewicht gelegt, weil man es als erzieherisches Mittel zur wahren Gottesfurcht betrachtete. Hätten die Pharisäer bloß strikte Beobachtung des Gesetzes mit Hintansetzung der Gesinnung und des Glaubens verlangt, dann hätten sie auch für das Gebet, die Andacht des Herzens, welche doch so oft und oft betont wird, nichts vorgeschrieben und nicht darauf geachtet, daß der ganze Mensch einheitlich, in sich gefestigt im religiösen Denken und Handeln sei. Den Pharisäern waren nicht alle 613 Gesetze und Verbote von gleich wichtiger Bedeutung und sie standen bei ihnen nicht auf durchaus gleicher Fläche, sondern es mußten von ihnen ganz bestimmte für die höchsten gehalten worden sein, man hätte sonst nicht das pharisäische Judentum als das Volk der Barmherzigkeit, der Demut und Wohltätigkeit charakterisieren können. Lauterkeit des Charakters, Scheu vor der Sünde, Liebe zu Gott, zum Nebenmenschen und zur Tugend sind die höchsten und wichtigsten Prinzipien. Jesus hat somit keine neue Offenbarung für die Pharisäer ausgesprochen, sondern bloß etwas wiederholt, was jenen . längst bekannt, und von ihnen schon früher erstrebt ward. Ohne Berücksichtigung des Umstandes, daß selbst Christus Pharisäer zu seinen Anhängern gezählt, daß das Evangelium ausdrücklich es betont, das zu halten und zu tun, was die Pharisäer sagen, sprechen die protestantischen Theologen immer und immer wieder von einem „Durchschnitt der Frommen", so daß es den Anschein erweckt, als ob es nur wenige Ausnahmen unter den Pharisäern gegeben, welche von wahrer Frömmigkeit beseelt gewesen wären. Nun ist es ja wahr, daß es stets Heuchler in jeder Gemeinschaft gegeben hat, und auch immer geben wird. Aus den Quellen aber des babylonischen Talmud sowohl, als auch aus denen des jerusalemischen, zeigt uns der Verfasser, daß merkwürdigerweise die Pharisäer selbst darum gewußt haben. Sie selber zählen jene Arten ihrer Partei auf, welche einen sehr scharfen Tadel erfahren. Ja noch mehr: der Verfasser zeigt uns, wie sehr die Führer in ihrem Streben nach Wahrheit und-Wahrhaftigkeit alle jene Halben zurückgewiesen, welche nur nach außen als Pharisäer gelten mochten. Nicht nur wurde von ihnen nicht allein auf die Betätigung der Wahrheit besonderer Nachdruck gelegt, sondern sie verlangten auch, daß der wahre Fromme selbst in seinem Innern von reinster Wahrheit beseelt sei. Jede Wohltat, von unedlen Motiven geleitet, bringt trotzdem keinen Segen, hingegen ist jedes edle Motiv schon von hohem Wert, und die Absicht einer guten Handlung dieser selbst gleich. Aus solchen und ähnlichen Beispielen, die der Verfasser anführt, erhellt zur Genüge, daß jeder Verdacht, gegen die Gesamtheit des Pharisäertums erhoben, nichtssagend und eo ipso zurückgewiesen erscheint. Wiewohl das Evangelium nicht zu den Freunden des Judentums überhaupt und zu denen der Pharisäer insbesondere zählt, wird es dennoch als Quelle benutzt, um zu zeigen, wie sehr die Schriftgelehrten sich über das Volk erhaben fühlten, Ehrenbezeugungen für sich beanspruchten, und von welcher Intoleranz sie sich in allen ihren Handlungen leiten ließen. Da aber die protestantischen Theologen keine anderweitigen Belege für diese ihre Behauptungen zur Hand haben, pflegen sie ihre Schilderungen mit den Worten zu schließen, „Ueberhaupt machten die Rabbinen überall auf den ersten Rang Anspruch." Zwar muß nun zugestanden werden, daß die Schriftgelehrten an Intelligenz weit das Volk überragten, anderseits dürfen wir es jedoch nicht unberücksichtigt lassen, daß eben dieselben Schriftgelehrten aus dem Volke hervorgingen und stets sich als zum Volke gehörig betrachteten. Bei ihnen waren Wissen und Gelehrsamkeit niemals Mittel des Gewerbes, und öfters finden Nur es betont, man dürfe nie aus der Gelehrsamkeit Nutzen ziehen. Wenn sie aber doch Hochachtung vor dem Studium predigten, so beanspruchten sie damit nicht etwa die Verehrung ihrer Person, sondern Hochachtung vor der Sache. Als wahrhafter Gelehrter konnte nur derjenige gelten, welcher Bildung und Wissen mit streng sittlichem Tun und Handeln verbunden hatte. Freilich hat es auch Zeiten gegeben, in denen die Schriftgelehrten und Lehrer nicht auf gleicher idealer Höhe gestanden. Dieses gibt aber den protestantischen Theologen noch immer nicht das Recht, ein abfälliges Urteil über die Schristgelehrten in ihrer Gesamtheit auszusprechen. Ueber einzelne Ausnahmen unter den Schriftgelehrten finden wir schon im Talmud manchen Tadel, indem er Gelehrsamkeit ohne wahre Religiosität mit einem Baume von reichem Gezweig, aber schwacher Wurzel vergleicht, der schon von leisem Windstoß umgeworfen werden kann.

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